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“Quiet Quitting“ als Arbeitsmoral: Wir kündigen!

Der Social Media Trend „Quiet Quitting“ hinterfragt die Selbstverständlichkeit, dass Arbeit ins Privatleben eingreifen darf.

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Ich kündige! Aber Sie werden es nicht mitbekommen. Denn ich werde noch immer meine Kernaufgaben erfüllen, auf Ihre E-Mails antworten und meinen Pflichten nachkommen.

„Quiet Quitting“ (dt. „stille Kündigung”) bedeutet nicht, seinen Job zu schmeißen. Die Idee dahinter besteht vielmehr darin, zu jenen Aspekten, die einen ins Burn-out treiben, nicht mehr „Ja“ zu sagen. Immer mehr Arbeitnehmer lehnen die Hustle-Kultur ab und finden es nicht legitim, dass der Chef nach 17 Uhr noch anruft. Sie fordern klare Grenzen und mehr Freizeit statt unbezahlter Mehrarbeit als Karrieremuss.

Arbeit sei nicht das ganze Leben, der eigene Wert sei nicht von Output definiert, sagt TikTok-Nutzer zaidleppelin in einem Beitrag vom 25. Juli, der mehrere Millionen Mal aufgerufen wurde, und dazu beitrug, dass der Begriff Wellen schlug. Befürworter dieser Arbeitsmoral geben "die Idee auf, bei der Arbeit über sich hinauszuwachsen", so zaidleppelin. Der Trend stößt auf große Resonanz bei der Generation Z und Millennials, die dafür kämpfen, die Regeln des Arbeitsplatzes neu zu schreiben.

„Quiet Quitting“ eröffnet die Debatte darüber, wie viel Engagement am Arbeitsplatz legitim ist. Der Ruf nach klaren Grenzen, fair ausgezahlte Überstunden und dem Aus für ständige Erreichbarkeit hallt quer durch die Branchen. Reinhard Raml, einer der Verfasser des „Österreichischen Arbeitsklima Index“, bestätigt diesen Trend in einer Pressekonferenz vom 15. Juni zum Thema „flexibles Arbeiten“ auch für Österreich. Die Pandemie habe dazu geführt, dass die Vereinbarung von Beruf und Privatleben und der Wunsch, die Arbeitszeit zu reduzieren zum starken Bedürfnis geworden sei. Zufriedenheit im Beruf lautet die Devise. Dazu kommt: Jeder Vierte überlegt den Job zu wechseln.

Was können Unternehmen tun? „Zahlt für extra Arbeit!“, lautet die simple Lösung des US-amerikanischen Start-Up-Beraters Ed Zitron in einem „NPR“-Interview. Und: „Quiet quitting is just capitalism crying.“ (Stille Kündigung sei bloß weinender Kapitalismus.) Dieser Diskurs sei ein Vorwand, jene Arbeitnehmer zu verteufeln, die sich nicht zu Tode arbeiten. Dies trifft Hustler ins Herz. Der kanadische Unternehmer Kevin O’Leary von „Shark Tank“ predigt das Gegenteil: Nur wer über die Pflicht hinausgehe werde Erfolg haben. Das Opfer für Erfolg, die Hustle-Attitüde, würde sich auszahlen.

Zurück nach Österreich. Warum betrifft uns dieser US-TikTok-Trend? Weil die Essenz dieser Bewegung viel früher beginnt: Dann nämlich, wenn sich potenzielle Arbeitnehmer für ein Unternehmen entscheiden. Quer durch die Branchen wird nach neuen Arbeitskräften gesucht, doch immer weniger wollen sich bewerben, finden meine Kolleg:innen Gernot Bauer, Stefan Melichar, Clara Peterlik und Katharina Zwins für die kommende profil-Titelgeschichte heraus und erzählen die Geschichte eines Unternehmers, der nach der Einführung der 4-Tage-Woche einen Anstieg an Bewerbungen lukrieren konnte – diese können Sie ab Samstag bereits im E-Paper lesen.

„Wir haben durch die Digitalisierung eine neue Hektik in unser Leben gebracht, wir haben ein neues Normal definiert. Es war normal, immer erreichbar zu sein, sofort auf Nachrichten zu antworten“, beobachtet Raml. Möglicherweise setzt „Quiet Quitting“ dem nun ein Ende. Junge Angestellte sind nämlich nicht fauler geworden. Sie lassen sich nur nicht mehr ausbeuten.

Arbeitgeber haben es nicht leicht – und bei dem Hängeschild „Aushilfe gesucht“ darf es nicht bleiben. Sie müssen der jungen Generation die offenen Stellen schmackhaft machen und diese ähnlich wie ein Produkt in Szene setzen: „Mental Health“, also das Achten auf psychischer Gesundheit, ist für die junge Generation ein Must-Have. Auch flexible Arbeitszeiten und -orte sind gefragt, etwa eine individuelle Homeoffice-Regelung.

Einen “quiet” Freitag wünscht

Elena Crisan

Elena Crisan

Elena Crisan

ist im Online-Ressort und in der Fotoredaktion tätig.