<small><i>Sven Gächter</i></small>
Niedertrachtenfest

Seit 20 Jahren hat die FPÖ außer Erregung nichts zu bieten – aber das reicht ihr auch vollauf.

Es ist vermutlich nicht leicht, H. C. Strache zu sein. An manchen Tagen fällt es vielleicht sogar H. C. Strache schwer, H. C. Strache zu sein: immer jugendlich-dynamisch, immer unter Hochdruck, immer verbissen, erregt, entrüstet. Von seinem übermächtigen Vorbild Jörg Haider hat Strache eine ebenso einfache wie strapaziöse Job Descrip­tion übernommen: Schwing dich zum Sprachrohr derer auf, die sich im großgesellschaftlichen Zusammenhang aus ­irgendwelchen Gründen deklassiert fühlen, indem du ihre Ressentiments zum Schwingen bringst – gegen die Etablierten und Überprivilegierten, vor allem aber gegen die wirklich Deklassierten, die schon aufgrund ihrer Herkunft keine gültige Existenzberechtigung genießen, jedenfalls nicht in Österreich!

Man muss von solchen Überzeugungen zutiefst beseelt sein, um sie glaubhaft und unbeirrbar lautstark vertreten zu können. Noch anstrengender wäre es auf Dauer wohl nur, die Demagogennummer lediglich zu spielen, weil man sich dabei insgeheim selbst nicht für ganz voll nehmen kann. Nein, Rechtspopulismus ist ein ernsthaftes Geschäft, ironiefrei, fulltime und Hardcore. Niemand wird H. C. Strache ­darum beneiden – niemand sollte ihn deshalb aber auch ­bemitleiden.

Was bliebe eigentlich von der FPÖ, wenn sie ohne ­ihren langjährigen Kampagnenturbo – Erregung ­öffentlichen Ärgernisses – auskommen müsste? In der Substanz wenig bis nichts, was jedoch keine besondere erkenntnistheoretische Bedeutung hat, denn das freiheitliche Aufmerksamkeitsmanagement läuft seit 20 Jahren auf Hochtouren, immer nach demselben monotonen Funktionsprinzip zwar, aber anhaltend wirkungsvoll. ­Never change a winning scheme! Der Tatbestand der Verhetzung, zuletzt wieder drastisch durch ein ­Anti-Minarett-Spiel und einen Anti-Türken-­Comic erfüllt, generiert offenbar konstant hohe Wählersympathien. So langweilig und fruchtlos es erscheint, ­dagegen Position zu beziehen, so unerlässlich bleibt es. In Teilen des Establishments – sei es in der Politik, sei es in den Medien – verfestigt sich mittlerweile ein bedenklicher Konsens, wonach der Tabubruch, wenn er nur hartnäckig (und erfolgreich) ­genug betrieben wird, ein ­probates und deshalb zulässiges Mittel zur Aufarbeitung vermeintlicher Missstände darstelle, zumal offenbar hinreichend weite Teile der Bevölkerung sich bedenkenlos damit identifizieren können.

Vor genau diesem Hintergrund hat die FPÖ es geschafft, das Reiz- und Dauerthema Ausländer zu monopolisieren und die politische Stimmung im Land so nachhaltig zu vergiften, dass die permanente Provokation ihr in der Sache von manchen mehr oder weniger heimlich sogar als verdienstvoll ausgelegt wird: Irgendwas muss ja wohl dran sein, nicht wahr? So ernten Strache & Co grinsend den Lohn ­jener Angst, die sie penetrant säen – nicht ohne sich nebenbei dummdreist zu wehrlosen Märtyrern des so genannten Gutmenschenterrors hochzustilisieren.

„Weil ER die Wahrheit sagt und Wahlen gewinnt, ­jagen die Mächtigen IHN.“ Das aktuelle FPÖ-­Inserat beweist, dass Heinz-Christian Strache auch in der öffentlich-symbolischen Selbstdarstellung der Pionierarbeit seines ungeliebten Übervaters Jörg Haider nichts entgegenzusetzen hat, geschweige denn etwas Neues. Schon der Kärntner Tribun gefiel sich immer wieder in der Pose des Verfolgten, dessen unerschrockenes Eintreten für die mit Füßen getretenen Rechte einer bang schweigenden Minderheit von den Repräsentanten einer saturierten Majorität brutal ­bestraft werde. Diese Rollenzuschreibung ist an strategischer Niedertracht schwer zu übertreffen: Eine Partei, ­deren Programm über weite Strecken auf die Ausgrenzung einer neuralgischen Minderheit – nämlich der Ausländer – zugeschnitten ist, nimmt auf der anderen Seite ­allen Ernstes den Ausgegrenzten- und Vertriebenenstatus in Anspruch.

Anschaulicher kann politische Kultur sich nicht pervertieren. Die FPÖ mit ihren einschlägig bekannten Protagonisten beklagt bei jeder Gelegenheit weinerlich die Diskursverweigerung der Gegenseite, während sie in Wahrheit nichts weniger im Auge hat als einen Diskurs, dem sie mangels substanzieller Argumente ohnehin kaum gewachsen wäre. H. C. Strache ist aus sehr naheliegenden Gründen keine Sekunde daran interessiert, soziale und politische Probleme zu lösen, weil die Lösung der – vermeintlichen oder tatsächlichen – Probleme ihm mit sofortiger Wirkung die einzige Geschäftsgrundlage entziehen würde, auf die er glaubwürdig verweisen kann: die Produktion und Distribution von Aufregung. So langweilig und fruchtlos es erscheint, sich davon immer wieder abgestoßen zu fühlen, so unerlässlich ist und bleibt es.

sven.gaechter@profil.at