Stephanie Neuhold
Stephanie Neuhold

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Österreich
04/14/2020

Atemlos: Protokoll einer Ärztin im Kampf gegen Corona

Wäre die Corona-Pandemie ein Orkan, befände sich Stephanie Neuhold im Auge. Nirgendwo sonst möchte die Leiterin der Intensivstation am Wiener Kaiser-Franz-Josef-Spital in diesen Wochen sein. Protokoll einer Ärztin, die um das Überleben von Covid-19-Patienten kämpft.

von Edith Meinhart

Mit Krisen hat Stephanie Neuhold Erfahrung. 2004 war sie für die Organisation Ärzte ohne Grenzen im Sudan. Damals wütete das Ebola-Virus, verschonte aber ihre nähere Umgebung. Zurück in Wien absolvierte die Ärztin ihre Fachausbildung am AKH und habilitierte sich. 2011 heuerte sie erneut für einen Hilfseinsatz an, dieses Mal in Abidjan, Elfenbeinküste, einer von Bürgerkrieg und Cholera heimgesuchten Weltgegend. Seit einigen Jahren leitet Neuhold die Intensiv-und Überwachungsstation C11/C12 an der 4. Medizinischen Abteilung mit Infektions-und Tropenmedizin am Wiener Kaiser-Franz-Josef-Spital. Notlagen und Extremsituationen gehören hier zwar zum Alltag, die Corona-Pandemie ist aber selbst für Neuhold unbekanntes Terrain. Wie geht es auf ihrer Station zu? Was richtet Covid-19 im Körper von Erkrankten an? Was lernen Ärztinnen wie Neuhold über den Erreger? Die 46-jährige Wienerin schildert einen Spitalsalltag, in dem so gut wie nichts mehr normal ist.

Wie es mir heute geht? Ganz gut, sieht man davon ab, dass meine Kinder schlafen sollten. Sie sind acht und eins. Manchmal habe ich das Gefühl, wenn ich nach zwei freien Tagen ins Spital komme, dass ein halbes Jahr vergangen ist, weil sich die Dinge sehr rasch ändern. Seit fünf Wochen behandeln wir ausschließlich Covid-19-Patienten. Wobei ich vorweg sagen möchte, dass wir nicht am Limit sind. Ständig macht irgendwo eine Intensivstation oder eine normale Station auf, das funktioniert ganz gut. Aber von den Strategien, mit denen wir behandeln, haben wir schon einige verworfen. Was ich heute sage, kann in zehn Tagen völliger Unsinn sein.

Neben der Intensivstation gibt es zwei Normalstationen mit jeweils 28 Betten, die ebenfalls mit Covid-19- Patienten gefüllt sind. Einige werden mit einfachen Geräten beatmet. Medizinstudenten meldeten sich für freiwillige Tag- und Nachtdienste. Patienten, die sich hier stabilisieren, brauchen kein Intensivbett. Auf der von Neuhold geleiteten Station liegen normalerweise Patienten mit Sepsis, Lungenentzündung, Nierenversagen, Koma-Patienten. 2014 gab es in Österreich eine MERS- Infektion. Eine Touristin hatte sich in Saudi-Arabien angesteckt.

Im Kaiser-Franz-Josef-Spital war die Station gesperrt, und wir haben uns alle um diese Patientin gekümmert. Sie war relativ jung, wurde gesund, und wir waren ganz glücklich und stolz. So ähnlich habe ich mir Corona anfangs vorgestellt. Ein paar Touristen, die auf unserer Superhightech-Intensivstation gesund werden, was uns glücklich und stolz macht, das war es dann. Als das Virus in Italien angekommen ist, war mir sofort klar, dass es dieses Mal anders wird. Meiner Einschätzung nach wird die Corona-Pandemie bei uns nicht in voller Härte einschlagen, aber das System sehr wohl an Grenzen bringen. Unsere Abläufe sind durch die Isolationsmaßnahmen profund gestört. Um acht Uhr früh übergibt der Nachtdienst an die Intensivärzte und bringt sie auf den Stand, was in den vergangenen 24 Stunden passiert ist. Neu ist, dass Ärzte und Pflegepersonen sich aufteilen. Das klingt einfach, ist es aber nicht. Jeder Patient, jede Patientin ist in einem Zimmer, in das wir nicht einfach schnell hinein- und wieder hinausgehen können. Die Schutzkleidung anzuziehen dauert zwei, drei Minuten. Sie haben keine Ahnung, wie lange das ist, wenn man Intensivmedizin betreibt. Heute musste rasch eine Intubation erfolgen. Wir haben Kits vorbereitet, die aber nicht immer vollständig sind. Das sind Situationen, die wir so nicht kennen. Erschwerend kommt hinzu, dass wir Abstand halten sollten. Weil die Abläufe aufwendiger sind als sonst, sind mehr Ärzte und Pflegepersonen im Dienst. Aber wir haben nicht mehr Platz.

Infektiologen in aller Welt verfolgten den Ausbruch der Epidemie in der chinesischen Provinz Hubei mit. Es flossen viele Informationen, doch bei Weitem nicht alle genügten verlässlichen, wissenschaftlichen Standards. Der globale Wettlauf um ein Medikament und einen Impfstoff beschleunigte sich auf nie dagewesene Weise. Was funktioniert, was nicht? Was passiert im Körper von Erkrankten?

