Amokfahrt in Graz: Warum werden Männer zu Gewalttätern?

Kerzen, Blumen und Stofftiere wurden an den Unglücksstellen in Graz niedergelegt

Kerzen, Blumen und Stofftiere wurden an den Unglücksstellen in Graz niedergelegt

Glaube Hiebe Hoffnung: Warum werden Männer zu Gewalttätern? Eine Ursachenforschung.

Bilder eines verwaisten, grellgelben Wohnhauses in Kalsdorf bei Graz, im Windfang ein Kinderwagen: königsblau, nagelneu, hochpreisig. Im Drama von Graz wird das Bild zum Symbol, es wirkt wie ein Mahnmal, das von zerbrochenen Träumen, Gekränktheit, verletztem Stolz und Ohnmacht erzählt.

Immer wieder, so berichten Nachbarn, war Alen R. vor seinem Haus gesessen und hatte ins Leere gestarrt. Ein Mann, der sich – aus seiner Sicht – bemüht hatte, alles richtig zu machen, stand vor den Trümmern seines Lebens. Die Frau des Amok-Täters hatte nach seiner Wegweisung Ende Mai mit ihren zwei Kindern an einem bis dato unbekannten Ort Unterschlupf gefunden. Sie hatte – aus seiner Sicht – den fatalen Fehler begangen, sich endgültig seiner Kontrolle zu entziehen.


Bei Gewalttätern handelt es sich in den seltensten Fällen um psychotische Patienten (Psychiater Patrick Frottier)

Von Trotz, Wut und verletztem Stolz erzählte auch das Musikvideo, das R. ein paar Stunden vor der Tat auf sein „Facebook”-Profil setzte. In „Beat it“ klagt der Rapper Sean Kingston über das Scheitern einer Beziehung, in der die Ex nicht „loyal to her dude” war, also sinngemäß Verrat an ihrem Kerl begangen hat.

Im Rückblick erstaunlich, wie salopp und fahrlässig schnell die Sprecher von Polizei und Justiz nach der Amokfahrt in der Grazer Innenstadt mit der Ferndiagnose „Psychose“ zur Stelle waren. Der Wiener Psychiater Patrick Frottier, der jahrelang mit geistig abnormen Rechtsbrechern am Wiener Mittersteig arbeitete, warnt entschieden vor dieser Art von „vorschnellen Hypothesen und Stigmatisierungen“, denn: „Bei Gewalttätern handelt es sich in den seltensten Fällen um psychotische Patienten.“ Und wäre eine fundierte psychiatrische Analyse eines Gewalttäters so einfach, „müsste ich meinen Beruf nicht ausüben“.

„Es handelt sich um eine Psychose mit Ausgang im Familienleben“, hatte der steirische Landespolizeidirektor Josef Klamminger am Samstagnachmittag bei der ersten Pressekonferenz erklärt. Der Mann habe offenbar „nach einer Wegweisung durchgedreht“.
Psychiatrische Gutachter kennen diesen Satz als Rechtfertigungsgrund für Mord, Totschlag, Körperverletzungen und sexuelle Übergriffe. Ebenso oft bekommen sie Phrasen wie „da war ich nicht bei Sinnen“, „blind vor Wut“, „da hat sich bei mir ein Schalter umgelegt“ zu hören.


Natürlich wird jeder Mensch in der Emotion labiler, aber er ist trotz Affekt für seine Handlungen verantwortlich (Heidi Kastner, forensische Psychiaterin)

Heidi Kastner, forensische Psychiaterin in Linz und ein Star ihrer Branche, hatte die Existenz dieses „Schalters“ in einem profil-Interview zum „Mythos“ erklärt: „Es kommt sehr, sehr selten vor, dass jemand so von seiner Emotion überschwemmt und zersetzt wird, dass er keinen Zugriff mehr auf seine inneren moralischen Instanzen hat. Natürlich wird jeder Mensch in der Emotion labiler, aber er ist trotz Affekt für seine Handlungen verantwortlich.“

Als Beleg für eine psychotische Störung verwies die Staatsanwaltschaft darauf, dass sich der Mann bei seiner Einvernahme sichtlich verwirrt gezeigt und vom Ausmaß seiner Horrorfahrt keine Ahnung gehabt habe.

