profil vor 25 Jahren: Wer kuriert die Medizin?

Die „Reparatur- und Apparatemedizin“ schien zunehmend an die „Grenzen der Machbarkeit und Finanzierbarkeit“ zu stoßen, während alternative Heilmethoden boomten: Jeder zweite Österreicher bewertete sie „sehr positiv“ . In der Ausgabe vom 20. März 1989 versuchte profil, dem wachsenden „Unbehagen an der Schulmedizin“ auf den Grund zu gehen und resümierte: „Die moderne Medizin mag Herzen und Nieren transplantieren und klinisch Tote wieder zum Leben erwecken – bei vielen Alltagsleiden, vor allem bei chronischen Erkrankungen, ist sie allzu oft mit ihrem Latein am Ende“ – nicht zuletzt, weil sie „den Menschen in seiner Gesamtheit“ aus den Augen verloren“ habe und Krankheit streng naturwissenschaftlich „wie ein defektes Zahnrad in einem Uhrwerk“ betrachte. Zahlreiche Fallbeispiele kursierten, die diesen Makel der Schulmedizin zu untermauern schienen: Ein Magengeschwür, das „einem ganzen Regiment von Organmedizinern“ widerstand und erst durch eine Psychotherapie zum Verschwinden gebracht werden konnte; Migräneanfälle, die allen herkömmlichen Behandlungsmethoden trotzten und erst dank ­Akupunktur ver­schwanden. Deutschlands führender Psychosomatiker hatte dafür eine spöttische Erklärung: „Die Physiker glauben längst nicht mehr an den lieben Gott, aber die Mediziner glauben immer noch an die Physik.“

Nicole Schmidt