Der unbarmherzige Verletzte: Ein Nachruf auf Manfred Deix

Kommt sein Cartoon oder kommt er nicht? Deix zeichnete jahrelang für profil

Kommt sein Cartoon oder kommt er nicht? Deix zeichnete jahrelang für profil

Nur im Umgang mit seinen Katzen konnte man ihn wirklich kennenlernen. Peter Michael Lingens, ehemaliger profil-Chefredakteur, erinnert sich an seine Zusammenarbeit mit Manfred Deix, der am Samstag im Alter von 67 Jahren gestorben ist.

Unter den ziemlich vielen, extrem begabten, extrem schwierigen Mitarbeitern des frühen profil – Reinhard Tramontana, Sigrid Löffler, Bernhard Paul, Gottfried Helnwein, Manfred Deix – war er unter den zweifellos genialsten: Nachdem sie ihre zweiten Blätter bei uns abgeliefert hatten, prophezeite ich Deix wie Helnwein Weltgeltung, und Deix hat sie mit seinen Karikaturen wie Helnwein mit seinen Porträts zweifellos errungen.

Sein Tod nach 67 Jahren eines exzessiven Lebens – „ich arbeite, zeichne, rauche, saufe“ – lässt vermuten, dass er dem ähnlich früh verstorbenen, feinsinnigen und verletzlichen Autor des einstigen „profan“ Reinhard Tramontana, an persönlicher Schwierigkeit nicht nachstand. Ich weiß nicht, was ihn in seiner Kindheit in einem niederösterreichischen Gasthaus so sehr verletzt hat – aber die Verletzung war jedenfalls so schwer, dass er sie zeitlebens betäuben musste. Letztlich verantwortet sie auch seinen vorzeitigen Tod.

Zu profil gelangt war er durch einen anderen graphisch Hochbegabten: Bernhard Paul, heute als Gründer und Betreiber des Zirkus Roncalli wie Deix eine kulturelle Institution, war der erste Art-Direktor des profil und schlug mir seinen ehemaligen Kollegen an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt, Manfred Deix, als Cartoonisten und Gottfried Helnwein als Illustrator vor.


Er wollte sehnsüchtig erwartet werden. Und was er denn gab, war so atemberaubend, dass man ihm in der Sekunde verzieh.

Helnwein, der damals vor allem versehrte, verängstigte Kinder und blutrünstige Machos, denen Klemmen das Gesicht verzerrten, zu Papier brachte, so dass man sich in seinem Atelier wie auf einer psychiatrischen Station fühlte, war der einzige im Umgang überhaupt nicht schwierige, absolut zuverlässige, bestens organisierte in diesem genialen Trio: Wenn man mit ihm noch so kurzfristig eine noch so aufwendige Illustration für ein Titelbild ausmachte, hatte man sie pünktlich auf dem Tisch. Bernhard Paul, mit diesem unglaublichen Gespür für die graphische Genialität anderer, lieferte Titelbilder immer später als vereinbart, bei Manfred Deix musste man gelegentlich die Druckerei ersuchen, etwas später anzudrucken, weil sein Cartoon noch nicht da war. Bald nannte ich ihm grundsätzlich um mindestens einen Tag verfrühte Abgabe-Termine, die er dann gefahrlos gewaltig überzog, bis er den Trick bemerkte und mir wütend vorwarf. Ich musste mich wieder auf das alte Zittern – Kommt sein Cartoon oder kommt er nicht? – einlassen, und heute glaube ich, dass er diese Anspannung brauchte: Er wollte sehnsüchtig erwartet werden. Und was er denn gab, war so atemberaubend, dass man ihm in der Sekunde verzieh.

