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Österreich
03/30/2020

Die Corona-Chroniken: Blöde Frage? Nein.

Der tägliche profil-Überblick zur Corona-Krise.

von Michael Nikbakhsh

Tag 15 des Ausnahmezustands. Darf man das? Schon jetzt – wo die Coronavirus-Pandemie noch gar nicht in vollem Ausmaß über uns hereingebrochen, geschweige denn im Abflauen ist – die Frage nach dem Danach stellen? Genauer gesagt: Hinterfragen, ob Gefahr besteht, dass einige der derzeit verhängten Eingriffe in die bürgerlichen Freiheiten zum Dauerzustand werden, mit entsprechenden Folgen für die Gesellschaft?

Man darf nicht nur, man muss sogar. Denn derzeit gilt leider: „Das Virus hat alle Debatten beendet“, wie Rosemarie Schwaiger im aktuellen profil konstatiert, das ab sofort sowohl in Ihrer glücklicherweise immer noch geöffneten Trafik und auch als E-Paper im Internet erhältlich ist. „So viel nationale Einheit gab es noch nie. Es ist zum Fürchten“, warnt Schwaiger, die eigentlich nicht zu den besonders Furchtsamen gehört.

Die selbst auferlegte Diskussionsisolation ist umso bedeutsamer, als ironischerweise gerade die vielversprechendsten Methoden zur Eindämmung des Coronavirus (beispielsweise die Erstellung von Bewegungsprofilen mithilfe von Mobiltelefonen) den Keim ihres politischen Missbrauchs in sich tragen. Und die Geschichte lehrt: Was sich Staaten in einer Krise herausnehmen, geben sie nur ungern wieder her. „Dazu kommt, dass die Voraussetzungen für die Einführung autoritärer Maßnahmen so gut sind wie schon lange nicht“, schreibt Robert Treichler im aktuellen Heft – technologisch wie atmosphärisch.

Es gibt gegenwärtig keinen Grund, der österreichischen Regierung in dieser Hinsicht Schlimmes zu unterstellen.

Wenn man aber davon ausgeht, dass die medizinische Krise von einer wirtschaftlichen nicht nur begleitet wird, sondern lange überdauert werden dürfte, und dass wirtschaftliche Krisen ungeahnte politische Dynamiken freisetzen können, dann muss man zum Schluss kommen: Es gibt Fragen, die man gar nicht früh genug stellen und Debatten, die man gar nicht früh genug führen kann.

Bleiben Sie gesund, auch in Woche 3 der Krise!

Martin Staudinger und Michael Nikbakhsh

Sie finden hier: + Franziska Grillmeier über die verzweifelte Lage der Flüchtlinge auf den griechischen Inseln + Michael Nikbakhsh im Gespräch mit Erste-Bank-Chef Peter Bosek + Wolfgang Rössler im Interview mit dem Budapester Bürgermeister Gergely Karácsony über Viktor Orbán und die Corona-Krise + Christina Feist über Viren-Ignoranz in Paris + Krisen-Feuilleton: Philip Dulles Musik-Tipp; Wolfgang Paternos Trost-Satz; Stefan Grissemanns Nachrichten aus dem Paralleluniversum des Menschengedränges.

Zahlen bitte!

Das Gesundheitsministerium meldet aktuell 8958 positiv getestete Personen (Stand 30. März, 10.00 Uhr). Über das Wochenende ist Zahl der nachgewiesenen Infektionen um 21 Prozent gestiegen, die Zahl der Testungen um 25 Prozent. Für das Gesundheitssystem von entscheidender Bedeutung sind die Krankenhausaufenthalte. Entspannung ist hier nicht in Sicht. Stand Sonntagvormittag lagen 931 Menschen im Spital. davon 187 auf der Intensivstation. Von Freitag auf Sonntag sind die Akutfälle damit um 46 Prozent gestiegen. Die meisten Intensivpatienten haben Tirol (42) und Wien (35), die wenigsten melden das Burgenland (4) und Kärnten (9). In den letztgenannten Bundesländern ist der Anteil der Intensivpatienten allerdings am höchsten. In Kärnten liegen 41 Prozent aller hospitalisierten Covid-19-Patienten auf der Intensivstation, im Burgenland sind 40 Prozent (Bundesschnitt: 20 Prozent).

