Ein Mann im Anzug mit roter Krawatte, Klimaminister Totschnig, steht vor einem großen Wandbild mit Fluss und bewaldeter Landschaft.
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Norbert Totschnig: Klimaminister zwischen Sprit und Sparen

Niemand wollte das Klimaministerium, also bekam es Norbert Totschnig. Wie der ÖVP-Bauernbündler in der Klimapolitik spart und seine Macht im Ministerium zementiert.

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Norbert Totschnig ist kein Mann der klaren Worte. Fünf Mal fragt profil den Klimaminister während des Telefoninterviews für diesen Text, ob Österreich bis 2040 klimaneutral werden soll. Fünf Mal weicht Totschnig aus. „Wir haben im Regierungsprogramm festgehalten, dass das Klimagesetz eingerichtet wird und die Verantwortlichen dann einen Klimafahrplan mit Maßnahmen in Richtung einer Klimaneutralität 2040 erarbeiten“, sagt Totschnig. Wünscht er sich ein klimaneutrales Österreich im Jahr 2040? Klimaminister Totschnig: „Mein persönliches politisches Interesse ist das umzusetzen, was im Regierungsprogramm vereinbart wurde.“

Der Austausch steht exemplarisch für Totschnigs erstes Jahr als Klimaminister. Eigentlich hat der ÖVP-Minister überraschend viel erreicht: Seit März werden die meisten neuen Gesetze dank seiner Klimacheck-Verordnung automatisch auf ihre Klima-Verträglichkeit geprüft. Und die Verhandlungen um das Klimagesetz dürften erstmals voranschreiten. Doch gleichzeitig hat Totschnig vor allem zwei Dinge getan: Beim Kampf gegen die Klimakrise massiv gespart und die eigene Macht im Ministerium gesichert.

Finanz-General

In der Geschichte des Landwirtschaftsministeriums ist es wohl eine einzigartige Nachricht: Am 5. Dezember 2025 schickt Generalsekretär Johannes Abentung eine Mail an alle Sektions-, Abteilungs- und Referatsleiter des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, Regionen und Wasserwirtschaft (BMLUK) aus. In einem Satz gibt der höchste Beamte des Ministeriums darin eine klare Weisung: „Sämtliche Ausgaben bzw. Verträge (inklusive Fördercalls) die eine Summe von Euro 30.000 überschreiten sowie sämtliche Personalaufnahmen/-verlängerungen sind vor Genehmigung Generalsekretär Dr. Johannes Abentung im ELAK Prozessweg vorzuschreiben.“ Insider sagen: Ausgaben unter 30.000 Euro gibt es im BMLUK faktisch nicht. Der Generalsekretär bestimmt also de facto alle Ausgaben des Ministeriums.

Nach den Enthüllungen rund um den früheren Generalsekretär des Finanzministeriums, Thomas Schmid, wurde die Macht der politisch bestellten Generalsekretäre kritisch betrachtet. Die Staatengruppe des Europarates gegen Korruption (GRECO) hielt etwa 2023 fest: „Maßnahmen zur Sicherung der Integrität von Generalsekretären und Kabinettsmitarbeitern sind noch weitgehend verbesserungsfähig.“ Der Rechnungshof befand 2021, Aufgaben und Ziele der Generalsekretäre seien nicht klar definiert, die Existenz der neuen Weisungsebene würde daher nur das Risiko von Doppelgleisigkeiten erhöhen.

Norbert Totschnig wertete seinen General indes auf: Schon bei der Reorganisation des BMLUK wanderte die neu geschaffene Abteilung „Strategische Kommunikation“ direkt zu Abentung. Und seit Anfang Dezember wacht der 65-jährige Ex-Bauernbund-Direktor persönlich über alle größeren Ausgaben des Ressorts. „Wir müssen sparen – und zwar deutlich sparen“, erklärt der Minister die Weisung.

Totschnig konzentriert die Macht – und das in einem Ministerium, das er selbst seit Mai 2022 führt und das seit Jänner 1987 fest in den Händen der Volkspartei ist. Was sich geändert hat? Zum Landwirtschaftsministerium stießen die Umwelt- und Klimaagenden – und damit ein Ressort, das unter Totschnigs Vorgängerin Leonore Gewessler (Grüne) finanziell, personell und kommunikativ enorm aufgewertet wurde. Totschnig baut nun zurück.

