40 Jahre "ZIB 2": In Erinnerung blieb das Schräge

Armin Wolf zeigt, wie "Planking" geht (2011)

Armin Wolf zeigt, wie "Planking" geht (2011)

Als die Kuh ins Studio kam: Kommende Woche feiert die "ZIB 2“ ihren 40. Geburtstag. Herbert Lackner über das tiefgründige TV-Format, das oft vom Abgrundtiefen lebt.

Im Jahr, in dem die kleine Marie-Louise ihre ersten Schritte machte, trieb Peter Pirker eine Kuh samt zugehörigem Bauern durchs Studio. Als sie in die Volksschule ging, erklärten ihr die Eltern, wenn man etwas genau wissen wolle, müsse man bis zu den Nachrichten um 22 Uhr aufbleiben.

Jetzt moderiert Marie-Louise - recte Lou Lorenz-Dittlbacher - selbst die Sendung, die ihre Eltern so interessant fanden und deren früher Moderator Pirker eine Kuh ins Studio gestellt bekam, weil Weltmilchtag war.

Kuh mit Bauern bei Moderator Peter Pirker (1975). "ZIB 2"-Erfinder Kuno Knöbl liebte den Aktionismus.

In ihrem 40. Jahr zerrt die "ZIB 2“ zwar nicht mehr Rindvieh zu nachtschlafener Stunde vor die Kamera - ein wenig Aktionismus bringt aber nach wie vor jene Würze, die den kleinen Unterschied macht.

Diesen genetischen Code hat der Sendung ihr Erfinder aufgedrückt, der kühne Kuno Knöbl (1936-2012). Der von Gerd Bacher als Unterhaltungschef in den ORF geholte Grazer war von sprudelnder Kreativität: Er erfand die legendäre Quizshow "Wünsch Dir was“, organisierte das "Bed-in“ von John Lennon und Yoko Ono im Hotel Sacher und versuchte, in einer Dschunke den Pazifik zu überqueren. Später schrieb er ein Theaterstück über den vergesslichen Kurt Waldheim ("Der Herr Kurt“) und ersann das von Alfred Hrdlicka gebaute Holzpferd der Waldheim-Gegner, das bei jeder Veranstaltung drapiert wurde wie die Kuh am Weltmilchtag.

Das Rezept der am 3. Februar 1975 erstmals ausgestrahlten Sendung - ein Quantum Hintergrund, ein Brocken Interview, ein Spritzer Show - mundet im Schnitt immer noch 520.000 Zusehern täglich. Anders gerechnet: Einer von vier Hauptabend-Sehern hat ab 22 Uhr die "ZIB 2“ am Schirm. Wenn es hoch hergeht, sind es sogar deutlich mehr: Am 1. Februar 2000, als sich ÖVP und FPÖ vermählten, saßen 1,48 Millionen Zuseher vor den Apparaten, Marktanteil 67 Prozent. Das hatte zuvor nur die Mondlandung geschafft.

Ist die "ZIB 1“ mit mehr als einer Million Zusehern noch immer ein Lagerfeuer, um das sich ein Gutteil des Volkes schart, will die Zweier-"ZIB“ der prasselnde Kamin für die Liebhaber der gepflegteren Informationsverabreichung sein.

In kollektiver Erinnerung bleibt dennoch nicht das Tiefgründige, sondern das Abgrundtiefe, das Kauzige, das die "ZIB 2“ auch immer wieder sucht, weil es ihr von Beginn an eingeschrieben war.

1996 war es etwa der Schauspieler Harald Juhnke, der, frisch aus der Intensivstation entlassen, Moderator Robert Hochner erzählte, was er bei einer alkoholbedingten Nahtoderfahrung gesehen hatte: "Alles rosé, sehr schön sah es aus!“ Wenige Jahre später hatte Juhnke das auf Dauer.

Zur Folklore zählt inzwischen auch der denkwürdige Auftritt des Komikers Otto Waalkes 1997, der unter Verkündung der Tatsache, dass ein Ostfriese bei einer Vorarlbergerin einfach nicht kühl bleiben könne, über Moderatorin Ingrid Thurnher herfiel, um anschließend unter dem Pult zu verschwinden. Thurnher reagierte souverän: "Herr Waalkes sitzt jetzt unterm Tisch.“ Erst zum Sendungsende holte sie Otto wieder hoch: "Herr Waalkes, wollen Sie sich nicht von unseren Zuschauern verabschieden?“

Dem Ostfriesen Otto gefällt Ingrid Thurnher (1997)

Otto Waalkes ZIB 2

Unvergessen auch Frank Stronach im Juli 2012 bei Lou Lorenz-Dittlbacher. Die Moderatorin konnte noch "Guten Abend, Herr Stronach“ sagen, bevor ihr der agile Senior das Wort entzog, um es mit der Begründung, er sei Steuerzahler, lange nicht mehr herzugeben. Schon ein tieferes Luftholen durch Frau Lorenz-Dittlbacher legte Stronach als ruchlosen Angriff auf sein Rederecht aus ("Sie wollen streiten mit mir?“). Als die Moderatorin zwei Minuten und 30 Sekunden nach Interviewbeginn ihre erste Frage stellen konnte, hatte Stronach bereits ausführlich des Wesen der europäischen Schuldenkrise, die Genialität seiner Lösungsideen und die Verkommenheit des ORF dargelegt, der ihn nie zu Wort kommen lasse.

Frank Stronach in der ZIB 2

Einige Monate später, seine Logorrhoe war noch immer nicht abgeklungen, überfiel Stronach den vorgewarnten Armin Wolf, was der Sendung zusätzlichen Pfiff gab.