„In der Amoktäter-Forschung wird dieser Zustand als terminaler Erschöpfungszustand ganz eindeutig beschrieben“, so der Innsbrucker Psychotherapeut und Klinische Psychologe Salvatore Giacomuzzi: „Ich kenne einen Fall, in dem ein Mann den Vernehmern nach den Morden an seiner Frau und den Töchtern erklärte, dass er jetzt müde sei und schlafen gehen müsse. In dieser Phase kann es auch zur Verdrängung und Ausblendung der begangenen Taten kommen.“ Giacomuzzi ist überzeugt, dass die Amokfahrt geplant und keine Kurzschlusshandlung war: „Der Täter hat sich die Strecke ausgesucht, auf der er die größtmögliche Verwüstung anrichten, aber auch die größte Aufmerksamkeit erzielen konnte.“

Aggressionen im Stellvertreter-Krieg

Durch die Gespräche mit Sozialarbeiterinnen des Frauen-Notrufs, Väter-Forschern, Psychiatern, Gewaltspezialisten, Scheidungsanwältinnen und Opfern männlicher Gewalt rund um die Frage „Warum drehen Männer durch?“ zieht sich ein roter Faden: Aus einem Zustand des Macht- und Kontrollverlusts entsteht eine narzisstische Wut, die in Zerstörung, Gewalt, aber auch Mord münden kann. Sollte der eigentliche Auslöser dieser Wut, im häufigsten Fall die Partnerin, nicht mehr greifbar sein, entfaltet der Gekränkte seine Aggression in einem Stellvertreter-Krieg.

Die Chronik-Archive der Zeitungen sind voll von solchen Geschichten.

Im Mai 2012 ließ ein 37-jähriger Mann, über den ein häusliches Rückkehrverbot verhängt worden war, unter einem Vorwand seinen achtjährigen Sohn aus dem Klassenzimmer einer St. Pöltener Volksschule holen, um ihm in der Garderobe mit einer 9-mm-Pistole in den Kopf zu schießen. Zuvor hatte er seiner Frau eine SMS geschickt mit dem Wortlaut „Du hast mich zum Mörder gemacht.“ Der Hass auf die Frau war stärker als die Liebe zum Kind.

Im Juni 2013 erstach ein weggewiesener Ehemann seine 34-jährige Frau vor dem Frauenhaus in Wien-Simmering, als sie gerade ihr zweijähriges Kind in den Kindergarten bringen wollte.

Über 7500 Wegweisungen wurden im vergangenen Jahr österreichweit verhängt, die Zahlen blieben in den letzten Jahren laut Karl-Heinz Grundböck, Sprecher des Bundesministeriums für Inneres, „eher stabil“. Mithilfe des Betretungsverbots kann ein gewalttätiger Partner auf polizeiliche Anweisung aus einer Wohnung verwiesen werden, selbst wenn er deren Besitzer ist. Das Verbot gilt für zwei Wochen, kann aber per einstweiliger Verfügung verlängert werden. Wird das Verbot verletzt, wird eine Verwaltungsstrafe in der Höhe von maximal 360 Euro verhängt, bei mehrfacher Übertretung kann der Delinquent auch in Haft genommen werden. Die Polizei ist verpflichtet, in regelmäßigen Abständen die Einhaltung des Verbots zu überprüfen.

Verpflichtendes Therapieprogramm besteht nicht

„Mein damaliger Freund war krankhaft eifersüchtig und hat das gesamte Inventar meiner Wohnung zu Bruch geschlagen. Ich war mir sicher, nach den Möbeln werde ich drankommen“, erzählt eine Wiener Unternehmerin. „Eine Freundin hat den Notruf angerufen. Ich war wirklich überrascht, wie schnell die da waren und wie kompetent und sachlich die Polizei agierte. Die waren auch nach der Wegweisung und der Abnahme der Schlüssel immer wieder bei mir, um zu überprüfen, ob er sich an die Abmachung hielt.”

„Das Gesetz hat sich durchaus bewährt“, erklärt Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin des Vereins autonomer Frauenhäuser, „aber es bleibt ein gravierendes Versäumnis im Sinne des präventiven Opferschutzes, dass die Täter nach einer Wegweisung in jeder Hinsicht unbetreut bleiben.“

Ein verpflichtendes Therapieprogramm oder psychologisches Beratungsgespräch für gewalttätige Männer existiert nicht. In vielen Fällen wäre ein fundiertes Anti-Gewalttraining nötig, wie es etwa der Verein Wiener Männerberatung anbietet. Dessen Vorsitzender Jonni Brem: „Das Programm ist ausschließlich freiwillig, aber jeder Weggewiesene bekommt in Wien die Information über die Existenz dieser Einrichtung.“ In dem Training werden Deeskalationsstrategien geübt, und es werden Möglichkeiten gesucht, die Beziehung anders zu leben, „immer in Kooperation mit der Opferschutzeinrichtung. Nur so können wir die Sicht der Frau kennen, die uns auch Aufschlüsse über die Entwicklung des Mannes gibt.“


Gewalt ist keine Bildungs-, Herkunfts- oder Schichtfrage (Martina Sommer, Chefin des Wiener 24-Stunden-Notrufs)

Leider wird das Angebot bislang nicht im erwünschten Maße angenommen, beklagt die Wiener Stadträtin für Frauen und Integration Sandra Frauenberger: „Wir haben in Wien jährlich 4000 Wegweisungen und nur 100 Männer, die diese Institution auch benutzen. Die Erfolgsquote zeugt von der Wichtigkeit: Nur 30 Prozent der Absolventen eines solchen Programms werden rückfällig; bei Männern, die eine solche Betreuung nicht in Anspruch genommen haben, sind es 70 Prozent.“

