Sven Gächter: Sicher nur ein schlechter Scherz

Sven Gächter: Sicher nur ein schlechter Scherz

„Neue Studie zeigt: Heidi Klum bringt Zuschauer zum Kotzen!“, ätzte das Satiremagazin ­„Titanic“ am 12. Mai in einem Cartoon.

Zwei Tage später wurde das große Staffelfinale von „Germany’s Next Topmodel“ wegen einer anonymen Bombendrohung abgebrochen. Während die Old-School-Presse noch geflissentlich Chronologie, Hintergründe und Konsequenzen der dramatischen Ereignisse rapportierte, lief die Social-Media-Maschinerie schon auf Hochtouren. Für die Instant-Verbreitung von Verschwörungstheorien gibt es bekanntlich kein effizienteres Trägermedium als das Internet. Vor allem die p.t. Twitteria brauchte nicht lange, um einen griffigen Konsens zu finden: Alles nur ein abgekarteter PR-Coup! „Schwächelnde Quoten, da musste eben ein ,Knaller‘ her“, befand Mrs._N, sichtlich stolz auf die subtile Doppelbödigkeit der Formulierung. „Für den Sprengstoff-Gürtel zu dünn“, feixte ein anderer: „Verdacht aber bleibt: Rekrutiert die IS-Personalabteilung demnächst durchgefallene GNTM-Kandidatinnen?“

Und da es nie früh genug sein kann, einen schlechten Witz durch einen noch schlechteren zu toppen, folgten unweigerlich krude „Charlie Hebdo“-Paraphrasen von der Güteklasse „Je suis Heidi“ und „Je suis GNTM“. Auch User @essenistgeil (!) ließ sich nicht zweimal um eine gebührend prägnante Textspende bitten: „Ich geh in die Luft, wenn mir noch einer sagt, dass die Witze niveaulos sind. Das sprengt meine Toleranzgrenze.“ Nur die Kollegen von „Titanic“ gaben sich ungewohnt einsilbig: „Wegen Bombendrohung: Alle GNTM-Witze fallen aus! (Evakuierung nach Twitter)“ Sicher nur ein schlechter Scherz.

sven.gaechter@profil.at