Bombenstimmung: Der explosive Irak-Kriegsfilm "The Hurt Locker"

Hollywoods Härteste: Die US-Regisseurin Kathryn Bigelow verleiht in ihrem Irak-Kriegsfilm „The Hurt Locker“ den alten Tricks des Genre-Kinos neue politische Aktualität.

Den Irrsinn des Krieges können nur jene überleben, die auch dessen Logik annehmen. In „The Hurt Locker“, dem jüngsten Film der amerikanischen Regie-Virtuosin Kathryn Bigelow, macht sich eine Gruppe von Männern in schweren Schutzanzügen im sengend heißen Bagdad an die Arbeit, als wollte sie diese These bestätigen. Ein US-Eliteteam steht im Zentrum dieser Geschichte, eine Crew uniformierter Draufgänger, die im Krieg gelernt haben, ihre Todesangst in Lebensenergie zu verwandeln. Ihr Job: das Entschärfen von Bomben an öffentlichen Plätzen, mitten in Amerikas tobendem Krieg gegen den Terror.

Der junge New Yorker Autor Mark Boal hat sein Drehbuch zu „The Hurt Locker“ aus eigener Anschauung ­destilliert. Als embedded journalist war er 2004 einige Wochen lang mit einer auf Sprengstoff spezialisierten Einheit im Irak stationiert. Vom Krieg ist Boal zum Kino gekommen: Auf einer seiner Reportagen basierte schon das Melodram „In the Valley of Elah“ (2007), und Bigelows „Hurt Locker“ hat der 37-Jährige nicht nur geschrieben, sondern gleich auch koproduziert. Sein Engagement hat sich bezahlt gemacht; mit sagenhaften neun Oscar-Nominierungen avancierte Bigelows Film in den vergangenen Wochen zu einer Hauptattraktion des Gegenwartskinos. Dabei ist die Arbeit nicht mehr ganz neu: Die Weltpremiere von „Hurt Locker“ fand bereits bei den Filmfestspielen in Venedig im September 2008 statt. In die US-Kinos kam der Film erst im Sommer 2009, für die letztjährige Oscar-Gala konnte er daher noch nicht in Betracht gezogen werden.

Es gehört zu den eisernen Gesetzen des neuen US-Kinos, dass Filme, die den Irak-Krieg thematisieren, an den Kassen so gut wie chancenlos sind (siehe auch Kasten). Die panische Angst vor fehlendem Publikumsinteresse und desaströsen finanziellen Ergebnissen ist dem Umgang der Verleiher mit Bigelows Produktion anzumerken. In nur 535 nordamerikanischen Kinos war der Film zum Zeitpunkt seiner weitesten Verbreitung zu sehen (zum Vergleich: populäre US-Filme wie „Up“ oder „Avatar“ erreichen in ihren Spitzenphasen bis zu 4000 Kinos). Der für Mitte August 2009 angesetzte österreichische Starttermin wurde im letzten Moment gekippt; erst die prominente Oscar-Platzierung des Films brachte den hiesigen Verleiher dazu, dem Wiener Stadtkino grünes Licht für einen stark verspäteten Österreich-Ministart zu geben: Ab 11. März wird „Hurt Locker“ nun doch in Wien zu sehen sein.

Es spricht für den konzeptuellen und inszenatorischen Weitblick der Regisseurin, dass sich das Unternehmen „Hurt Locker“ auch zwei Jahre nach Ende der Dreharbeiten keineswegs veraltet ausnimmt. Im Gegenteil: Der unerhörte Respekt, den Branche und Kritik diesem Film entgegenbringen, scheint in den 18 Monaten seit seiner Uraufführung noch gewachsen zu sein. Die verhaltene Anerkennung, die dem Werk in Venedig zuteil wurde, hat sich in einen veritablen Hype verwandelt. Die amerikanische Filmkritik hat Bigelows Bombenthriller praktisch unisono in den Rang eines Ausnahmeereignisses gehoben.

Umso surrealer klangen die Misstöne, die den Film vergangene Woche, wenige Tage vor der Oscar-Nacht, plötzlich begleiteten: Erst machte sich einer der „Hurt Locker“-Produzenten bei der Oscar-Academy unbeliebt, indem er Jurymitgliedern E-Mails zukommen ließ, in denen er offen gegen den Hauptkonkurrenten „Avatar“ polemisierte. Und dann sorgte ein hochdekorierter US-Soldat namens Jeffrey Sarver für Schlagzeilen mit dem Vorwurf, seine Erlebnisse als Bombenräumer in Bagdad seien von Drehbuchautor Mark Boal en détail und ohne jede finanzielle Kompensation verwendet worden. Boal selbst wies die von Sarver eingebrachte Klage zurück und pochte auf die Fiktionalität seines Buchs.

Hypermaskulin. Bei allen Querelen: Eine bessere Regisseurin hätte sich Boal nicht wünschen können. Kathryn Bigelow, die mit „Hurt Locker“ ihren erst achten Spielfilm in über 30 Karrierejahren vorlegt, gilt als Hollywoods einzige Fachfrau für hartes Genrekino, als Stilistin eines hypermaskulinen Kinos – Arbeiten wie der Vampirfilm „Near Dark“ (1987), die Serienkillerfabel „Blue Steel“ (1989) und der futuristische Actioner „Strange Days“ (1995) zeugen davon. Die 58-Jährige weiß in ihrem Irak-Drama die Mechanismen des Genres mit politischer Aktualität kurzzuschließen. Die fahrige Kamera des Briten Barry Ackroyd, als langjähriger Kreativpartner des Sozialrealisten Ken Loach bekannt, zeichnet die nervenzerrüttenden Einsätze des Teams auf. Die Angst habe unverdienterweise einen schlechten Ruf, sagt Bigelow kühl, dabei sei nur diese in der Lage, die Dinge wirklich zu klären – und die Menschen dazu zu bringen, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren.

Ein perfekt besetztes Trio aus wenig bekannten Darstellern trägt den Film: Jeremy Renner brilliert neben Anthony Mackie und Brian Geraghty als wilder Kerl, den die Angstlust auf jede neue Bombe zutreibt; renommiertere Akteure wie Guy Pearce, David Morse und Ralph Fiennes spielen hier lediglich Nebenrollen. „Hurt Locker“ ist ein Männerfilm, aber einer, der nicht gedankenlos als Testosteron-Spektakel an den Kassen reüssieren will – Bigelows Arbeit handelt, in jedem Sinn, von der Verletzlichkeit der Männer, von jener seltsamen Spezies, die wenig mehr als eine Beißzange benützt, um Sprengsätze zu deaktivieren, die im Fall ihrer Detonation jedes Lebewesen im Umkreis von 300 Metern zerreißen würden.

Den Einsatz des US-Militärs beschönigt Bigelow keineswegs: Sie zeigt das relative Desinteresse ihrer Protagonisten an der lokalen Bevölkerung und das politische Dilemma, in dem sie in der Fremde zu agieren haben. Radikal sucht sie die Innenperspektive – und sie zeigt den martialischen Alltag, wie er sich für jene anfühlen muss, die ihn am eigenen Leib erleben. Um Patriotismus geht es dabei entschieden nicht: Von amerikanischem Kriegsethos und homeland security ist hier, geradezu demonstrativ, nicht mehr die Rede. Krieg ist eine Droge, heißt es am Anfang dieses Films.

Seine Suchtwirkung ist, wie „The Hurt Locker“ zeigt, unbestreitbar – und auch nicht abzuschütteln: Diese Männer, auch jene, die allen Bomben entgehen, kehren nicht mehr heim. Sie bleiben im irakischen Fegefeuer hängen.