<small><i>Sven Gächter</i></small>
Krawallchargen

Was lernen wir aus der aktuellen Integrationsdebatte? In Wahrheit nichts – aber darum geht es auch niemandem.

Thilo Sarrazin wird Unrecht getan! Seine pauschale ­Geringschätzung gilt nämlich keineswegs nur Migranten islamischer Herkunft – auch für seinesgleichen hat der Mann nicht sehr viel übrig. „Der Dummheitskoeffizient scheint leider in deutschen Banken besonders hoch zu sein“, meinte er einmal. „Generell gilt ja die Regel: Je dümmer ­einer ist, umso mehr wächst das Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten.“ Dass Sarrazin vergangenen Donnerstag seinen Rücktritt aus dem Vorstand der Deutschen Bundesbank erklärte, um jeden Dummheitsverdacht aus der Welt zu schaffen, wäre allerdings wohl eine unzulässige Interpretation – auch deshalb, weil sein Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten von weiten Teilen der Bevölkerung massiv gestützt wird.

Sarrazin lässt sich das Verdienst zuschreiben, mit seinen in Buch- und Interviewform verbreiteten Thesen zur Integrationsunfähigkeit moslemischer Zuwanderer eine längst überfällige „Mega-Debatte“ losgetreten und damit das ­politische Establishment (nicht nur in Deutschland) kalt ­erwischt zu haben. Das ist nur eine von vielen Tatsachenverdrehungen, die derzeit eine schwindlige Hochkonjunktur erleben: Die Integrationsproblematik wird in Europa seit Jahren ebenso intensiv wie kontrovers thematisiert, alle Fakten, Statistiken und Argumente sind bekannt und durch ­Gegenstatistiken und Gegenargumente so hinreichend abgesichert, dass man sich fragt, warum nun ausgerechnet ein saturierter Banker und SPD-Renegat einen solchen Pub­licity-Orkan damit entfachen kann.

Ja, warum eigentlich? Weil er offen ausspricht, was die schweigende Mehrheit sich nur zu denken traut? Weil er die Stimmungslage in der Bevölkerung sensibel erspürt und auch nicht davor zurückschreckt, ­Tabus zu brechen? Weil er, ganz einfach, Recht hat? Oder weil er, noch einfacher, ein populistischer Selbstdarsteller ist, der keine höhere Instanz respektiert als den Stammtisch und die nicht sonderlich anspruchsvolle Kunst beherrscht, daraus reichlich Kapital zu schlagen? Das zumindest verbindet ihn mit politischen Krawallchargen, wie man sie in Österreich (aber auch anderswo) schon viel zu lange kennt.

Nichts, was die Herren Sarrazin, Strache, Wilders & Co zum Thema „Ausländer“ (und sie haben kein anderes Thema – ihre kleine Welt besteht merkwürdigerweise nur aus Ausländern) von sich geben, ist klug, originell oder in einem weiterführenden Sinne bedenkenswert, weil sie nicht an Problemen und deren Lösung interessiert sind, sondern ausschließlich daran, Probleme für krude Selbstprofilierungen und Aufmerksamkeitsscharmützel zu missbrauchen. Deshalb verlaufen die von solchen Figuren angezettelten Debatten auch immer nach demselben einförmigen Muster: Geschrei provoziert Gegen­geschrei, und im allgemeinen Tumult verfestigt sich der trügerische Eindruck, hier werde Substanzielles abgearbeitet – während das Substanzielle ­dabei in Wahrheit garantiert auf der Strecke bleibt.

Man verleugnet die so genannte Integrationsproblematik nicht, wenn man sich ärgert, wie darüber diskutiert wird, derzeit wieder einmal besonders laut und stumpfsinnig. Keine Pseudostatistik ist windschief, keine Halbwahrheit unausgegoren genug, um nicht für die wohlfeile Ausweidung von Ressentiments herzuhalten. Denn tatsächlich geht es in erster Linie um Ressentiments und deren Fortbestand; alle scheinheilig beigebrachten Fakten dienen nur dazu, längst vorgefertigte Meinungen zu stützen.

Erkenntnisgewinn wird nicht angestrebt, er wäre sogar eher hinderlich bei der Reproduktion eingängiger Klischees. Die gesellschaftspolitische Herausforderung Integration degeneriert dadurch zu einem immerwährenden Mummenschanz von unheilbaren Zivilisationsneurotikern und ihren begeisterten Anhängern.

Es ist nicht zu erwarten, dass der allgemeine Anti-Islam-Hype bald – oder irgendwann – zu einem produktiven Umgang mit der Frage führt, wie eine multikulturelle Realität frei von sozialromantischen Fantasien, vor allem aber frei von reaktionärem Überlegenheits- und Ausgrenzungsrausch zu gestalten wäre. Thilo Sarrazin trägt mit seinem schnoddrig zusammengeschusterten Bauchladen von halbseidenen Thesen dazu letztlich nicht viel mehr bei als die dauer­plärrenden blauen Recken in Österreich, weil sie gleichermaßen von der dumpfen Prämisse ausgehen, dass Integra­tion schlechterdings nicht funktionieren kann, und alle ­argumentativen und propagandistischen Anstrengungen in den Dienst dieser unerschütterlichen Überzeugung stellen. Der Ignoranz- und Dummheitskoeffizient ist eine stabile Größe, und solange er sich so ergiebig ausschlachten lässt, wird er es auch bleiben.

sven.gaechter@profil.at