Sehen Sie oft schwarz? Streiten Sie gerne? Dann hätten wir da ein paar Ideen für Sie.

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Die Pantone-Farbe des kommenden Jahres trägt den erfreulich poetischen Namen „Cloud Dancer“, ist aber auch unter dem Farbcode 11-4201 erhältlich und sieht für den Laien, ehrlich gesagt, ziemlich weiß aus. Tatsächlich handelt es sich, so informiert uns die Unternehmens-PR, um „ein wogendes Weiß, das von Gelassenheit durchdrungen ist“, beziehungsweise um „ein edles Weiß, das als Symbol für beruhigende Einflüsse in einer Gesellschaft dient, die den Wert der stillen Reflexion wiederentdeckt“.

Nur zu gern würden wir jetzt gelassen in Richtung Reflexion wogen. Als von Berufs wegen kritisch veranlagte Journalisten sehen wir aber halt gewohnheitsmäßig schwarz. Das liegt daran, dass die schlechten Nachrichten wesentlicher häufiger vorkommen als die guten und dass diese meistens auch gar keine Journalisten brauchen, die sie aufwendig recherchieren und aufdecken, weil sie sich, Wolkentänzern gleich, ohnehin von selbst in den Vordergrund schieben.

Zeitalter der Extreme

Die albanisch-britische Philosophin Lea Ypi schreibt in ihrem jüngsten Buch vom „Zeitalter der Extreme“ – und meint damit das 20. Jahrhundert. Ähnlich gewaltige Umwälzungen und gigantische Katastrophen bleiben uns zumindest in Mitteleuropa gegenwärtig – noch – erspart, trotzdem neigen die wenigsten Menschen dazu, die Gegenwart zu verklären. Stattdessen sehen wir an allen möglichen Stellen Keime kommender Katastrophen: Corona könnte nur ein Vorbote gewesen sein für die ganz große Pandemie, die Klimakrise drängt uns apokalyptische Prognosen geradezu auf, und das Social-Media-Desaster, das unsere Gesellschaft zerfasert und unsere Jugend versaut, könnte sich als Lercherl erweisen gegenüber dem, was eine voll entwickelte künstliche Intelligenz auslösen könnte – bis hin zum Ende der Demokratie, wie wir sie kannten. Die Extreme werden, so kommt es uns zumindest vor, immer noch extremer.

Wenn wir an das Leitmotiv des neuen, großen profil-Jahresendhefts denken, sehen wir also doch eher mehr Schatten als Licht. Die Sonne der Aufklärung scheint im Untergang begriffen, ihr Abendrot leuchtet nicht besonders idyllisch. Die Augen sollten wir trotzdem nicht verschließen. Und ganz besonders genau sollten wir auf die Zwischentöne schauen. Denn auch wenn es uns oft so vorkommt, ist die Welt eben kaum einmal rein schwarz und im Gegenteil auch nicht wolkig weiß, sondern fast immer reichlich schattiert. In der besagten profil-Ausgabe haben wir uns deshalb auch und vor allem Gedanken über das Dazwischen gemacht, das in der großen Polarisierung oft unsichtbar wird.

Ein Lob des Mittelwegs

Streiten Sie gerne? Debattieren Sie häufig? Wie machen Sie das? Beharren Sie auf Ihrem Standpunkt, werden Sie lauter, je weniger Sie verstanden werden? Rauschen Sie ab, wenn es zum Knall kommt? Und wie versöhnen Sie sich danach, falls Sie sich versöhnen?

Immerhin besteht über eine Tatsache weitgehende Einigkeit: Die Polarisierung der Gesellschaft, das Auseinandertreiben der Meinungen und Haltungen, tut uns nicht gut. Das werden Ihnen die Menschen auf beiden Seiten des Grabens bestätigen. Insofern ist die Zersplitterung der Gesellschaft mehrheitsfähig. Leider spießt es sich bei der Frage, wie man denn diesen Graben zuschütten oder zumindest ein paar Übergänge basteln könnte.

Denn in einer Zeit, die das Individuelle betont und die Egozentrik belohnt, hat der Kompromiss eine schlechte Nachrede. Er bleibt trotzdem das Mittel der Wahl. In Gefahr und höchster Not führt der Mittelweg, entgegen landläufiger Meinung, nämlich doch sehr oft zu einem guten Ergebnis. „Es wäre eine grobe Verwechslung, zu glauben, Kompromisse machen uns zu halben Freunden“, meint der Schriftsteller Michael Köhlmeier im Interview mit profil-Redakteur Wolfgang Paterno, denn: „Der Kompromiss betont mehr die Verschiedenheit als die Gemeinsamkeit.“

Wir sind uns nicht immer einig, und wir werden es wahrscheinlich nie sein, aber das müssen wir auch gar nicht, so lange uns klar ist: Wir stecken da alle gemeinsam drin. Mit herzlichen Grüßen aus dem hochnebeligen Wien: Wir treffen uns im Graubereich!

Sebastian Hofer

Sebastian Hofer

schreibt seit 2002 im profil über Gesellschaft und Popkultur. Ist seit 2020 Textchef und seit 2025 stellvertretender Chefredakteur dieses Magazins.