Arbeitsweltexperte Andreas Gnesda

© Hr. Nagy

Interview
08/05/2022

Arbeitswelt-Experte: „Es wird nie wieder so sein wie vorher“

Arbeitswelt-Experte Andreas Gnesda über neue Orte der Begegnung, schrumpfende Büroflächen und die Auswirkungen des Homeoffice-Booms auf das Landleben.

von Edith Meinhart

profil: Ist das Homeoffice eigentlich eine Erfindung der Pandemie?
Gnesda: Nicht ganz, es gab das Thema schon vorher, doch die Vorbehalte waren noch sehr groß. Der Lockdown im März 2020 hat einen Hebel umgelegt. Wir waren in der Pandemie mit vielen Unternehmen in einer laufenden Abstimmung. Büros wurden umgestaltet, Desinfektionsspender montiert, Abstände am Boden markiert. Und man hat sich auf die Rückkehr der Mitarbeiter vorbereitet.

profil: Von denen nun viele nicht mehr ins Büro wollen. Haben Sie damit gerechnet?
Gnesda: Es herrschte Ausnahmezustand, trotzdem hat uns die schlagartige Veränderung überrascht. Am 4. Mai 2020, als der erste Lockdown zu Ende war, kamen gerade einmal 10 bis 15 Prozent der Belegschaft zurück, und es gibt Unternehmen, in denen bis heute nicht mehr als 30 bis 40 Prozent gleichzeitig da sind. 

profil: Wer bleibt zu Hause? Gibt es Unterschiede nach Branchen, nach Alter?
Gnesda: Wir haben kürzlich 65.000 Personen, die auf insgesamt 1,4 Millionen Quadratmeter Bürofläche arbeiten, nach ihrem Idealfall für die Zukunft gefragt: 90 Prozent wollen die Freiheit haben, zwei bis drei Tage Homeoffice in der Woche zu machen. Das geht quer durch die Branchen – vom IT-Start-up bis zur öffentlichen Verwaltung. Das heißt nicht, dass alle diese Möglichkeit auch ausschöpfen. Was sich aber mit hundertprozentiger Sicherheit sagen lässt: Das Homeoffice ist gekommen, um zu bleiben. Es wird nie wieder so sein wie vorher. Wenn man ein attraktiver Arbeitgeber sein will, muss man das anbieten. 

profil: Worum geht es? Um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie? Will man seine Lebenszeit nicht mehr im Stau vergeuden?
Gnesda: Motiv Nummer eins sind eindeutig die Wegzeiten. Wir haben das für einen öffentlichen Auftraggeber mit knapp über 6000 Beschäftigten hochgerechnet: Ein Tag Homeoffice erspart 280.000 Stunden Wegzeit im Jahr und nebenbei noch 1800 Tonnen CO2-Emissionen. Und dann geht es natürlich auch darum, den Tag besser gestalten zu können. Eine Studie der Leitbetriebe Austria, einer Organisation österreichischer Vorzeigebetriebe, in der ich Beiratsvorsitzender bin, hat die Einstellung der 14- bis 29-Jährigen erhoben. Für 83 Prozent ist es unglaublich wichtig, die Arbeitszeit frei wählen zu können, 73 Prozent wollen den Arbeitsort frei wählen. 

profil: Stehen also bald überall Bürotürme leer? Oder werden sie nur aufgemöbelt und umgestaltet?
Gnesda: Das Büro muss zu einem Ort der Begegnung werden. Die Menschen wollen einander sehen, wollen Gespräche führen. Schreibtischfluchten brauchen wir nicht mehr. Das Hauptthema in großen Organisationen ist derzeit, wie man Mitarbeiter wieder ins Büro bringt. Meine provokante Antwort ist: Ihr habt sie vor Corona verloren, nur fallen die leeren Büros erst auf, seit sie nicht mehr kommen müssen. Der Philosoph Richard David Precht sagt, wir bewegen uns von einer Erwerbs- hin zu einer Sinngesellschaft. Das sickert langsam. Deshalb wird in großem Stil umgestaltet. Die Reduktion der Flächen wird eine Folge davon sein. Wien hat einen Büroflächenbedarf von insgesamt 11,4 Millionen Quadratmetern. Wir rechnen damit, dass davon 500.000 wegfallen, also vier, fünf Prozent. 