Gewalt kommt übrigens in den besten Familien vor. „Das ist keine Bildungs-, Herkunfts- oder Schichtfrage“, sagt Martina Sommer, Chefin des Wiener 24-Stunden-Notrufs, wo jährlich 9500 telefonische und 100 persönliche Beratungen durchgeführt werden: „Im Gemeindebau sind die Wände halt dünner als in der Villa in Döbling – da kommen solche Vorfälle schneller ans Tageslicht. Bei unserem Notruf konnte ich in letzter Zeit aber einen starken Anstieg von Akademikerinnen und gut ausgebildeten Frauen registrieren.“

Laut der Statistik der Wiener Interventionsstelle, die im Jahr 2014 insgesamt 3372 polizeiliche Betretungsverbote und 5859 Gefährder – also Auslöser für behördliche Interventionen – registrierte, waren in diesem Zeitraum 54,4 Prozent der Gefährder österreichische Staatsbürger, 11,4 Prozent EU-Bürger und 33,5 Prozent andere Staatsangehörige. Im Vergleich mit der Gesamtbevölkerung (der Ausländeranteil in Wien liegt bei 24 Prozent) sind Nicht-Österreicher damit in der Gefährderstatistik deutlich überrepräsentiert. Die Interventionsstelle formuliert dazu vorsichtig: „Es könnte sein, dass manche Gefährder aus stark patriarchalen sozialen Strukturen kommen und daher öfter Gewalt ausüben. Möglich wäre aber auch, dass es einen Bias bei den Behörden oder der Bevölkerung gibt und dass polizeiliche oder strafrechtliche Maßnahmen öfter zu Anwendung kommen als bei der einheimischen Bevölkerung.“


Eine Woche nach der Hochzeit sind die Karten eigentlich schon offen auf dem Tisch gelegen. Nur sehen wollte ich sie nicht. (Karin F.)

Jonni Brem vom Verein Männerberatung versucht eine Differenzierung: „Letztendlich ist, wenn ein Mann zum Täter wird, immer eine Summe von Faktoren verantwortlich: Woher der Mann stammt, wie er zu dem Mann geworden ist, der er heute ist, wie die finanzielle Situation, die Wohnungssituation, die psychische Situation aussehen.“ Dass archaische Männerbilder ein wichtiger Faktor sein können, bestätigt Brems Erfahrung freilich schon: „Natürlich hat das einen massiven Einfluss. Aber auch ein christlich-religiöser Mann mit ländlicher Sozialisierung kann zu übersteigerten Kontrollbedürfnissen kommen.“

Die Wiener Scheidungsanwältin Helene Klaar hat dazu eine weitere Wahrnehmung: „Männer aus Ländern wie der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien entwickeln oft ein besonders großes Verantwortungsgefühl für ihre Familie“, sagt sie: „Ich habe auch das Gefühl, dass in diesen Familien manchmal ein größerer Zusammenhalt herrscht.“

Auf der Opferseite wiegt Herkunft dagegen schwerer. Migrantinnen zögern die Entscheidung, Hilfe in Anspruch zu nehmen, länger hinaus. Sprachbarrieren und die Angst, mit dem Mann auch das Recht auf Aufenthalt zu verlieren, spielen oft entscheidend mit.

Dass in der Debatte rund um die Grazer Tragödie Gewalt auf rein körperliche Ausschreitungen reduziert wurde, hält die Wiener Familienrechtsanwältin Andrea Wukovits für fahrlässig: „Der psychische Terror wird ausgeklammert. Um den Eheverband aufrechtzuerhalten oder sich im Scheidungsverfahren nicht angreifbar zu machen, nehmen Frauen aber oft jahrelange Mobbing-Prozesse in Kauf. Das gehört geändert.“

Diese Erfahrung musste auch die heute 33-jährige Karin F. (Name der Redaktion bekannt) machen. Ihr Mann litt an einer Borderline-Störung, die sich anfangs in Auto-Aggressionen manifestierte und sich dann – unter anderem mit erhobenem Küchenmesser – gegen die Partnerin richtete. Nach einer Wegweisung und einem zaghaften Versöhnungsversuch folgte monatelanger Psychoterror: ständige Anrufe, plötzliches Auftauchen im Büro, eingetretene Wohnungstüren, eingeschlagene Fenster.

Karin F. verbrachte sechs Monate in einem Frauenhaus und brauchte Jahre, um sich von ihren Angstzuständen zu befreien. Auf die Frage, wann sie die ersten Warnsignale der wahren Persönlichkeit ihres Mannes erkannt hatte, sagt sie ohne nachzudenken: „Eine Woche nach der Hochzeit sind die Karten eigentlich schon offen auf dem Tisch gelegen. Nur sehen wollte ich sie nicht.“