Sven Gächter: Netflix, das Mantra vom "Ende des Fernsehens"

Sven Gächter: Netflix, das Mantra vom "Ende des Fernsehens"

Eine Werbekampagne darf dann als besonders erfolgreich gelten, wenn ihre propagandistische Substanz punktgenau in der angepeilten Öffentlichkeit ankommt und ungefiltert weiterverbreitet wird.

In diesem Sinne hat Netflix ganze, aber wirklich ganze Arbeit geleistet, was sich unter anderem darin äußert, dass zum fulminant orchestrierten Europastart allenthalben aufgeregt das Mantra vom ultimativen "Ende des Fernsehens" nachgebetet wird. Ist hier nun die manipulative Kraft des Faktischen am Werk oder vielmehr die faktische Kraft der Manipulation?

Tatsächlich gibt es neben Netflix eine durchaus respektable Reihe anderer Streamingdienste, die noch dazu, gerade in unseren Breitengraden, oft über ein attraktiveres Repertoire verfügen, weil sie sich frühzeitig die Rechte an publikumsträchtigen Filmen und Serien sicherten, zum Beispiel - ausgerechnet! - an der Netflix-Flaggschiffproduktion "House of Cards", die wiederum bei aller unbestrittenen Brillanz schon deshalb nicht das Ende des Fernsehens markieren kann, weil sie in Wahrheit die Standards des konventionellen, gehobenen Serienfernsehens fortschreibt (und im Übrigen, so viel historische Gerechtigkeit muss sein, das US-Remake einer BBC-Vorlage aus dem Jahr 1990 ist). "The Revolution Will Not Be Televised", proklamierte der US-Musiker und Poet Gil Scott-Heron anno 1970. Es wäre ein perfekter Slogan für alle Streamingportale, wenn sie etwas radikal Anderes anzubieten hätten als unterm Strich halt doch wieder nur - Fernsehen.

sven.gaechter@profil.at