Masken im Supermarkt? Jein!

In einer ihrer zahlreichen Pressekonferenzen hat die Bundesregierung am heutigen Vormittag eine Verschärfung der Maßnahmen angekündigt. Demnach sollen Supermarktkunden ab Mitte der Woche während des Einkaufs Schutzmasken tragen. Das setzt allerdings voraus, dass diese Masken in ausreichender Anzahl zur Verfügung stehen – und da gibt es ja selbst bei schlichten OP-Modellen Lieferengpässe. Was das in der Praxis bedeutet, wird sich bald herausstellen (wir halten Sie auf dem Laufenden).

Schutzlos

Auf fünf griechischen Inseln leben insgesamt 40.000 Geflüchtete in völlig überfüllten Lagern. Das Coronavirus droht auch sie heimzusuchen. Was dann?, fragt FRANZISKA GRILLMAIER.

Ein Unglück kündigt sich an. Auf der griechischen Ägäis-Insel Lesbos wurde vergangene Woche der vierte Fall einer Covid-19-Infektion registriert. Bis Redaktionsschluss am Freitagabend wurde im Flüchtlingslager von Moria selbst noch kein Corona-Fall bestätigt. Trotzdem bereiten sich die verbliebenen Helfer auf der Insel auf den Katastrophenfall vor. Für die Camp-Bewohner würde ein Ausbruch der Pandemie eine Katastrophe bedeuten.

„Großraumbüros sind jetzt wohl eher eine antizyklische Sache“

Peter Bosek leitet das Österreich-Geschäft der Erste Group. Der erfahrene Banker steht vor surrealen Fragen: Wie geht eine Bank damit um, dass mehr als die Hälfte der Kommerzkunden von einem Tag auf den anderen kaum oder keinen Umsatz mehr macht? Wie hält man Pensionisten davon ab, am Monatsersten in die Filiale zu kommen? Wie schützt man Filialmitarbeiter vor einer Infektion? Und wie verhindert man, dass einem das Handy ans Ohr wächst? Michael Nikbakhsh hat mit Bosek gesprochen – am Telefon.

profil: Sitzen Sie bequem? Und wo sitzen Sie? Bosek: Ich sitze nach wie vor in unserem Office am Hauptbahnhof. wir haben auch auf Vorstandsebene ein rotierendes System, wo wir einander abwechseln. Zwei sind immer im Office, die anderen beiden arbeiten von zu Hause. Im gesamten Headquarter haben wir derzeit rund 95 Prozent im Home Office.

profil: Wie viele Leute sind das? Bosek: Am Erste-Campus sind es insgesamt rund 4500 Menschen, die normalerweise hier arbeiten.

profil: Also arbeiten derzeit ungefähr 4300 Menschen von zu Hause aus. Bosek: Ja. Wenn ich in die Kantine gehe, sitzen maximal 15 Menschen jeweils an eigenen Tischen. Das wirkt schon surreal. Dabei ist das dezentrale Arbeiten für mich ja eigentlich völlige Normalität. Ich komme aus dem Vertriebsgeschäft, da bist du es gewohnt, deine Mitarbeiter nur sehr selten zu sehen. Vorstands- und Aufsichtsratssitzungen halten wir jetzt auch per Skype ab. Die Kommunikation, der Austausch von Unterlagen, das Abstimmen über Anträge, das konnten wir schon vor der Krise online erledigen. Ob zum Beispiel mein Kollege Willi Cernko grad physisch im Haus ist oder nicht, spielt für die Zusammenarbeit und das Funktionieren des Bankbetriebs keine Rolle, ich merke da keinen Unterschied.

profil: An sich sitzt der Vorstand der Erste Bank ja im Großraumbüro. Bosek: Ja.

profil: Das hat sich in der Krise sicher bewährt. Bosek: Großraumbüros sind jetzt wohl eher eine antizyklische Sache.

