profil vor 25 Jahren: Josef Riegler - Der Kandidat

Auf dem "langen, regennassen Weg vom Stephansdom zur Kapuzinergruft“, wo Österreichs "letzte Kaiserin“ Zita zur letzten Ruhe gebettet wurde, kamen zwei hochrangige ÖVP-Landeschefs endgültig überein, die Ablöse ihres "zunehmend glücklos agierenden“ Parteiobmanns Alois Mock voranzutreiben, berichtete profil am 10. April 1989. Mocks Vorgänger Josef Taus fiel dazu ein historisches Beispiel ein: "Ich kann mich noch gut erinnern, wie der Leopold Figl im Bundeskanzleramt gesessen ist, und alle außer ihm haben schon gewusst, dass er nicht mehr Bundesparteiobmann ist.“ Und Erhard Busek spöttelte in Abwandlung eines Brecht-Zitats, die bisherige ÖVP-Führung "könne sich ja nicht ein anderes Volk wählen, nur weil dieses sich von ihr abgewandt habe“.

Ob Österreich ein Beitrittsgesuch an die EG schicken solle, war heißes Diskussionsthema. Einerseits galt es als umstritten, ob Österreichs Neutralität mit einer Vollmitgliedschaft überhaupt vereinbar sei, zum anderen waren sich Österreichs Spitzenpolitiker nicht sicher, ob und zu welchen Bedingungen ein Beitritt erstrebenswert sei. Der SPÖ-Vorstand befürwortete eine Mitgliedschaft, sofern Österreich wichtige Bereiche wie Umwelt- oder Verkehr weiterhin eigenständig gestalten könne. Das sei ungefähr so, schrieb profil, "wie wenn ein Mann zu einer Frau sagt, dass er sie heiraten will, aber er will nicht zusammen wohnen, keine Kinder ... und die Ehe will er auch nicht vollziehen …“

Nicole Schmidt