Beinahe noch mehr Ewigkeitswert hat der Auftritt eines leicht überdrehten Karl-Heinz Grasser in einer Wolf-"ZIB“ 2009. Auch Grasser arbeitete mit dem Kampfmittel Monolog, streute zwanglos einige Sager für’s Herz ein ("Herr Wolf, lassen S’ mich bitte ein Mal ausreden, ich bin eh nur noch so selten bei Ihnen“) und verabschiedete sich wehmütig wie von einem dicken Freund: "Sie sind mir abgegangen, Herr Wolf.“ Da war selbst der Meister Isegrimm der Zweier-"ZIB“ kurz baff.

"Gelebter Bildungsauftrag“

Wenn einmal gar nichts mehr geht, macht Armin Wolf die Show selbst: Als 2011 auf Facebook das "Planking“ modern wurde, legte auch er sich - die neue Mode demonstrierend - flach aufs Pult und moderierte ab: "Und jetzt noch das Wetter.“ Die Chefetage war von Armin Wolfs Planking-Lehrstück begeistert: "Gelebter Bildungsauftrag“, twitterte ORF-General Alexander Wrabetz flugs.

Überbewerten will Wolf den Wert des Aktionismus für seine Leibsendung nicht: "Die, ZIB 2’ wird davon getragen, dass sie seit 40 Jahren ordentlichen TV-Journalismus liefert. Aber Sendungen, über die am nächsten Tag das halbe Land spricht, schaden auch nicht.“

Ingrid Thurnher, mit 14 "ZIB 2“-Jahren die bislang längstdienende 22-Uhr-Moderatorin, veranschlagt den Wert solchen Treibens höher: "Man bekommt in dieser Sendung oft noch ein Stück Schräges oder Überraschendes dazu. Dafür ist das Publikum dankbar. Die, ZiB 2‘ ist ein Multitalent.“

Der Aufstieg von der bloßen Sendung zur Institution hat die für sie Verantwortlichen im Lauf der Jahre mit bisweilen irritierendem Selbstbewusstsein ausgestattet. Würde etwa eine Zeitung zwei Mal pro Woche auflisten, welche Pressesprecher nicht zurückgerufen und welche Politiker wieder einmal ein Interview verweigert haben - die Leser würden dies für ein peinliches Zeichen der Bedeutungslosigkeit ihres Blattes halten. In der "ZIB 2“ wird mit Stolz regelmäßig verkündet, welche Politiker trotz großherziger Einladung nicht zum abendlichen Studio-Interview gekommen sind. Die Verweigerung, so wird dabei insinuiert, könne ja nur auf die Furchtlosigkeit der Interviewer zurückgeführt werden, auf ihren ungezähmten Willen zur Ausleuchtung alles Düsteren und ihre Entschlossenheit im Ringen mit dem Unrecht.

PLO-Chef Arafat bei Robert Hochner (1988)

Der Edelmut des spätabendlichen TV-Nachrichtenformats findet durch die Angriffe von Gästen gewissen Zuschnitts seine unfreiwillige Bestätigung: Jörg Haider und Heinz-Christian Strache, Frank Stronach und Karl-Heinz Grasser - sie alle weigerten sich im "ZIB 2“-Studio immer wieder, auf konkrete Fragen einzugehen, bevor sie nicht angemerkt hatten, dass der ORF ihnen ständig schweres Unrecht zufüge, grottenschlecht recherchiere und das Gute und Wahre in ihrem Tun zwar erkenne, aber bösartig verheimliche.

Der Umstand, dass die Printmedien den Vorgängen im ORF über Gebühr viel Aufmerksamkeit schenken (siehe nur diesen Artikel), hilft dabei ungemein. Ein Moderatorenwechsel in einer der "ZIB“-Sendungen wird rapportiert, als ginge es um den Finanzminister. Marginale Änderungen bei Studiografik oder Möblierung werden von der listigen ORF-Öffentlichkeitsarbeit zuerst zum brandheißen, aber streng geheimen Projekt erklärt, das man dann - derart etikettiert - umgehend an die dankbaren Zeitungsredaktionen leakt.

Wenn es einmal nicht so ist, wird erst recht berichtet: Der Chefredakteur von "TV Media“ rätselt in der aktuellen Ausgabe, warum der jüngste Umbau "ganz ohne vorheriges Ankündigungstrallala“ vonstatten ging. Die "Ruhe vor dem Start“ wunderte auch die Medienredaktion des "Standard“. Dem Vernehmen nach war der Grund für die Funkstille durchaus irdischer Natur: Die Verantwortlichen im ORF waren sich offenbar nicht ganz einig, wer für die Frohbotschaft zuständig ist, dass man die "ZIB 2“-Moderatoren künftig auch ganzkörpermäßig zu sehen bekommt.

Ein der Tageszeit angepasstes Entschleunigungs-Format ist die späte "ZIB“ jedenfalls nicht mehr: Sie muss mindestens ein Mal pro Woche einen "Sager“ aus den Gästen hervorholen, der am nächsten Tag von den anderen Medien noch einmal dankbar durchgenommen wird. Und die unausgesprochene Interview-Philosophie, dass sich der Studiogast in seinen sieben Kamera-Minuten nicht wirklich wohlfühlen soll, lädt auch nicht unbedingt zum Dösen ein.

War’s früher besser?

Das nicht, aber wahrscheinlich leichter. "Es ist schwieriger geworden, weil die Politiker von ihren Spin-Doktoren übertrainiert sind“, meint Ex-Moderator Josef Broukal.

Und manches geht gar nicht mehr. Elmar Oberhauser, damals Sendungschef der "ZIB 2“, erinnert sich an ein Interview seines Moderators und engen Freundes Robert Hochner mit einem Urknall-Forscher: "Das hat den Robert so interessiert, dass er das Interview einfach um zehn Minuten überzogen hat.“