In drei Jahren Arbeit hat das Ehepaar Schneider-Kaplenig aus einem alten Feuerwehrauto das Expeditionsfahrzeug „Der rote Jumbo“ gemacht.
In drei Jahren Arbeit hat das Ehepaar Schneider-Kaplenig aus einem alten Feuerwehrauto das Expeditionsfahrzeug „Der rote Jumbo“ gemacht.

© Manfred Schneider/Eveline Schneider-Kaplenig

Österreich
04/10/2020

Corona-Geschichten: „Der Rote Jumbo“ und das Virus

Wie ein österreichisches Ehepaar aufgrund der Pandemiekrise tagelang im Niemandsland zwischen Guinea-Bissau und Senegal festsaß.

von Martin Staudinger

Als sich der eine Grenzbalken hinter ihnen schloss, konnten Eveline Schneider-Kaplenig und Manfred Schneider nicht ahnen, dass sich der nächste nicht mehr für sie öffnen würde.

Freitag, 27. März: Die USA melden über 100.000 Coronavirus-Infizierte, Italien verzeichnet fast 1000 Todesfälle binnen 27 Stunden, Österreich hat bereits die zweite Woche im Lockdown hinter sich. An diesem Tag erreicht das Ehepaar den Grenzübergang Mpak-Sao Domingos, um aus Guinea-Bissau in den Senegal einzureisen. Unterwegs sind die beiden Künstler und Fotografen mit ihrem „Roten Jumbo“ – einem alten Feuerwehrauto, das sie nach der Pensionierung in drei Jahren Arbeit zum Expeditionsfahrzeug umgebaut haben.

Ende 2019 war der 7,5-Tonner fertig, die Schneiders konnten aufbrechen. Ihr erstes Reiseprojekt besteht darin, in Westafrika nach den letzten lebenden Waldelefanten zu suchen. Sie setzen mit der Fähre nach Marokko über und fahren Richtung Süden – Mauretanien, Senegal, Guinea.

Von beiden Staaten abgewiesen, parkt „Der rote Jumbo“ im Niemandsland, exakt am Ende der noch zu Guinea-Bissau gehörenden Fahrbahn.

Die Elefanten finden sie vorerst nicht, geraten stattdessen aber in Guinea in eine unruhige Vorwahlzeit hinein und beschließen, ihre Suche aus Sicherheitsgründen im benachbarten Guinea-Bissau fortzusetzen.

Die Schneiders sind keine Hasardeure. Dass die Corona-Pandemie um sich greift, ist ihnen bewusst. Sie halten ständig Kontakt mit der österreichischen Botschaft im Senegal, die für die Region zuständig ist. Aber Telefon und Internet gibt es auf der Reiseroute des Ehepaars nur zeitweise.

Am 19. März haben die Schneiders wieder einmal Empfang und können ihre Mails abrufen. Eines stammt von der Botschaft und informiert sie, dass Senegal überraschend sein Territorium abriegelt. Die Nachricht stammt vom Tag zuvor, wäre aber ohnehin zu spät gekommen – aufgrund der abenteuerlich schlechten Pisten dauert es mehrere Tage, die Grenze zu erreichen.

Mehrere Tage lang ist ungewiss, was mit dem österreichischen Ehepaar passieren wird: „Ungefährlich war das Ganze nicht“, sagt Österreichs Militärattaché im Senegal, Oberst Georg Dialer.

Die beiden brechen dennoch sofort auf. Die abenteuerlichen Umstände der Fahrt nehmen sie gelassen: unter anderem werden sie bei einer Übernachtung von der Polizei als Banditen beschuldigt und festgehalten; der oberste Polizeichef von Guinea-Bissau reist an, um sie zu begutachten und medizinisch untersuchen zu lassen.

Schließlich erreichen die Schneiders den Grenzübergang, werden freundlich durchgewunken und fahren durch das Niemandsland zur senegalesischen Seite. Die dortigen Beamten sind ebenso freundlich wie ihre Kollegen in Guinea-Bissau, aber auch sehr bestimmt: Einreise? Keine Chance.