Die vielen Miteigentümer des profil – nach Oscar Bronner waren es die verschiedensten, fast durchwegs öffentlich sehr angesehenen Industriellen – verziehen ihm nicht so rasch, denn in seinen Karikaturen lotete er grundsätzlich Grenzen aus: Angehörige des katholischen Cartellverbandes, dem nicht wenige der Eigentümer angehörten, waren bei ihm bebrillte Urbilder innerer Verklemmung und äußerer Verlogenheit – an Widerlichkeit nur von den Mitgliedern von Burschenschaften oder Veteranenverbänden übertroffen. Eigentlich hatte ich nach jeder zweiten Ausgabe alle Hände voll damit zu tun, irgendeinem Eigentümer zu erklären, dass Karikaturisten eben zuspitzen müssten – dass die kritische Übertreibung zur Freiheit der Kunst zähle und untrennbar mit ihr verbunden sei.


Manfred Deix stellte Schwächen mit absoluter Unbarmherzigkeit bloß – er war darin ganz großen Malern von Francisco Goya bis George Grosz ebenbürtig.

Wären unter diesen Eigentümern nicht ausnehmend viele extrem Tolerante und einige damals besonders einflussreiche – etwa Heinrich Treichl – gewesen, die Deix als großen Künstler begriffen und hätte ich damals bei ihnen keinen so starken Rückhalt besessen, Deix hätte einige seiner Karikaturen einflussreichster Politiker und selbst Kirchenfürsten nicht überlebt, denn Weltruhm und damit Immunität besaß er damals noch nicht.

Es gab einen einzigen einflussreichen Prominenten, den er bis zuletzt – auch im Zuge einer ziemlich zur Karikatur einladenden Steueraffäre – mit seiner Bosheit verschonte: Hannes Androsch, dem man bis heute in Galerien, Theatern oder Konzertsälen ständig begegnet, war der erste, der ihm eine Karikatur abkaufte. Mich karikierte er während meines Strafprozesses mit der üblichen Schonungslosigkeit und profil beförderte die Karikatur mit der gewohnten Unparteilichkeit zum Druck.

Manfred Deix stellte Schwächen mit absoluter Unbarmherzigkeit bloß – er war darin ganz großen Malern von Francisco Goya bis George Grosz ebenbürtig. Vor allem seine frühen Blätter waren, obwohl nur als Aquarelle ausgeführt, eigentlich Gemälde – sie hängen heute zu Recht für immer in einem Museum in Krems.
In späteren Jahren arbeite er, auch unter dem Druck seines ständigen Geldmangels – er gab grundsätzlich mehr aus als er einnahm, sowohl solange er viel zu wenig als auch, als er reichlich verdiente – nicht mehr so penibel und rotzte Manches nur mehr hin. Die Texte in seinen Cartoons wurden länger, die graphische Ausgestaltung kursorischer. Seine Stellung als „Maler“ übernahm meines Erachtens zunehmend Gerhard Haderer. Was er freilich blieb, war der scharfsichtigste Kritiker alles Reaktionären – dessen es in Österreich ja genügend gibt.


Nur im Umgang mit seinen Katzen konnte man ihn freilich wirklich kennenlernen.

Seine Cartoons zählten bis zuletzt zu den besten Kommentaren der Zeitgeschichte – sie kommen uns im ungünstigsten Moment abhanden.

Seiner Unbarmherzigkeit im Umgang mit den Schwächen anderer Menschen stand seine stadtbekannte Liebe zu versehrten, verletzten, behinderten Katzen gegenüber. Er beherbergte bekanntlich bis zu achtzig Stück in seinem Haus, so dass man ihn dort nur besuchen konnte, wenn man, wie ich, einen gestörten Geruchssinn hat.

Nur im Umgang mit seinen Katzen konnte man ihn freilich wirklich kennenlernen: Am meisten liebte er die, die einen Fuß, ihr Gebiss, ihr Augenlicht verloren hatten – die ohne seine Fürsorge unweigerlich umgekommen wären.
Sie pflegte er mit aller Liebe, Hingabe und Aufmerksamkeit. Als einer seiner einbeinigen Kater starb, war er durch Tage unansprechbar.
Es bedarf keiner Psychoanalyse, um zu begreifen, wie sehr er sich mit dieser Versehrtheit und diesem Verletzt-Sein identifizierte.
Die Frau, die in der Lage war, dieses Verletzt-Sein durch Jahrzehnte zu lindern und die ihn jetzt verliert, verdient meinen größten Respekt.

peter.lingens@profil.at