„Ich kenne nicht einmal die offiziellen Zahlen meiner Stadt“

Gergely Karácsony ist seit Oktober Oberbürgermeister von Budapest. Der grüne Stadtpolitiker gilt als mächtigster Widersacher des rechtskonservative Premiers Viktor Orbán. Mit dessen Krisenmanagement geht er im Interview mit WOLFGANG RÖSSLER hart zu Gericht.

profil: Herr Bürgermeister, wie viele bestätigte Corona-Fälle gibt es in Budapest? Karácsony: Wir haben keine regionalen Daten. Landesweit gibt es offiziell 300 Infizierte (Stand Ende vergangener Woche, Anm.). Es ist davon auszugehen, dass die tatsächlichen Zahlen weitaus höher sind.

profil: Ich habe Sie richtig verstanden: Als Oberbürgermeister wissen Sie nicht, wie viele Menschen in Ihrer Stadt offiziell an COVID-19 erkrankt sind? Karácsony: Ich kenne die offiziellen Zahlen meiner Stadt nicht. Seit die Fidesz-Regierung von Viktor Orbán vor einigen Jahren die Kontrolle über die Spitäler übernommen hat, sind die Kommunen nur noch für die ambulante Versorgung zuständig. Regionale Daten werden nicht an uns weitergegeben. Ich gehe aber davon aus, dass die meisten Infizierten in Budapest leben.

Bürokratie gegen Pandemie

Die Behörden verlangen Passierscheine, aber viele Pariser in ärmeren Vierteln ignorieren die Ausgangssperre, beobachtet CHRISTINA FEIST im 18. Arrondissement.

Cafés, Restaurants, Fitnessstudios und dergleichen waren bereits geschlossen, als die französische Regierung knapp vor Beginn der landesweiten Quarantäne noch den ersten Durchgang der Kommunalwahlen abhielt. Absurderweise wurde gleichzeitig dazu aufgerufen, Reisen auf ein Minimum zu reduzieren und das Haus möglichst nicht zu verlassen.

Die Pariser ließen sich davon aber nur wenig beeindrucken. Viele genossen dicht gedrängt in Parks die Frühlingssonne. Wer konnte, floh mit Kind und Kegel in voll gepackten Autos aufs Land. Seither gleichen bourgeoise Pariser Stadtteile einer Geisterstadt …

Das profil-KRISEN-FEUILLETON

Countersound: Bob Dylans Requiem auf Amerika

Philip Dulle findet Musik gegen Corona.

Wenn sich Bob Dylan direkt an seine Anhängerschaft wendet, muss die Lage ernst, aber auch nicht hoffnungslos sein. Vergangenen Freitag veröffentlichte der Meister das 17-minütige Gedicht „Murder Most Foul“, seine erste Eigenkomposition seit acht Jahren mit einer persönlichen Alles-wird-gut-Botschaft: „Greetings to my fans and followers with gratitude for all your support and loyalty across the years. This is an unreleased song we recorded a while back that you might find interesting", schreibt der 78-Jährige auf seiner Website: „Stay safe, stay observant and may God be with you.“ Die epische Ballade, die ohne Refrain aber mit unzähligen popkulturellen Verweisen (von Nina Simone bis John Lee Hooker) auskommt, beginnt mit dem Attentat auf Kennedy 1963 und reicht weit in die Gegenwart hinein. Das Land, so Dylan in seinem von Klavier und Streichern getragenen Requiem auf Amerika, habe sich von der Tragödie nie richtig erholt. Verschwörungstheorien, Fake News, das ist alles schon länger da: „What is the truth, and where did it go?“

Alles wird gut.

Schöne Grüße aus dem Elfenbeinturm!

Wolfgang Paterno macht sich auf die Suche nach Sätzen, die helfen.

