Wir brauchen unsere eigenen Tech-Bros
Die Wiener Festwochen glauben, sie hätten die Bevölkerung vor etwas geschützt, indem sie den Tech-Milliardär Peter Thiel nach Protesten wieder ausgeladen haben. Hier liegt ein Missverständnis vor. Tatsächlich haben sie uns eine wichtige Möglichkeit genommen, einen Mann zu beobachten, der längst unser Leben mitbestimmt – und es künftig vielleicht sogar beherrschen wird. Es wäre durchaus sinnvoll, zu verstehen, welcher Schlag Mensch da die Weltherrschaft an sich reißen will. Und: Wer nur jene Gedanken zulässt, die im eigenen Milieu beklatscht werden, betreibt keine Aufklärung. Er betreibt betreutes Denken. Das ist das Gegenteil dessen, was Kultur leisten sollte.
Wir hätten Thiel zuhören und von ihm lernen sollen. Nicht aus Bewunderung, sondern um wehrhaft zu werden. Thiel ist Mitgründer von Palantir, einem Unternehmen, das Datenanalyse- und Sicherheitssoftware für Staaten liefert. Er unterstützte Donald Trump bereits 2016 und gehört zu jenen Tech-Milliardären, die die globale politische Ordnung mitgestalten wollen. Er träumt vom Weltuntergang, einer neuen Gesellschaft und Parallelwelten, in denen sich die sehr Reichen aus der Zumutung demokratischer Kontrolle befreien können.
Elon Musk ist die schrillere Verkörperung derselben Bewegung. Mit X kontrolliert er einen Kommunikationsraum, den Milliarden Menschen nutzen; mit Starlink ein Satellitennetz, das in Kriegen und Krisen über Verbindung oder Abschaltung entscheiden kann. Alex Karp, Chef von Palantir, fordert in seinem Buch „The Technological Republic“ eine neue Allianz aus Staat, Militär und Technologie. Seine Anhänger lesen das als „Weckruf“. Man sollte darin aber auch die gefährliche Verschmelzung von Konzerninteressen, Überwachungstechnologie und Staatsmacht erkennen.
Die Tech-Bros sind keine schrulligen Milliardäre, die im Silicon Valley vor sich hinspinnen. Sie besitzen Plattformen, auf denen wir unser tägliches Leben teilen. Sie sammeln Daten, die uns vermessen. Sie verfügen über Satellitennetze, auf die Staaten und Armeen angewiesen sind; über Software, mit der Polizei, Militär, Verwaltung und Geheimdienste arbeiten. Die Nutzung dieser Produkte führt in die Abhängigkeit.
So sehen diese Menschen die Welt: Der Staat stört, die Demokratie bremst. Regulierung ist für sie unzulässige Freiheitsberaubung. Öffentlichkeit ist etwas, das man besitzt. Der Mensch ist nicht Bürger, sondern Nutzer, ein Datensatz. Gesellschaft ist ein Versuchslabor für jene, die genug Geld haben, um die Regeln selbst zu schreiben.
Die Tech-Bros sind keine schrulligen Milliardäre, die im Silicon Valley vor sich hinspinnen. Sie besitzen Plattformen, auf denen wir unser tägliches Leben teilen. Sie sammeln Daten, die uns vermessen. Sie verfügen über Satellitennetze, auf die Staaten und Armeen angewiesen sind; über Software, mit der Polizei, Militär, Verwaltung und Geheimdienste arbeiten. Die Nutzung dieser Produkte führt in die Abhängigkeit.
Partei Silicon Valley
Diese Männer machen also längst Politik. Nicht, indem sie sich freien Wahlen stellen, sondern indem sie die Bedingungen vorgeben, unter denen die Politik agiert. Und indem sie jene Politiker finanziell unterstützen, die ihrer Sache dienen: Donald Trump etwa oder rechtspopulistische Parteien in Europa.
Die EU erkennt langsam, was uns hier blüht, und versucht, mit Regeln dagegenzuhalten: Digital Services Act, Digital Markets Act, AI Act, DSGVO. Digitale Plattformen sollen nicht nach Gutsherrenart regiert werden dürfen. Daten sollen nicht grenzenlos ausgebeutet werden – und KI soll nicht einfach unreguliert über Grundrechte, Arbeit und Sicherheit hinwegrollen.
Solche Regeln sind aber nur eine erste, dünne Schutzhülle. Wenn wir den Tech-Ideologen wirklich etwas entgegensetzen wollen, brauchen wir echte Alternativen. Digitale Souveränität bedeutet: die Kontrolle über eigene Daten, Software und Infrastruktur zurückzugewinnen, statt dauerhaft von amerikanischen oder chinesischen Digitalkonzernen abhängig zu sein.
Im deutschen Schleswig-Holstein versucht man genau das und verwendet in der öffentlichen Verwaltung LibreOffice statt Microsoft Office, Nextcloud statt SharePoint, Linux als Alternative zu Windows. Was technisch klingt, ist in Wahrheit hochpolitisch.
Klar ist eine solche Umstellung irre mühsam. Natürlich knirscht es. Bequemer wäre es, weiterhin bei den Konzernen einzukaufen. Abhängigkeit fühlt sich lange wie Komfort an – aber wir müssen aus unserer Komfortzone heraus und in Europa eine ebensolche bauen: Mit eigenen Tech-Unternehmen, eigener Software und eigenen, noch besseren KI-Produkten. Wir hätten das Know-how. Vielleicht kann Brüssel den Fortschritt ja doch befördern – momentan verhindert die Überregulierung oft die dafür nötigen Investitionen. Auch das ist eine Wahrheit: Wir stehen uns bisweilen selbst im Weg. Aber das muss ja nicht so bleiben.