Norbert Totschnig und vier weitere Personen präsentieren den zweiten Österreichischen Sachstandsbericht zum Klimawandel (AAR2) vor einem modernen Bürogebäude.
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Totschnig blickt auf Tankstellen

Rund ein Drittel der gesamten Einsparungen im Doppelbudget 2025 und 2026 stammten aus dem Klimabereich. Der Großteil aus dem Klimabonus, aber auch Förderungen wie das Klimaticket für 18-Jährige oder für thermische Sanierungen wurden gekürzt. Totschnig sieht darin „ein ganz klares Bekenntnis zu effizienten Maßnahmen im Klima- und Umweltbereich“: „Wir wollen mit möglichst wenig Geld möglichst viel Wirkung erzeugen.“

In Sparzeiten sei nachvollziehbar, dass der Staat teure Unterstützungen streicht, sagt Katharina Rogenhofer, Vorständin des Kontext-Institut, „aber es wurden auch keine ordnungspolitischen Maßnahmen stattdessen beschlossen.“ Dabei sei die Energiewende längst mehr als ein reines Klimathema, sagt Rogenhofer mit Blick auf die derzeitigen Preissteigerungen: „Die Bundesregierung muss aus Öl und Gas aussteigen, weil es auch dem Haushalt schadet.“ 

Wo er 2027 und 2028 sparen wird, will der Minister noch nicht verraten. Klar ist: Klimaschädliche Subventionen wie das Dieselprivileg will er derzeit nicht angreifen. „Wenn wir auf die Preise an den Tankstätten schauen, ist nachvollziehbar, dass man derzeit von einer solchen Maßnahme Abstand nimmt“, sagt der Klimaminister: „Das ist eine Frage der Inflation, der Wettbewerbsfähigkeit und des Wirtschaftswachstums.“ Und wenn die Preise wieder sinken sollten? Wird sich Totschnig dann für die Abschaffung klimaschädlicher Subventionen einsetzen? Der Klimaminister will erst die Vorschläge der Förderkommission abwarten.

Sprit und Sparen

Umso größer ist die Sorge, dass im neuen Budget 2027 und 2028 weitere Kahlschläge in der Klimapolitik folgen. „Totschnigs Bilanz wird sich im nächsten Budget messen“, sagt Rogenhofer: „Ein weiterer Klima-Kahlschlag wäre fahrlässig.“ Laut Berechnungen des Wegener Center der Universität Graz stiegen Österreichs Treibhausgas-Emissionen 2025 wieder – zum ersten Mal seit 2021. „Der Klimaschutz in Österreich ist ins Stocken geraten, obwohl die Forschung klar zeigt, dass durch diese Verschleppung Milliardenkosten und hohe Schäden entstehen. Ein echter Weckruf für die Regierung“, sagte Klimaforscher Gottfried Kirchengast bei der Präsentation der Zahlen. 

Stattdessen bereitet sich das Umweltbundesamt auf Einsparungen vor. Und hinter vorgehaltener Hand wird befürchtet, dass der Klima- und Energiefonds so stark zusammengekürzt wird, dass er nicht mehr weiter bestehen kann. „In den vergangenen Jahren wurden Verpflichtungen eingegangen, auch im Klima- und Energiefonds – und diese Verpflichtungen müssen finanziert werden“, sagt Totschnig: „Allein schon deswegen wird es weiterhin einen Klimafonds geben.“ Zusätzliche Einsparungen im Klimabereich schließt der Minister aber auch nicht aus. Das kann er angesichts der angespannten Budgetlage auch nicht. 

Für die Bäuerinnen und Bauern hat der einstige Bauernbund-Direktor indes ein finanzielles Zuckerl herausverhandelt: Der Bund wird wieder den Agrardiesel subventionieren. „Wir haben den zweitgrößten Dieselpreis in der EU“, sagt Totschnig. Diesel zu subventionieren sei daher eine Frage der Wettbewerbsfähigkeit, weil die Produktionskosten der Bauern sonst zu hoch wären. Und: Andere Antriebsmöglichkeiten seien in der Landwirtschaft meist nicht einsetzbar. „Für die Lebensmittelproduktion brauchen wir Diesel.“