Also zurück. Inzwischen sitzt im „Roten Jumbo“ ein weiterer Passagier – ein deutscher Rucksacktourist, der ebenfalls abgewiesen wurde. Als sich die drei erneut der Grenze von Guinea-Bissau nähern, bricht dort Hektik aus: Mit Schutzmasken vor dem Gesicht stürmen Sicherheitsbeamte dem Fahrzeug entgegen und fordern Schneider auf, sofort umzudrehen und zu den Senegalesen zu fahren.

Nach einiger Zeit bietet Guinea-Bissau an, die Schneiders doch wieder einreisen zu lassen. Darauf gehen sie auf Anraten der österreichischen Botschaft aber nicht ein.

Doch die bleiben dabei: Die Grenze ist ausnahmslos geschlossen. Also parkt Schneider den „Roten Jumbo“ an jener Stelle der Fahrbahn im Niemandsland, an der Senegal beginnt – ersichtlich ist das daran, dass auf der Seite von Guinea-Bissau das asphaltierte Bankett endet. Der Deutsche verzieht sich in dem Wald, um dort zu kampieren, die Österreicher richten sich im Expeditionsfahrzeug ein. „Wir wussten: das wird länger dauern“, erzählt Schneider.

Also: Campingstühle raus, Hängematte aufgehängt – und warten, warten, warten ohne zu wissen, was als nächstes passieren wird.

Haben sich die beiden Sorgen gemacht? „Aber wo! Wir hatten ja Vorräte und Wasser für zwei Wochen an Bord. Außerdem konnten wir uns bei Kindern versorgen, die Nahrungsmittel wie Tomaten und Fische verkauft haben“, sagt Manfred Schneider in aller Seelenruhe: „Außerdem wussten wir, dass die Botschaft alles tut, um uns zu helfen.“

„Wir wussten: Das wird länger dauern“, erzählt Manfred Schneider – und richtet sich in der Hängematte auf eine ungewisse Wartezeit ein.

Per Handy informieren sie die österreichische Botschaft in Dakar über die akute Situation. Dort lässt der Militärattaché, Oberst Georg Dialer, alle seine Kontakte spielen: Im Innenministerium, bei der Regionalregierung und in der Armee und in enger Abstimmung mit der deutschen Botschaft. „Die Schneiders haben ihre Lage mit bewundernswerter Coolness genommen“, sagt Dialer: „Ungefährlich war das Ganze nämlich nicht.“

Die Grenzer von Guinea-Bissau haben inzwischen erkannt, dass es von vorne herein illegal war, die Schneiders ausreisen zu lassen, und fordern sie zur Rückkehr auf. Darauf gehen diese auf dringendes Anraten der Botschaft aber nicht ein.

Das kleine westafrikanische Land ist eine der wichtigsten Anlaufstellen für Drogenlieferungen aus Südamerika, die dort von den Verbindungsleuten der Kartelle übernommen und nach Europa weitertransportiert werden. Regierung und Behörden sind korrupt und schauen weg. Entsprechend wenig gelten Recht und Gesetz. „Guinea-Bissau ist ein Narco-Staat“, sagt ein westlicher Sicherheitsexperte gegenüber profil. Dass „Der Rote Jumbo“ konfisziert wird, wäre noch das Harmloseste gewesen, was dort passieren hätte können.

Die Schneiders – hier Eveline Schneider-Kaplenig – haben Nahrung und Wasser für 14 Tage gebunkert. Frisches Gemüse und Fische kaufen sie bei einheimischen Kindern.

Am 2. April, nach fünf Tagen und zahllosen Telefonaten hat Dialer endlich erreicht, dass die Schneiders das Niemandsland verlassen dürfen: „Die Senegalesen waren letztlich sehr hilfreich“, sagt der Offizier. Noch einmal machen die Grenzer Schwierigkeiten, aber dann öffnet sich der Balken, „Der Rote Jumbo“ darf mit den Schneiders und dem deutschen Rucksacktouristen passieren.

Inzwischen sind die Schneiders wieder in Österreich. Das einzige, was sie an ihrem Abenteuer bedauern: Dass sie ihr Expeditionsfahrzeug vorerst in Dakar zurücklassen mussten. Der 7,5-Tonner ist in der Botschaft in Dakar geparkt.

Und deshalb planen sie, sobald wie möglich wieder in den Senegal zu reisen: „Wir können ,Den Roten Jumbo‘ ja nicht im Stich lassen.“

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