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Österreich
05/15/2020

A Star is born

Der Kanzler im Kleinwalsertal: Fahnen, Flugblätter und Verteidigung. Anschauungsmaterial zum System Kurz.

von Christian Rainer

Von Joachim Lottmann

Popstar hat man den jungen Mann aus Wien-Meidling immer schon genannt, das war nicht besonders originell und auch nicht ernstgemeint, eher spöttisch. Seit dem letzten Mittwoch Abend, seit dem Acht-Sekunden-Handyfilmchen aus dem Kleinwalsertal, wo Kurz von kreischenden Fans schier überrannt wird, und das trotz aller Corona-Distanzierung, ist er es.

Ein Popstar, ein echter.

Das Video geistert durch alle Nachrichtensendungen. Man sieht, wie Kurz aus dem Auto steigt, drei Schritte geht, wie er erschrocken stehenbleibt, in Erwartung der auf ihn Zukommenden. Er hat keine Zeit mehr, Frisur und Kleidung zu richten wie sonst (er trägt auch nur einen legeren, regenabweisenden Anorak). Er beugt den Oberkörper nach vorn, schiebt die Arme nach hinten, eine Abwehrreaktion, als würde er den Kopf einziehen, oder einen Diener machen. Beim ersten Kleinwalsertaler, der ihn erreicht, versucht er noch den neuen Ellenbogen-Gruß. Dann drängen die nächsten nach. Er geht einen Schritt zurück. Es ist Abend, fast 21 Uhr, die Landstraße schon etwas dunkel und nass. Rot-weiß-rote Fahnen werden nicht nur hochgehalten, sondern wie irre hektisch hin und her geschwenkt. Die Leute freuen sich tierisch, sind außer Rand und Band. Man ist noch nicht einmal im Ort, sie haben ihn schon vorher abgefangen. Kein Security Konzept hatte damit rechnen können. Der Bürgermeister hatte eine „Beflaggung“ für den Kanzler angeregt, die man sich schleunigst verbeten hatte. Stattdessen hatte man noch blitzschnell Flugblätter gedruckt und verteilt: keine öffentliche Veranstaltung, bitte Abstand halten.

Schnitt. Mit staksigen, künstlich langen Schritten, als liefe er durch Morast, bewegt sich Sebastian Kurz durch die Menge, hält sich die Menschenflut vom Leibe. Der Kanzler ist da! Kinder halten Schilder hoch, „Danke Sebastian!“, Mädchen kreischen, wie früher bei den Beatles, wie bei allen Popstars von Elvis bis Ed Sheeran (wobei Kurz mehr von Ed Sheeran hat als von, sagen wir, Mick Jagger). Die Opposition wird später von einem inszenierten „Bad in der Menge“ sprechen, ganz so, als hätte der junge Kanzler eine Corona Party gefeiert. Herbert Kickl nennt ihn einen „Gefährder“, der Menschenleben riskiere, die Neos-Chefin behauptet, die Menschen im Lande seien vollkommen „angefressen“ davon. Und die Vorsitzende der Sozialdemokraten kündigt an, mehrere Anzeigen gegen Kurz zu erstatten. Der nächste Schritt wäre, ihn zum Rücktritt aufzufordern.

Seine beispiellosen Beliebtheitswerte in den Umfragen lösen beim politischen Gegner allmählich, so wirkt es, blanken Hass aus. Aber auch in der „ZiB 2“ wird Kurz hart angegangen. Ein Politikexperte nennt den Freudentaumel der Bevölkerung im Kleinwalsertal mit ernster Miene ein „PR Desaster“ (für Kurz, nicht etwa für die abstürzende SPÖ). Ein Kulturschaffender darf den Kanzler laut und deutlich, dabei genüsslich die Worte dehnend, eine „Zumutung für die Kulturnation Österreich“ nennen. Und der Moderatorin Lou Lorenz-Dittelbacher steht eine bis ins Innerste gehende, unauslöschliche Empörung im Gesicht, als sie Kurz dann im Interview hat.

Wie konnte er das tun? Millionen mussten monatelang Abstand halten, und dann das! DIESE Bilder! Auch sie stellt es so dar, als hätte Kurz die Party gemacht, nicht die anderen. In drei wortgewaltigen Anläufen drängt sie ihn, Fehler zu bekennen, seine Schuld einzugestehen. Sie stellt unbarmherzig immer wieder dieselbe Frage, lässt ihn nicht entkommen. Haben Sie Fehler gemacht? Das ist die berühmte Armin-Wolf-Interviewtechnik, die in Österreich als kritisch gilt.

Genau hier ist der Punkt, an dem man das System Sebastian Kurz und das Geheimnis seiner Beliebtheit gut studieren kann. Jeder andere Politiker, der vor laufender Kamera derart beleidigt wird, würde sich verteidigen. Etwa der ÖVP-Grande Andreas Khol, dem wenige Tage zuvor in einer Konfrontation mit Alfred Noll der Kragen platzte, bei weitaus geringerer Brüskierung. Kurz, wäre er nicht Kurz, würde jetzt sagen (müssen): Die Zeit der harten Beschränkungen ist doch vorbei, die Menschen dürfen sowieso wieder auf die Straße, und ich habe den Abstand eingehalten, habe sogar dauernd gerufen, die anderen mögen es ebenso tun, was fällt Ihnen ein, mich zum Täter zu machen, die anderen waren es doch!

Was wäre das Ergebnis gewesen? Die Kleinwalsertaler hätten sich schlecht gefühlt, die Moderatorin hätte sich schlecht gefühlt, alle vorher im Bericht Aufgetretenen hätten sich schlecht gefühlt, die Bevölkerung hätte das Signal bekommen, nicht mehr achtsam sein zu müssen, es sei sowieso jetzt mehr oder weniger egal, und die Medien hätten mit der Schlagzeile aufgemacht „Kanzler Kurz weist Vorwürfe energisch zurück“, was zum Weiterköcheln der offenbar unangenehmen, irgendwie nur ärgerlichen Geschichte beigetragen hätte. Seine Umfragewerte wären in diesem negativen Dunstkreis gesunken.

Aber Kurz macht es anders. Er verteidigt nicht sich, sondern die Leute im Kleinwalsertal, die in der ganzen Corona-Zeit vollständig von der Außenwelt abgeschnitten waren. Das Tal wird von unpassierbaren Bergen umsäumt, der einzige Ausgang führt über Deutschland. Kurz erklärt es ausführlich und mit Herzenswärme. Es macht ihm nichts aus, sich dabei zu wiederholen, im Gegenteil. Es wird eine rührende und damit große Rede auf die heldenhaften Mitbürger in diesem kleinen Tal, auf diese fünftausend besonders betroffenen Österreicher, die ihre Gefühle nicht zurückhalten konnten und mit rot-weiß-roten Fahnen auf die Straße rannten, ihrem Regierungschef entgegen, nach über zwei Monaten bedingungsloser Quarantäne…

Nichts deutet darauf hin, dass sein Mitfühlen mit den Eingeschlossenen falsch sein könnte. Der politische Gegner wird natürlich genau das annehmen. Was wiederum durchaus als Geheimnis seines stetigen Misserfolgs gelten kann.

Joachim Lottmann, 60, ist ein deutscher Schriftsteller und lebt in Wien, Berlin und Tel Aviv. Im Herbst erscheint im Verlag Kiepenheuer & Witsch sein Erzählband ‚Tel Aviv Stories‘.