<small><i>Christian Rainer</i></small>
„1,7 Milliarden Gespräche, SMS, Mails“

<small><i>Christian Rainer</i></small>
„1,7 Milliarden Gespräche, SMS, Mails“

Das NSA-Protokoll: Was mir ein Amerikaner über das Abhören beim US-Auslandsgeheimdienst erzählte.

Er ist Ende 60. Das graue, gewellte Haar ist nach hinten gekämmt. Er hat eine Stirnglatze und einen schütteren, weißen Vollbart. Er trägt ein dunkles Sakko mit beigem Stecktuch und ein Hemd in der Farbe des Stecktuchs. Der oberste Knopf des Hemdes ist offen. Sein stattlicher Bauch berührt die Kante des Holztisches der öffentlichen Bibliothek, in der das Treffen stattfindet. Vor ihm liegt ein kleines Buch mit rotbraunem Umschlag, das in der Mitte aufgeschlagen ist. Er spricht in gut verständlichem amerikanischen Idiom und sagt: „Ich heiße Solomon Hancock und ich arbeite für den US-Auslandsgeheimdienst NSA. Meine Aufgabe ist es, täglich 1,7 Milliarden Telefonanrufe, Mails und SMS abzufangen.“
Dies ist ein etwas anderer Leitartikel – das Protokoll einer bemerkenswerten Aussage, die Mister Hancock mir gegenüber getätigt hat. Sie wurde mit seiner Zustimmung aufgezeichnet und liegt mir in Ton und Bild vor.

„Würden Sie bitte die Batterie aus Ihrem Mobiltelefon nehmen? Die Mauern hier sind zwar drei Fuß dick, aber jedermann, der ein Telefon bei sich trägt, ist unter Beobachtung. Manchmal laden wir bei der NSA eine Wanze auf ein Mobiltelefon, sodass wir das Mikrofon als Abhörgerät verwenden können. Sie haben doch sicher auch schon mal eine unverlangte SMS bekommen?

Zunächst möchte ich etwas über mich erzählen: Als ich mit meiner Tätigkeit begann, habe ich sowjetische Schiffe gejagt. Ich kümmerte mich um Geheimdienstverschlüsselungen bei der Navy. Aber als die Berliner Mauer fiel, war mein Krieg vorbei. Also ging ich in die Privatwirtschaft wie jeder andere auch, bloß nicht in den Dotcom-Sektor. Da entwickelte ich Methoden der Datenkompression für Glasfaserkabel. Dann kam 9/11 und ich beschloss, in den öffentlichen Dienst zurückzukehren, um die bösen Buben zu jagen. Jetzt bin ich offiziell ,Assistant Deputy Director of Technology and Systems Cryptology and Mathematics‘ – bei der NSA.
Ich produziere Prototypen von NSA-Software: Sie dient zum Sammeln von elektronischen Daten. Eine der Methoden, mit denen die NSA Bin Laden oder jeden anderen Terroristen verfolgte, war ein derartiger geschriebener Code. Der Code wird durch Millionen Datensätze von elektronischer Kommunikation geschickt. Es ist die Suche nach der Nadel in einem gigantischen Heuhaufen.

Kennen Sie die Maschine, die Batman benutzt, um den Joker zu finden? Als Morgan Freeman davon erfährt, sagt er: ,Ich höre auf, denn kein Mensch sollte so viel Macht besitzen.‘ Diese Maschine existiert. Wir haben zwei Big Shots in der Rüstungsindustrie einen Vertrag gegeben. Meine Aufgabe war es, sicherzustellen, dass sie lieferten und es funktioniert. Das Projekt heißt ,Globalclarity‘. Es fängt 1,7 Milliarden Telefonanrufe, Mails und SMS ab – 1,7 Milliarden täglich.

Ob das legal ist? Nein. Es inkludiert nämlich nicht nur ausländische Ziele, sondern auch das massive Abhören von amerikanischen Bürgern ohne jede richterliche Anordnung. Wir dürfen im Ausland legal nach Terroristen jagen, aber wegen der Begeisterung unserer Bosse für Globalclarity verletzt die NSA ohne Skrupel den 4. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten und ungefähr ein Dutzend unserer eigenen NSA-Regeln über Spionage gegenüber Amerikanern.

Wir haben Agenten, die ihre Ex-Frauen abhören, die sich in Gespräche von Soldaten in Übersee einklinken, die wissen wollen, was Filmstars gerade vorhaben. Und Sie sind nicht die erste Person, der ich das alles erzähle. Ich habe vor dem Kongress ausgesagt und vor dem obersten Ermittler des Pentagons. Niemanden hat das interessiert. Niemand will wissen, was wir so treiben, denn niemand will nach 9/11 als Weichei gelten. Was Murdochs Wochenzeitung ,News of the World‘ in Großbritannien beim Abhören und Computer-Hacking getan hat, machen amerikanische Klatschblätter mit unserer Hilfe seit Jahren.

Ich habe die Sowjets bekämpft. Die Art, wie sie ihre Leute ausspionierten, war ein guter Grund für meine Arbeit. Nach 9/11 begannen wir, genau dasselbe weltweit zu tun. Ich habe nicht gegen die Kommunisten gekämpft, um das jetzt selbst zu machen.

Bitte schreiben Sie über Globalclarity! Danke.“

So weit die Aussage von Solomon Hancock. Die Aufzeichnung des gesamten Gesprächs können Sie als DVD bei Amazon bestellen. Es stammt aus der US-amerikanischen Fernsehserie „The Newsroom“, Staffel eins, Folge acht. Die Serie zeigt den Alltag der Nachrichtenredaktion eines fiktiven Kabelsenders, wird seit 2011 produziert, in den USA seit Juni 2012 und in der Übersetzung für den deutschen Sprachraum seit November 2012 ausgestrahlt.

Wer sich nun wundert, was Geheimdienste im Allgemeinen und die NSA im Besonderen tun, interessierte sich nicht für eine der erfolgreichsten amerikanischen Fernsehserien – und ist ein Träumer.

christian.rainer@profil.at