Mit der Kugel rollt der Rubel

Der Ankick zur Fußball-WM in Katar ist erfolgt. Ein Fest des Sports, der Korruption und der Scheinheiligkeit.

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Die WM in Katar hat also tatsächlich auch etwas mit Fußball zu tun – mit dem Sport an sich, nicht nur mit dessen hässlichen Begleiterscheinungen. Seit gestern wird gekickt. Einen Monat lang laufen nun jeweils 22 mehr oder minder stark tätowierte Männer in insgesamt 64 Partien dem Runden nach. Österreich ist nicht dabei. Man kann sich also gleich von Beginn an fiebrig der Hauptfrage widmen, ob am Ende wieder einmal Deutschland die Nase vorne haben wird.

Wer am grünen Rasen triumphiert, wird sich weisen. Dass die Geldmaschine Fußball als große monetäre Siegerin vom Platz gehen wird, ist jetzt schon klar. Und da kommen wir zu den eingangs erwähnten Begleiterscheinungen: Nie zuvor bestand meine persönliche Fußball-WM-Vorbereitung darin, mir des Abends eine Fernsehdokumentation nach der anderen zum Thema Korruption anzusehen. (Normalerweise befasse ich mich ja eher untertags und beruflich mit diesem Fachbereich.)

Minister Kogler: „Mafia ist fast ein Hilfsausdruck“

Was in den vergangenen Jahren in Bezug auf Katar und auf den Weltfußballverband Fifa offenbar wurde, lässt auch den einigermaßen abgebrühten Beobachter eigentlich nur noch kopfschüttelnd zurück. Österreichs Sportminister Werner Kogler von den Grünen fasst es im Interview zur aktuellen profil-Coverstrecke folgendermaßen zusammen: „Die Fifa ist eine Mafia - gewesen. Wobei ich nicht sicher bin, ob man in der Vergangenheit sprechen muss. Sicher ist: Mafia ist fast ein Hilfsausdruck, das System um Ex-Fifa-Präsident Sepp Blatter war aufreizend obszön.“

Getrost festhalten darf man, dass die WM lediglich des Geldes wegen in einem Land ausgetragen wird, das nicht nur keinerlei Fußballtradition aufweist, sondern sich auch herzlich wenig um Demokratie und Menschenrechte schert. Das heiß diskutierte Thema der vergangenen Tage – wie viele Meter ums Stadion herum Bierverbot besteht – ist gewiss nicht das größte Problem, das man in Europa mit Katar haben sollte.

Hier kommt freilich ein weiteres Grundphänomen dieser WM zum Tragen: die Scheinheiligkeit. Im profil-Interview stößt sich der frühere österreichische Team-Stürmer Marc Janko, an der „zeitlich begrenzten Aufregungswelle“ vor der Weltmeisterschaft. Wenn es um den Kauf von Erdgas geht, stünden Menschenrechte dann plötzlich nicht mehr im Vordergrund, meint Janko.

Nicht hofieren, nicht schmieren

Der geschäftliche Umgang mit autoritären Regimen ist ein heikler Balanceakt. Manchmal lässt er sich nicht vermeiden. Eine denkbare Prämisse wäre wohl, das Ausmaß auf das gerade notwendige Minimum zu beschränken und – nach Möglichkeit – in keine Abhängigkeiten zu geraten. Angemessene Distanz statt hofieren und hofieren lassen (und schon gar nicht schmieren oder schmieren lassen).

Durchaus nahe an ein diktatorisches Regime heranbegeben hat sich auch ein gewisser Roberto Gotti, Honorarkonsul Weißrusslands im norditalienischen Brescia. profil befasste sich im Rahmen des internationalen Investigativprojekts „Shadow Diplomats“ mit dem Unternehmer – und mit seinen Connections nach Österreich. Bei den länderübergreifenden Recherchen, die vom International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) und der Plattform ProPublica ins Leben gerufen wurden, offenbarte sich eine bis dato wenig beachtete Unternehmensstruktur, die Stahlprodukte aus Belarus im Ausmaß von Hunderten Millionen Euro in zahlreiche Länder weiterverkaufte.

„Shadow Diplomats“

Und auch hier gibt es eine Verbindung in die Welt des Sports: Stahlhändler Gotti wollte Weißrussland vor einigen Wochen überreden, bei der Wahl zum Präsidenten des Europäischen Fechtverbands für einen von ihm bevorzugten Kandidaten zu stimmen. (Tatsächlich erhielt der Wunschkandidat den Posten. Da die Abstimmung geheim stattfand, ist unklar ob Weißrussland dem Wunsch seines Honorarkonsuls entsprach.)

Sportveranstaltungen, die autoritären Staaten eine Bühne bieten, werden gerne mit dem Verweis auf die Völkerverständigung gerechtfertigt. Die WM in Katar könnte zum Anlass genommen werden, dieses Argument auf seine Validität abzuklopfen. Allzu oft scheint es eher um die Verständigung in Hinterzimmern und um Partikularinteressen zu gehen. Auch außerhalb des Fußballs weht mitunter ein zarter Hauch von Fifa.

Haben Sie einen guten Start in die erste WM-Woche!

Stefan Melichar 

Stefan   Melichar

Stefan Melichar

ist Chefreporter bei profil. Der Investigativ- und Wirtschaftsjournalist ist Mitglied beim International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ).