Sven Gächter: Geschlechterkriegsführung

Was lernen wir aus den Fällen Strauss-Kahn und Kachelmann? Das Verhältnis zwischen Mann und Frau hat den Gefrierpunkt erreicht.

Möglicherweise wird Dominique Strauss-Kahn den 14. Mai 2011 irgendwann in durchaus positiver Erinnerung behalten – als jenen Tag nämlich, der nicht etwa seine Karriere auf einen Schlag zerstörte, sondern als jenen Tag, der ihm den Weg zu einem Erdrutschsieg über Nicolas Sarkozy ebnete. Der Präsidentschaftswahlkampf sei nun wieder völlig offen, nachdem die New Yorker Staatsanwaltschaft die Vergewaltigungsanklage gegen den früheren ­IWF-Chef wegen mangelnder Glaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers fallen zu lassen gedenke, frohlockten die französischen Sozialisten am Freitag der Vorwoche.

Strauss-Kahn war bis zu jenem verhängnisvollen 14. Mai als aussichtsreichster Sarkozy-Herausforderer, danach jedoch nur mehr als „Dead Man Walking“ gehandelt worden – bis zum 1. Juli, als sich in den sozialistischen Planspielen ein Comeback abzeichnete, das Phönix nicht fulminanter hingekriegt hätte.

Ob Strauss-Kahn selbst zu diesem Zeitpunkt schon ähnlich prosaische Gedanken wälzte, spielte in den vorauseilenden Jubelmeldungen seiner Parteigenossen keine Rolle: Sie waren zu sehr mit sich und ihrem Lieblingsfeind Sarkozy beschäftigt, um auch nur eine Sekunde lang zu erwägen, dass ein Mann, dessen Reputation sich vor den Augen der Weltöffentlichkeit pulverisiert hatte, den Rest seines Lebens, sollte ihm ein solches wider Erwarten in Freiheit vergönnt sein, unter allen denkbaren Umständen verbringen können wollte, nur unter gar keinen Umständen jemals wieder in der Öffentlichkeit.

Was am späten Vormittag des 14. Mai in der Presidential Suite des Nobel­hotels Sofitel in Manhattan tatsächlich geschah, wird nie restlos aufgeklärt werden. Nur zwei Menschen wissen es genau: Strauss-Kahn und eine 32-jährige Hotelangestellte aus Guinea. Dass es zu sexuellen Handlungen zwischen den beiden kam, steht außer Frage, nicht jedoch deren Einvernehmlichkeit. Aussage gegen Aussage – ein Gericht kann bei der Wahrheitsfindung letztlich nur auf die Glaubwürdigkeit der Beteiligten abstellen. Die Glaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers wurde während der Ermittlungen offenbar so gravierend erschüttert, dass die von der Frau vertretene Version der Ereignisse berechtigte Zweifel nährte. Im paradoxesten Fall hätte sie, was den Tatbestand der versuchten Vergewaltigung betrifft, zwar die Wahrheit gesagt, wäre aufgrund anderer Widersprüche und ­Lügen damit jedoch nicht durchgekommen.

Bedrückend ist das nicht deshalb, weil die voyeuristische Neugier des massenmedial angefütterten Publikums nie abschließend befriedigt wird; bedrückend ist es, weil es den ohnehin chronisch angespannten Diskurs zwischen den Geschlechtern auf den Gefrierpunkt zurückwirft. Die Fronten verhärten sich wieder entlang archaischer Argumentationslinien: auf der einen Seite die Frauen, die angesichts zwanghaft triebgesteuerter Power-Machos wie Dominique Strauss-Kahn oder Jörg Kachelmann allen Grund zu haben glauben, in jedem Mann einen potenziellen Vergewaltiger zu sehen; auf der anderen Seite die Männer, die allenthalben weibliche Verschwörungspraktiken wittern. Selbst ein nach allen Regeln der psychologischen Geschlechterkriegsführung durchgepeitschter Musterprozess wie jener gegen den Schweizer Wettermoderator brachte keine Klärung, ­geschweige denn Entspannung: Kachelmann wurde freigesprochen; also ist er unschuldig, ­sagen die ­einen. Es war ein Freispruch „zweiter Klasse“, mangels ausreichender Beweise; die Schuldfrage bleibt weiterhin offen, ­halten die anderen ungerührt da­gegen.

Die Erbitterung dieser Debatte erklärt sich nur an der Oberfläche durch den ungebremsten Zusammenprall feministischer und chauvinistischer Denkmuster; im Kern geht es um übermächtige Konstanten der menschlichen Existenz – Sexualität und Gewalt – und die Frage, wie eine ­zivilisierte, also der existenziellen Menschenwürde ­verpflichtete Gesellschaft den Umgang damit reflektiert und regelt. Die Fälle Strauss-Kahn, Kachelmann, Schwarz­enegger, Weiner etc. beweisen, dass die Gesellschaft es bis heute nicht geschafft hat, Sexualität von Gewalt zu entkoppeln – sie schafft es ja nicht einmal, gewaltfrei über Sexualität zu diskutieren.

Deshalb werden die Fälle Strauss-Kahn, Kachelmann, Schwarzenegger, Weiner etc. auch zu keinem zivilisatorischen Erkenntnisgewinn führen, sondern zu einer Zementierung der allerdumpfsten Klischees: Männer sind Schweine – Frauen sind Luder.

Am Freitagabend wurde Dominique Strauss-Kahn nach eineinhalb Monaten verschärften Hausarrests wieder auf freien Fuß gesetzt. Sein Fall mag damit im großen Ganzen erledigt sein, das Grundproblem ist es nicht: die Aufladung von Sex mit Angst.

sven.gaechter@profil.at