Ein Tag im November

US-Wahl: Ein Tag im November

Reportage. Der Wahltag in Obamas politischer Heimatstadt Chicago

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Am Ende waren alle Hände in der Luft, die Schreie spitz und die Barluft dick vom Bierdampf. Am Anfang hat es einfach nur genieselt.

Wahltag in Chicago, der politischen Heimat Barack Obamas, die letzten Stunden einer erbitterten Wahlschlacht, der Anfang eines langen, nervenaufreibenden Tages. Die Menschen in Chicago erinnern sich noch gut an den 2. November 2008, als Obama zum ersten schwarzen Präsidenten der USA gewählt wurde, als mehr als 200.000 Menschen hier im Grant Park feierten und spürten, dass sie ein historisches Ereignis erlebten.

Das ist vier Jahre her, die Geschichte ist weitergegangen, Obama hat sich verändert, die Stimmung auch, die Euphorie ist geringer geworden. Und nicht nur das. Chicago scheint schlechter Laune. Die Stadt hat sich nicht herausgeputzt für diesen 6. November. Nur in wenigen Schaufenstern hängen Obama-Poster, nur vereinzelte Passanten tragen Obama-Sticker, kaum eine Bar hat eine offizielle Wahlabend-Partys angekündigt, auch die offizielle Obama-Abendveranstaltung wird diesmal nicht im Grant Park stattfinden, sondern in wesentlich kleinerem Rahmen, in einem Konferenzzentrum südlich der Innenstadt. Sogar das Wetter fügt sich der Stimmung, über Nacht hat sich leichter Nieselregel festgesetzt. Auf der Thompson Plaza im zentralen Theatre District von Chicago hat CNN eine Riesenleinwand aufgebaut und auf großen Ansturm zum Public Viewing gehofft; es weht allerdings nur leicht, ein paar Leute stehen am späten Nachmittag am Rand der Plaza, drängen sich unter ein Vordach, bestaunen die unbarmherzigen Analysen Wolf Blitzers und die Bilder von erstaunlich gutbesuchten Wahlpartys in Madrid und Abu Dhabi.

In der Standard Bar & Grill, einer hippen Sportsbar im Hipster-Viertel Wicker Park an der Chicagoer West Side, ist gegen sechs Uhr abends – die ersten Wahllokale sind schon geschlossen, die ersten, uneindeutigen Exit Polls werden bereits besprochen – dagegen noch recht viel Platz; immerhin: die 17 Flachbildschirme, die sonst Foot- und Basketballspiele zeigen, sind heute auf CNN, ABC und NBC eingestellt, ein paar erste Gäste halten sich an ein paar ersten Bieren fest.

Sieben Uhr Abends, die zweite Hochrechnungswelle, das erste Mal wirkliches Raunen in der langsam wachsenden Menge: Illinois ist jetzt auch wahloffiziell Obama-Land. Man prostet sich zu, freut sich, eigentlich ist das ja doch ein ganz schöner Tag heute. Kein wirklich außergewöhnlicher, gut, aber doch ein besonderer.

Acht Uhr, die nächste Hochrechnung, die ersten Jubelrufe: Michigan wird Obama zuerkannt. Das kam nicht unbedingt überraschend, war aber auch nicht ganz sicher anzunehmen, in Chicago nimmt man es als gutes Vorzeichen. Und noch ein paar Drinks.

Neun Uhr, halb zehn, zehn: Die Hochrechnungen folgen in immer knapperen Abständen, die Gäste trudeln immer zahlreicher ein, die Stimmung erreicht schön langsam Song-Contest-Niveau: Die Voten der einzelnen Staaten werden entweder mit Jubel oder Kopfschütteln quittiert und die Zwischenstände verglichen. Sieht eigentlich ganz gut aus für Obama, auch wenn Florida und Ohio sich partout gegen eine klare Tendenz weigern und auch die verschiedenen Zwischenstände der verschiedenen Sender einander nicht immer wirklich gleichen.

Zehn nach zehn, ein spitzer Schrei von links. Und noch einer. Klatschen, jubeln. Köpfe drehen sich, Menschen versuchen, zu verstehen. Ah, hier: auf einem der Flachbildschirme ist MSNBC eingestellt, und da steht es tatsächlich, weiß auf blau: „Barack Obama re-elected“. Die Schreie werden zahlreicher, die Blicke wandern zurück zu den anderen Bildschirmen. Ist es wahr? Kann es wahr sein? Auf CNN fehlen Obama schließlich noch 14 Wahlmänner zur Mehrheit. Zwei Minuten später: NBC stimmt zu: Obama wird’s. Die Schreie werden zu Chören: USA! USA! Und: Four More Years! Viertel nach zehn: Jetzt muss es auch CNN eingestehen: „Obama re-elected“. ABC wird sich noch weitere zehn Minuten Zeit lassen, um zum gleichen Schluss zu kommen, die Leute in Chicago nicht: sie feiern jetzt. Ihren Präsidenten. Ihren Abend. Der Regen hat es auch begriffen und brav nachgelassen, am Thompson Plaza jubelt inzwischen eine stattliche Menschenmenge, die Leute winken in die Krankameras, schwenken Fähnchen, liegen sich in den Armen. Es mag nichts Außergewöhnliches sein, was sie gerade erleben. Aber etwas Besonderes ist es allemal.

Kurz vor Mitternacht tritt Mitt Romney in Boston vor ein Mikrofon und gratuliert Barack Obama zu seinem Sieg. Er sagt: „Ich wünsche ihm viel Glück und ich bete für ihn.“

Kurz vor halb eins Uhr tritt Obama in Chicago vor ein Mikrofon und bedankt sich für seinen Sieg. Er sagt: „Unsere Arbeit ist nicht vorbei.“
Amen.