Anti-Gewalt-Trainer Haydn: "Frühwarnsignale kennenlernen"
Anti-Gewalt-Trainer Haydn: "Frühwarnsignale kennenlernen"

© Klaus Bauer

Österreich
03/19/2020

Anti-Gewalt-Trainer Haydn: „Bevor es brenzlig wird”

Der Anti-Gewalt-Trainer Alexander Haydn über Männer, die Wasser trinken, bevor sie zuschlagen, über Wenn-Dann-Schleifen und über Gewaltbeziehungen unter den verschärften Bedingungen von häuslicher Quarantäne.

von Edith Meinhart

profil: Derzeit kommen alle bekannten Risikofaktoren für häusliche Gewalt zusammen, dazu noch einige unbekannte, denn eine Krise wie Corona haben wir noch nicht erlebt. Haydn: Das kann man so sagen. Jetzt wird an den Grundfesten gerüttelt. Man pickt in einer kleinen Wohnung ohne Balkon aufeinander, wird mit angstmachenden Meldungen und tausenden Fragen bombardiert – Was ist, wenn ich mich angesteckt habe? Wie geht es mit der Arbeit weiter? Werde ich gekündigt? Gibt es nächste Woche noch Lebensmittel? – gleichzeitig reduziert sich das Leben draußen. Und niemand weiß, wie lange das alles dauert. Da leuchten wirklich alle Alarmlampen auf.

profil: Für Anti-Gewalt-Trainings bleibt keine Zeit. Was tun? Haydn: Jetzt ist nicht der Moment der Veränderung, sondern es geht darum, zu seinen Grundfesten zurück zu kehren, bei sich zu bleiben, um durch die Krise zu kommen. Das ist das höhere Ziel. Und das bedeutet: Schwelende Konflikte beiseite schieben, alte Konflikte ruhen lassen, versuchen, gute Eltern zu sein, einander Raum geben, den Tagesablauf besprechen, alte Muster durchbrechen. Es müssen nicht immer alle im Wohnzimmer auf der Couch nebeneinander sitzen. Es kann sich auch einmal jemand im Schlafzimmer hinlegen. Es müssen nicht immer Vater und Mutter gemeinsam Abend essen, wenn sie dabei nur keppeln. Die oberste Priorität ist, das Gewaltverhalten nicht hervorkommen zu lassen.

profil: Das regelt sich vermutlich nicht von selbst, sondern muss vereinbart werden. Haydn: In Beziehungen mit einer Vorgeschichte von Gewalt sollte man jedenfalls versuchen, sich im Vorfeld ein paar Dinge auszumachen, um zu verhindern, dass über Tage hin- und hergestichelt wird und Konflikte hochkochen. Etwa: Pass auf, das ist die größte Krise, die wir vielleicht je durchmachen werden. Lass uns versuchen, Aggressionen sofort aufzulösen, indem beim ersten Anzeichen jeder in eine andere Richtung geht, du ins Kinderzimmer, ich ins Schlafzimmer.

profil: Solche Ratschläge erhält man normalerweise bei Anlaufstellen wie der Männerberatung, aber selbst die ist jetzt geschlossen. Haydn: Wir haben schweren Herzens – und in Einklang mit den Maßnahmen der Bundesregierung – unsere Einzelgespräche und Gruppensitzungen abgesagt. Bis Mitte April gibt es weder persönliche Beratungen noch Anti-Gewalt-Trainings. Wir haben aber eine Hotline, wo Männer jeden Vormittag mit einem Psychologen oder Therapeuten über ihre Aggressionen reden können, entweder telefonisch oder über E-Mail. Außerdem rate ich Frauen, die in einer Gewaltbeziehung leben – meistens sind sie ja die Opfer –, die Polizei zu rufen, wenn es brenzlig wird.