Das Virus wird über die Atemwege übertragen, setzt sich in den Hals und beginnt dort, sich enorm zu vermehren. In dieser Phase haben die Menschen meist wenig Symptome, vielleicht Halsschmerzen, Husten. Innerhalb von zehn Tagen werden fast alle gesund, ein paar eben nicht, und einige werden richtig krank. Wir dachten am Anfang, dass es sich um ein Lungenversagen handelt, bei dem wir intubieren, beatmen und die Phase überbrücken müssen, bis die Patienten gesund werden. Das ist in der Intensivmedizin unser tägliches Brot. Inzwischen sind wir draufgekommen, dass es bei einem Teil zu einem Zytokinsturm kommt, Botenstoffe greifen die eigenen Organe an, das ruft ausgeprägte Entzündungsreaktionen im ganzen Körper hervor. Und dazu kommen - drittens - Gerinnungsstörungen. Man hat also längst nicht das Problem gelöst, wenn man die Beatmungssituation in den Griff bekommt. Wobei auch die Art und Weise, wie beatmet werden soll, nicht klar ist. Man hat Patienten rasch an eine Maschine angeschlossen und in den Tiefschlaf versetzt, auch weil es sicherer für das Personal ist, wenn sie nicht husten. Aber es hat sich gezeigt - nicht nur bei uns, sondern auch in Italien, Frankreich, New York -, dass Covid-19-Patienten schwerer als andere von der Maschine zu entwöhnen sind.

Überall auf der Welt werden Geräte und Schutzausrüstung knapp. Im Kaiser-Franz-Josef-Spital gibt es Reserven. Noch. Stephanie Neuhold schaut wie eine Astronautin aus, wenn sie die Patienten behandelt. Wie fühlt sich die Frau im Schutzanzug? Hat sie Angst vor einer Ansteckung?

Es dürfen nicht alle gleichzeitig krank werden, sonst kann niemand die Patienten versorgen. Wie viel Schutz ist genug? Das ist in einer komplexen Situation mit vielen Unbekannten nicht leicht zu beantworten. Es wird zu Ansteckungen kommen, sei es im Spital oder im Supermarkt, wir müssen ja weiter einkaufen. Ich habe bewusst keine große Angst. Es wäre anders, wüsste man, dass das Virus auch für kleine Kinder gefährlich ist. Im Unbewussten aber nagt die Angst wahrscheinlich doch. Wir haben spezielle Masken, weil wir uns über die Patienten beugen und nahe am Gesicht arbeiten, außerdem Mäntel, wie man sie im OP trägt, zwei Paar Handschuhe, manchmal drei. Durch die Schutzkleidung hört, sieht und fühlt man anders. Es ist heiß. Die Brillen beschlagen oft. Man hört die Kollegen schlechter. Oft weiß man nicht sofort, wer wer ist, weil man fast nichts von der Person sieht. Wenn man die Maske lange aufhat, kriegt man Kopfschmerzen, weil man nicht so komplett ausatmet, wie man sollte. Es ist körperlich anstrengend. Manchmal haben wir noch ein Visier auf. In anderen Ländern tragen Ärzte diese Ausrüstung stundenlang, das muss unglaublich hart sein. Aber eigentlich ist das Stressigste nicht die Infektionsgefahr, sondern die Ungewissheit. Ich lese viel und habe das Gefühl, dass wir eine Ruhe vor einem Sturm erleben, von dem noch niemand weiß, wie heftig er sein wird.

Mit Stand Freitag (3.4.) wurden österreichweit 1074 an Covid-19 erkrankte Menschen im Spital behandelt, 245 davon auf einer Intensivstation. 168 infizierte Patienten starben. Der Tod ist in Neuholds Arbeit ständig präsent. Gibt es auch gute Momente?

Einen Patienten haben wir wegen einer Lungenembolie im Rahmen der erwähnten Blutgerinnungsstörung verloren, meist aber ist es ein Dominoeffekt, wo ein Organ das andere mitreißt. Man weiß, dass Covid-19-Erkrankte eine geringere Überlebensrate haben als durchschnittliche Intensivpatienten. Wobei niemand sagen kann, ob das an der Krankheit liegt oder an der Struktur, in der wir arbeiten. Wir müssen stärker sedieren, weil wir wegen der Schutzmaßnahmen nicht so oft zu den Patienten können. Das verändert den Krankheitsverlauf. Nun setzen wir Hoffnungen in eine mildere Form der Beatmung. Leider neigen die Patienten dazu, sich die Spezialmasken herunterreißen, was sehr gefährlich für das Personal ist. Wir setzen auf gewisse Medikamente, kaum aber hat man sich mit einem Mittel vertraut gemacht, ist es vergriffen. Es drängen viele Hersteller in den Markt. Der Druck ist enorm. Aber ich will nicht leugnen, dass es mir viel gibt, ein Teil dieser Gesundheitsbewegung zu sein. Ich war in Karenz und bin sogar früher zurückgekommen. Zu Hause zu bleiben, während draußen eine Pandemie umgeht, kommt nicht infrage.

Die Geschichte hinter der Geschichte

Stephanie Neuhold leitet die Covid-19-Intensivstation im Wiener Kaiser-Franz-Josef-Spital. In ihrer Obhut landen Menschen, in deren Körpern sich das Virus in seiner ganzen, noch keineswegs restlos erforschten Gefährlichkeit austobt. Ärztinnen wie sie haben derzeit natürlich anderes zu tun, als mit Journalisten zu reden. Das Gespräch kam über Kontakte von profil-Kollegin Marianne Enigl zustande. Die 46-jährige Wienerin erklärte sich bereit, Einblick in jene medizinische Schwerstarbeit zu geben, die sie und ihre Kolleginnen und Kollegen in allen Covid-19-Stationen des Landes derzeit leisten, und die auch darin besteht, vermeintliche Gewissheiten von gestern zu verwerfen und Neues auszuprobieren. Das Gespräch wurde Anfang vorvergangener Woche geführt. Weil sich das Wissen jeden Tag grundlegend ändern kann, war ein zweites Gespräch gegen Ende der Woche vereinbart.

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