Man merkt: Der Tiroler ist gelernter Bauernbündler. Als Johannes Abentung 2017 als Direktor des Bauernbundes ging, folgte ihm Totschnig nach. Als Minister machte Totschnig seinen einstigen Vorgänger im Jänner 2022 zum höchsten Beamten des Landwirtschaftsministeriums. Trotz der Zusammenlegung behielt Abentung den Posten als Generalsekretär, erst kürzlich wurde der Vertrag des 65-Jährigen um ein Jahr verlängert. „Es stimmt, ich komme aus der Landwirtschaft“, sagt Totschnig: „Aber aus einer ökosozialen Agrarpolitik. Das ist eine andere Denke. Auch meine Ministerinnen- und Ministerkollegen verstehen nicht, wie wir es in Österreich schaffen, diese zwei Politikbereiche auf einen gemeinsamen Nenner zu führen.“ Das Ergebnis laut Totschnig: „Niemand hat so eine umweltfreundliche landwirtschaftliche Produktion wie wir in Österreich.“

Zwei Personen - die Politiker Gewessler und Totschnig - sprechen bei einer Pressekonferenz vor österreichischer und EU-Flagge.
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Großes Haus, enge Führung

Dass der Tiroler seit über einem Jahr die Klimapolitik verantwortet, liegt aber nicht nur an Totschnigs Vorliebe für ökosoziale Landwirtschaft. In den Verhandlungen zwischen ÖVP, SPÖ und Neos gab es schlicht keine Partei, die sich wirklich um die Klimaagenden bemühte. Für die Volkspartei standen Kanzleramt, Innenministerium und Wirtschaftsressort im Vordergrund, die Sozialdemokraten wollten die Ressorts für Soziales, Infrastruktur und Frauen führen und den Neos war die Bildung am wichtigsten. Das Klima war für alle drei Parteien maximal zweite Wahl. 

So fand sich eine österreichische Lösung: Die interessanten Teile des einstigen Super-Ministeriums von Leonore Gewessler wurden zwischen ÖVP und SPÖ aufgeteilt: Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP) erhielt die Energie, Infrastrukturminister Peter Hanke (SPÖ) den Verkehr. Und die Klima- und Umweltagenden wanderten zurück zu Totschnig ins Landwirtschaftsministerium.

Für Totschnig bedeutete das einen Umbau: Das Landwirtschaftsministerium wird seit 1987 durchgehend von der ÖVP geführt. Nun arbeiten hier Beamtinnen und Beamte, die zuletzt einer grünen Ministerin gedient haben. Jetzt setzt Totschnig im Ministerium Vertraute ein – auch in der Verwaltung, wo die Parteifarbe keine Relevanz haben sollte: Stefan Trittner, ÖVP-Bezirksparteiobmann von Ottakring, leitet seit 1. Juli 2025 die Kommunikation des politischen Kabinetts des Ministers. Kurz nachdem Trittner im BMLUK anfing, änderte Totschnig die Geschäftseinteilung seines Ministeriums – und machte Trittner zum Interimsleiter der neu geschaffenen Abteilung „Strategische Kommunikation“, die direkt bei Generalsekretär Abentung liegt. „Unser Haus ist größer geworden“, erklärt Totschnig den Umbau: „Es ist jetzt ein großes, grünes Ministerium für Lebensgrundlagen. Und dafür haben wir einen erfahrenen Kommunikationsmann gesucht, der das Team unterstützt.“

Womöglich darf Trittner einen der größten klimapolitischen Würfe verkünden: Das Klimagesetz und ein Klimafahrplan mit verbindlichen Sektorenzielen wären ein echter Paradigmenwechsel in Österreich. Doch Totschnig sorgte bei seinem Koalitionspartner im ersten Jahr eher für Ernüchterung: Erst legte sein Ressort im Sommer 2025 einen Gesetzesentwurf vor, in dem das im Regierungsprogramm festgeschriebene Ziel der Klimaneutralität bis 2040 fehlte. Die erste Verhandlungsrunde im Jahr 2026 fand erst im März statt.

„Wenn es nach mir ginge, hätten wir das Gesetz schon“, sagt Totschnig. An wem ist es dann gelegen, dass nicht früher ein Termin zustande gekommen ist? Totschnig: „Ich glaube, das hat keinen Sinn, wenn wir darüber reden. Ich will am Ende einen Entwurf am Tisch haben. Meine Vorgängerin hat das nicht geschafft. Mein Ziel ist die Beschlussfassung.“ Bis wann er sein Ziel erreichen will, verrät der Klimaminister nicht: „Wir müssen hier die Arbeit machen. Wir brauchen am Ende die Zustimmung. Und ich hoffe, sie kommt schnell.“

Norbert Totschnig ist kein Mann der klaren Worte.

Max Miller

Max Miller

ist seit Mai 2023 Innenpolitik-Redakteur bei profil. Schaut aufs große Ganze, kritzelt gerne und mag Grafiken. War zuvor bei der „Kleinen Zeitung“.