Sven Gächter: Anstandslos

Sven Gächter: Anstandslos

Politische Korrektheit war in Österreich nie besonders populär. Inzwischen ist sie völlig am Ende.

Der Wert von Statistiken bemisst sich nicht zuletzt nach ihrer Verwertbarkeit für propagandistisches Schindluder. Auf der Facebook-Site von Heinz-Christian Strache wird unter dem Titel „Ausländische Mautsünder auf Österreichs Autobahnen“ eine in den Augen ­aller bekennenden Anhänger der „sozialen Heimatpartei“ höchst skandalöse Entwicklung festgehalten: 2010 – 126.805; 2014 – 166.697. Woher diese Zahlen stammen und wie sie erhoben wurden, ist nirgendwo ausgewiesen, für das einschlägige Publikum aber auch vollkommen unwichtig, weil es in solchen Fragen weniger um wissenschaftliche als um agitatorische Relevanz geht, wie gleich das allererste Posting eines gewissen Andi Renton R belegt: „Gibt’s da Statistiken wieviele davon muslimisch sind oder Gutmenschen?“

Vielleicht ist Andi Renton R im richtigen Leben ein durchaus friedfertiger Scherzbold, aber bei zwei Sorten von Zeitgenossen hört sich für ihn der Spaß ganz offensichtlich auf, wobei man vermuten darf, dass er den landläufigen Gutmenschen mit noch ausgesuchterer Inbrunst verachtet als jeden x-beliebigen Muslim, denn der kann ja ­immerhin nichts dafür, muslimisch zu sein. Der Gutmensch hingegen ist aus freien Stücken Gutmensch und deshalb per se besonders suspekt.

In den 1980er-Jahren schwappte aus den USA eine Denkströmung nach Mitteleuropa, die bestimmte Regeln im Umgang mit Minderheiten festschrieb: political correctness, kurz: PC. Dahinter stand der noble Gedanke, offen oder ­latent diskriminierende Handlungs- und Ausdrucksweisen zu unterlassen. Politische Korrektheit, in Wahrheit auch eine Wiedergutmachungsoffensive des weißen Establishments, das seine Herrschaft über Jahrhunderte hinweg auf Diskriminierung gegründet hatte, wurde bald zum verbindlichen Richtmaß für die Zivilisiertheit eines Gemein­wesens. In Österreich brauchte PC etwas länger als anderswo, um über erzliberale Kreise hinaus eine gewisse Wirkungskraft zu entfalten. Sehr viel schneller als anderswo jedoch formierte sich der Widerstand gegen das amtlich verordnete Toleranzdiktat. Dankbar griffen Jörg Haider und seine Gesinnungsgenossen das abgefeimte Unwort vom „Gutmenschentum“ auf – als Platzhalter für alles, was eine selbstgefällige links-linke Schickeria aufrechten, wehrlosen ­Österreichern an sprachlichen und weltanschaulichen Verrenkungen zumutet.

Trotzdem verfestigte sich, zumindest abseits des freiheitlichen Undergrounds, allmählich auch in Österreich ein Grundkonsens über Sinn und Zweck von politischer Korrektheit, die ja tatsächlich nichts anderes bedeutet, als eine Gesellschaft konsequent nach den Prinzipien mitmenschlichen Anstands und Respekts auszurichten. Dieser Grundkonsens ist von ­einem namhaften Teil der Bevölkerung aufgekündigt worden (soweit sie sich ihm überhaupt je verpflichtet fühlte). In der Flüchtlings-, in der Integrations- und in der Arbeitsmarktdebatte schlagen nicht nur notorische Internet-Berserker und blaue Gewohnheitshetzer, sondern auch rote und schwarze Funktionäre bis hinauf zur Landeshauptmannebene menschenverachtende Töne an, die an blanke Wehrhaftigkeit grenzen. Hemmschwellen bestehen keine mehr, und wo es trotzdem noch welche geben sollte, wird ihre Missachtung offen bejubelt. Der routinemäßige Verweis auf die Sorgen der „ein­fachen Leute“ dient der Politik als Allzweck-Alibi für das billige Spiel mit ausländerfeindlichen Ressentiments.

Die Konfrontation zwischen den Fürsprechern von humanitärer Umarmung und den Hardlinern radikaler Ab- und Ausgrenzung ist kein neues Phänomen. Sie hat sich inzwischen aber, was die Unversöhnlichkeit der Haltungen betrifft, so dramatisch aufgeschaukelt, dass sie das Land zu spalten droht. (profil widmet dieser prekären Gemengelage deshalb auch die aktuelle Titelgeschichte.) Dass die FPÖ laut Umfragen schon bald die 30-Prozent-Schallmauer durchbrechen wird, hat wenig mit Heinz-Christian Straches programmatischen Visionen zu tun und sehr viel mit einer dumpfen Grundstimmung, die sich längst ungebremst Bahn bricht.

„Und wenn Sie Frau Mikl-Leitner in der Zeitung Aussagen tätigen für Sie sei Obdachlosigkeit keine Alternative dann fangen Sie BITTE bei unseren Österreichischen Obdachlosen an ich denke wir haben genügend davon ... und wenn es so weiter geht hier dann werden es sich noch mehr österreichische Obdachlose, denn hier kann man sich nichts mehr leisten. Ihrer Aussage : Für das gesamte heurige Jahr erwarten wir 50.000 Flüchtlinge in Österreich......KOMMT mir die Galle hoch erklären Sie uns bitte wohin mit den Menschen???“

Das und noch einiges mehr schreibt eine gewisse Maria Punz, und sie schreibt es nicht etwa in Straches Stammbuch, sie schreibt es auf der hetzerischer Tendenzen durchaus unverdächtigen Facebook-Site von Außen- und Integrationsminister Sebastian Kurz. Abgesehen davon, dass in der besten aller denkbaren Welten neben der politischen auch die grammatikalische Korrektheit regieren sollte, öffnen sich hier Abgründe, die selbst den verbohrtesten Gutmenschen ein gerüttelt Maß an schwindelfreier Empathie abverlangen.