profil: Homeoffice ist ein Privileg, das nicht alle genießen. Das führt zu Spannungen innerhalb von Belegschaften. 
Gnesda: Laut einer Studie des Arbeitsministeriums arbeiten 52 Prozent der Arbeitnehmer im Büro. Davon waren rund 80 Prozent in den zwei Jahren der Pandemie irgendwann im Homeoffice, rund 40 Prozent der österreichischen Arbeitnehmer insgesamt. Nun sind wir herausgefordert, die Freiheiten, die es in Wissensberufen gibt, auf andere Berufsbilder zu übertragen, vor allem auf Bereiche, wo Personal fehlt, etwa Gastronomie, Pflege oder technische Berufe.

profil: Schichtarbeit in einer Fabrik oder Pflegedienstleistungen können aber nicht von zu Hause aus erledigt werden. 
Gnesda: Es gibt viele Berufe, die an einen Ort gebunden sind. Hier kann mehr Freiheit bedeuten, dass Organisationen und Teams lernen, sich selbst zu steuern. Die Sehnsucht nach selbstständiger Gestaltung bedingt aber ein hohes Maß an Verantwortung. Und das überfordert auch viele. 

profil: Wie leitet man Mitarbeiter, die nicht vor Ort sind?
Gnesda: Führen im Remote-Modus ist aufwendig, deshalb wollen Führungskräfte meist auch nicht mehr als ein, zwei Tage Homeoffice zulassen. Das Zauberwort heißt Vertrauen. Mitarbeiter erwarten sich von Führungskräften, dass diese individuell auf sie eingehen. Wer viel Freiheit verträgt, will wenig Vorgaben. Andere verlangen mehr, weil sie diese brauchen. 

profil: Werden nun viele Mitarbeiter ihre angestammten Schreibtische verlieren?
Gnesda: Neue Modelle stellen darauf ab, dass man auf einen ruhigen Platz im Büro wechselt, wenn man sich konzentrieren muss, und die Kommunikationsinsel aufsucht, wenn man sich austauschen will. Das zieht nach sich, dass Schreibtische geteilt werden.

profil: Das wollen aber die wenigsten.  
Gnesda: Das ist verständlich, die Mitarbeiter haben auch nichts davon. Mittlerweile sind aber 75 Prozent dazu bereit, wenn sie im Gegenzug Homeoffice machen können. Das ist der Hebel, der sich umgelegt hat. Es leuchtet jedem ein, dass 40 Prozent der Schreibtische frei bleiben, wenn alle Mitarbeiter zwei Tage in der Woche zu Hause bleiben.

profil: Was bedeutet diese Entwicklung für die Stadt- und Verkehrsplanung?
Gnesda: Wir haben weniger Mobilität, weniger An- und Abreisen, dadurch weniger CO2-Emissionen, das tut der Stadt gut. Wir haben weniger Büros, vor allem in B- und C-Lagen. Qualität hingegen ist nachgefragter denn je. Außerdem erhöht sich der Wohnradius um die Städte. Das Einfamilienhaus hat gewonnen. Wer nur ein oder zwei Mal in der Woche in die Stadt pendelt, kann auch in Gmünd wohnen.

profil: Ist das eine neue Chance für den ländlichen Raum? 
Gnesda: Absolut, in ländlichen Ballungszentren entstehen bereits die ersten Satellitenbüros. Auch Coworking-Flächen boomen. Der ländliche Raum stellt Wohnraum zur Verfügung und sollte auch Serviced Offices anbieten, wo man sich hinsetzen und arbeiten, aber auch Menschen treffen kann. 

profil: Die Unternehmer haben also gelernt, den Workflow so zu organisieren, dass er nach Gmünd ausgelagert werden kann. Der Schritt nach Bukarest oder nach Asien ist nicht mehr so groß. Kommen künftig auch Büromitarbeiter global unter Druck?
Gnesda: Es gibt einen eher mechanischen Teil der Arbeit, der ohnedies durch künstliche Intelligenz ersetzt wird. Der kreative Teil braucht Verbundenheit. Ob das mit Kollegen in Asien funktioniert, sei dahingestellt. 

Der Geschäftsführer von teamgnesda analysiert die Arbeitswelt seit 25 Jahren, publiziert Bücher, hält Vorträge und berät große Unternehmen bei der Gestaltung von Büroflächen, in der 
Organisationsentwicklung und Logistik.