profil-Morgenpost

Das Facebook-Fake-News-Experiment

Trägt der Digitalkonzern zur Aufklärung von Desinformation bei – oder ist er Teil des Problems?

Drucken

Schriftgröße

Was als ganz gewöhnlicher Faktencheck begann, wuchs sich zu einem Experiment aus, bei dem es um die Glaubwürdigkeit eines der größten Digitalkonzerne der Welt geht: Facebook.

Die Vorgeschichte: faktiv, der Faktencheck von profil, hatte in der Vorwoche aufgedeckt, dass die FPÖ der Öffentlichkeit ein sieben Jahre altes Video als aktuelles „Asyl-Chaos“ an der burgenländischen Grenze vorgaukeln wollte. Auch auf WhatsApp verbreitete sich eine leicht adaptierte Version des Videos, das eine vermeintliche Flüchtlingswelle zeigen soll, rasend schnell. Es ist ein beliebter Trick, der auch im Ukraine-Krieg immer wieder zu beobachten ist. Alte Fotos und Videos werden dabei neu kontextualisiert, also aus dem originalen Zusammenhang gerissen und als aktuell präsentiert. Das Ziel: Verwirrung stiften, Empörung auslösen, die eigene politische Agenda vorantreiben.

Als der Schwindel aufflog, entschuldigte sich FPÖ-Chef Herbert Kickl öffentlich, die burgenländische Polizei ermittelt, wer das WhatsApp-Video in den Umlauf brachte.

Und Facebook? Das Fake-Video war auch auf dem sozialen Netzwerk zu finden. Ex-FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache und andere einschlägige Accounts verbreiteten es dort unter ihren Fans. profil wies Facebook bereits am Mittwoch auf das grob irreführende Video hin. Ab diesem Zeitpunkt stellten wir die Uhr: Wie lange würde es dauern, bis der Konzern reagiert und den Mitschnitt offline nimmt – oder zumindest einen Warnhinweis anbringt?

Die Antwort: Nach der Veröffentlichung des profil-Faktenchecks dauerte es noch 48 Stunden und damit bis zum Freitagnachmittag, ehe das Video mit dem Hinweis „Fehlinformation – überprüft von unabhängigen Faktenprüfern“ versehen wurde.

Immerhin, könnte man jetzt sagen. Aber auch ein wenig spät. Falschinformationen verbreiten sich vor allem in den ersten Stunden und Tagen ziemlich schnell, allein auf dem Facebook-Profil von Strache wurde das Fake-Video knapp 400 Mal geteilt. Tausende Menschen haben es wohl gesehen, ohne jeden Warnhinweis. Je früher Faktenchecks publiziert werden und je früher Facebook reagiert, desto weniger Menschen kommen mit der Falschbehauptung in Kontakt.

Ein Konzern, der sich den Kampf gegen Fake News auf die Fahnen heftet, müsste das eigentlich wissen. Und Geschwindigkeit zu seiner obersten Priorität erklären.

Den Check können Sie hier nachlesen.

Was sonst noch wichtig ist

Bis zur Bundespräsidentenwahl sind es nicht mehr ganz drei Wochen. Der Vorsprung von Amtsinhaber Alexander Van der Bellen schrumpft zwar, dennoch könnte sich seine Wiederwahl bereits im ersten Wahlgang ausgehen. Wer von den anderen Kandidaten am nächsten an das Staatsoberhaupt herankommt, lesen Sie in der großen profil-Umfrage. Wenn Sie wissen wollen, warum meine Kolleginnen und Kollegen aus der profil-Innenpolitik die Wahl des höchsten Amtes im Staat äußerst „seltsam“ empfinden, müssen Sie sich schon die aktuelle Ausgabe besorgen. Gedruckt oder als E-Paper.

Seltsam finden Kritiker auch das rigorose Vorgehen gegen Cannabis-Konsumenten: Anders als bei Alkohol gibt es beim Wirkstoff THC keinen Grenzwert für Autolenker. Sobald auch nur ein Nanogramm THC im Blut nachweisbar ist, und das kann auch Tage nach dem Konsum eines Joints so sein, drohen Strafen und Führerschein-Entzug. Das grüne Verkehrsministerium arbeitet deshalb an einer Toleranzgrenze, die es in anderen europäischen Ländern bereits gibt, wie Clemens Neuhold exklusiv berichtet.

Haben Sie einen entspannten Montag,

Jakob Winter

Jakob   Winter

Jakob Winter

ist Digitalchef bei profil und leitet den Faktencheck faktiv.