„Wilde Indianer sind entweder auf dem Kriegspfad oder rauchen Friedenspfeife. Geschwister können beides auf einmal.“

Elternratgeber gibt es viele. Aber nur ein „Alphabet der Kindheit“. Ein Buch als Nothelfer in Zeiten flächendeckender Schulschließlungen, in dem die deutsche Erziehungswissenschaftlerin Helge-Ulrike Hyams ihr stupendes Wissen über Kind und Kindsein vermittelt. „Anders sein“, „Angst“, „Blind“, „Clique“, „Einsamkeit“, „Gedichte“, „Magisches Denken“, „Quälen“, „Verbotenes“ oder gleich „Zaubern“: Schon die Kapitelüberschriften für die 26 Buchstaben weisen neue Wege. Peter Handke, die Brüder Grimm, Mascha Kaléko oder eben Kurt Tucholsky kommen darin zu Wort: „Wilde Indianer sind entweder auf dem Kriegspfad oder rauchen Friedenspfeife. Geschwister können beides auf einmal.“ Selbstredend mussten die Studenten der emeritierten Professorin „Pippi Langstrumpf“ gelesen haben.

Helge-Ulrike Hyams: Das Alphabet der Kindheit. Berenberg 2017, 444 S., EUR 29,90

Verlustanzeige (I)

Stefan Grissemann sendet Nachrichten aus dem Paralleluniversum des Menschengedränges.

Wenn sie lachen musste, klang das bisweilen alarmierend. Die jähe Erheiterung schien ihr die Kehle abzuschnüren, und die Druckwellen ihres Gelächters produzierten eine Art Husten, ein ekstatisches Stottern in den Korridoren des Atmungsapparats. Die Luft blieb ihr vor Freude weg; man musste das schon kennen, um es nicht mehr unheimlich zu finden.

Es führte jedenfalls dazu, dass in ihrer Nähe niemand mehr ganz unbefangen scherzte. Ihre akute Reaktion auf situationskomische Vorkommnisse hatte nicht jene mitreißende Wirkung, die das spontane Lachen anderer so oft hervorrief, sondern eher befremdliche Züge. Aber man gewöhnte sich, wie an alles, auch daran.

Abends sahen sie gemeinsam einen Film, eine seltsame, fast wortlose Komödie, das Werk eines palästinensischen Regisseurs, von dem sie nie gehört hatte, der aber, wie eine schnelle Online-Recherche danach ergab, bereits seit ein paar Jahrzehnten an einer ganz eigenen Vision tragikomischer Kinoerzählungen arbeitete. Seine jüngste Produktion berichtete von der Reise durch eine fremd gewordene Welt, zeigte die irreale Schönheit menschenleerer Plätze in großen Städten, ein leergefegtes Paris. Das vollbesetzte Kino, in dem sie saßen, zwischen Unbekannten, von denen einige vernehmlich mit den Plastikverpackungen ihrer eingeschleppten Süßwaren raschelten, bildete einen heiteren Kontrast zur Einsamkeit des sich durch die Filmbilder schleppenden Touristen wider Willen.

„It Must Be Heaven“ hieß der Film, aber das konnte nur sarkastisch gemeint sein, denn himmlisch sah weder die gespenstisch entvölkerte Welt aus, die er präsentierte, noch die martialische Bewaffnung, die anderswo, in einer amerikanischen Metropole, zum Alltag geworden war: Joggen mit dem Maschinengewehr und mit der Panzerfaust zum Gemüseregal des Supermarkts. Wenn das der Himmel sein sollte, konnte man es gut erwarten, dorthin vorzudringen.

In einer der Pariser Szenen musste sich der verunsicherte Held des Films, arglos dargestellt vom Regisseur selbst, die evakuierten Waggons und Bahnsteige der Metro mit einem dosenbiertrinkenden jungen Mann teilen, der ihn nicht aus den Augen ließ, ihn aus kurzer Distanz durchdringend und hasserfüllt anblickte, ihm (ohne ihn je zu berühren) gefährlich naherückte, als wäre gerade dies – eine ungekannte neue Aggression – das notwendige Ergebnis des unerklärlichen Fehlens der Menschen in den Straßen der Stadt.

Gibt es etwas, das wir an den „Corona-Chroniken“ verbessern können? Das Sie ärgert? Erfreut? Wenn ja, lassen Sie es uns unter der Adresse [email protected] wissen.