Wenn die Eskalation da ist, hilft nur mehr Abbrechen, raus aus der Wohnung, aus dem Haus.

profil: Zögern Frauen zu lange, bevor sie den Notruf wählen? Haydn: Das kommt vor, denn die Scham der Opfer ist sehr groß. Die Praxis lehrt aber, dass es keinen anderen Weg gibt, die Gewalt zu bannen.

profil: Man sollte also gar nicht versuchen, die explosive Lage selbst zu entschärfen? Haydn: Wenn die Eskalation da ist, hilft nur mehr Abbrechen, raus aus der Wohnung, aus dem Haus. Das gilt in jedem Moment, auch dann, wenn es schon Gewalt gegeben hat. Erst wenn der Gefährder, in der Regel der Mann, die rationale Kontrolle über seine Impulse zurück gewonnen hat, kann er einen Ausgang nehmen. Wenn Männer glauben, die Spannung nicht auszuhalten, müssen sie weg, hinaus auf die Straße.

profil: Und dann? Haydn: Wichtig ist, erst zurückzukommen, wenn man wieder klar denken kann. Dinge auszudiskutieren ist jetzt der falsche Zeitpunkt. In unseren Trainings ist der Kernpunkt, dass Männer ihre Frühwarnsignale kennenlernen. Das ist der einzige Weg aus der Gewalt, noch dazu, wenn sie sich unter Quarantäne-Bedingungen abspielt, die für alle Beziehungen, auch ohne Gewalt, eine Herausforderung darstellen.

profil: Herzrasen, roter Kopf, laute Stimme, sind das die Frühwarnsignale oder gibt es gibt es noch andere? Haydn: Auf der körperlichen Ebene gilt es genau das wahrzunehmen, den erhöhten Herzschlag, einen Krampf in der Bauchmuskulatur, innere Unruhe, zusammengepresste Kiefer, geballte Fäuste. Daneben gibt es die emotionale Ebene. Aggression und Wut sind meistens die Spitze. Dahinter verbergen sich Traurigkeit, Verzweiflung, Ohnmacht oder Scham. Es ist wichtig zu erkennen, wann die Gefühle nicht mehr zur aktuellen Situation passen, weil etwas angetriggert ist. Auf der dritten, der gedanklichen Ebene kommt es zu Wenn-dann-Schleifen: Wenn die Frau das noch einmal sagt, dann... Wenn sie nicht sofort verschwindet, dann...

profil: ... scheppert es? Haydn: Genau. Und die vierte Ebene für Frühwarnsignale ist das Verhalten. Mir hat ein Mann einmal erzählt, dass er immer einen unglaublichen Durst bekommen hat, wenn er mit seiner Frau gestritten hat. Er ist dann in die Küche, hat ein Glas Wasser in einem Zug ausgetrunken, ist zu ihr zurück, hat weiter gestritten, ist wieder in die Küche. Das ist ein paar Mal hin- und hergegangen, bevor er gewalttätig wurde. Diese Frühwarnsignale sind so individuell wie Fingerabdrücke.

profil: Wie wichtig sind soziale Kontakte? Haydn: Sehr wichtig. Mein Apell gilt Männern und Frauen: Wenn Sie nicht weiter wissen und niemanden haben, mit dem Sie reden können, nehmen Sie Kontakt mit einer Beratungsstelle auf. Es gibt die 24 Stunden Hotline der Stadt Wien, den Frauennotruf, den psychosozialen Dienst der Stadt Wien oder uns, die Männerberatung. Unsere Expertinnen und Experten sind auch jederzeit bereit, bei einer österreichweiten Hotline mitzuarbeiten, sollte eine eingerichtet werden.

profil: Wie kommen Männer zu Ihnen? Haydn: Ein Drittel kommt über gerichtliche Weisung, ein weiteres Drittel über die Kinder- und Jugendhilfe, der Rest meldet sich mehr oder weniger freiwillig. Dabei handelt es sich um Männer, die vielleicht schon gewalttätig waren oder den Impuls immer wieder spüren. Manche sind noch nicht körperlich gewalttätig geworden, zerdreschen aber Handys oder hauen auf den Tisch. Oft kommen sie nicht völlig freiwillig, sondern weil die Partnerin droht, dass sie weg ist, wenn er das noch einmal macht, oder weil ein Freund, der Bruder oder der Vater sie ermuntert, sich helfen zu lassen.

Zur Person: Alexander Haydn, 53, ist Psychotherapeut. In der Wiener Männerberatung arbeitet er mit gewalttätigen Männern. Die Anlaufstelle ist telefonisch erreichbar unter 01 6032828 erreichbar, Montag bis Freitag zwischen 9 und 12 Uhr, oder per Mail [email protected]

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