"Deckname Holec": Die Vertuschung

Helmut Zilk 2004 in Wien.

Helmut Zilk 2004 in Wien.

Affäre. Der österreichischen Staatspolizei waren alle Fakten über die Tätigkeit Helmut Zilks bekannt. Sie wurden jahrelang vertuscht. profil liegen jetzt neue Dokumente über die Bezahlung des "Informators" vor.

Dieser Artikel erschien in: profil Nr. 14/09 vom 30.03.2009

Am Donnerstag vermeinte die "Kronen Zeitung", das Schlimmste sei überstanden: "Helmut Zilk war kein Agent", vermeldete sie erleichtert, freilich drastisch verkürzt, den Inhalt eines wenige Stunden zuvor aufgetauchten Stapo-Akts. Jetzt gehe es nur noch darum, die "Interessen" der "Handlanger und Intriganten" zu entlarven, die diese "üble Aktion" gestartet haben, so die "Krone".

Den restlichen Inhalt des dünnen Akts - eineinhalb Schreibmaschinenseiten und ein Deckblatt - durften die "Krone"-Leser nicht erfahren: etwa dass Zilk sehr wohl als "Informator" des tschechischen Geheimdienstes gearbeitet hat. Die nicht näher beschriebene "Quelle" der Staatspolizei, die das alles am 20. September 1968, vier Wochen nach der Invasion der Warschauer-Pakt-Truppen zu Protokoll gab, meinte es gut mit Zilk. Dieser habe zwar immer gewusst, dass er mit dem Geheimdienst spricht, er habe aber "Reform-Politik gemacht" und darauf bestanden, "dass seine Mitteilungen nicht zum Schaden Österreichs gereichen dürfen".

Bei der so milden "Quelle" dürfte es sich um Major Ladislav Bittmann handeln, Mitarbeiter des Auslandsgeheimdienstes "Rozvedka" (Aufklärung) und letzter Führungsoffizier Zilks. Bittmann war sofort nach der Invasion zur CIA übergelaufen und hatte dort "abgelegt". Im Gegenzug bekam er einen Lehrauftrag an der Boston University - Fach: "Theorie der Desinformation".


Trotz der Säuberung der Aktenbestände lässt sich nachvollziehen, wie hartnäckig der österreichische Geheimdienst in der Causa Zilk weggeschaut hat.

Vergangene Woche meldete sich der 78-jährige, inzwischen pensionierte Bittmann im deutschen Magazin "Focus" noch einmal Zilk gegenüber wohlwollend zu Wort und deponierte: "Er (Zilk) hat nie Geld von mir bekommen. Das Teuerste war ein Geschenkkorb mit Wein und Likör."

Womit Bittmann beweist, dass er sein Fach nach wie vor beherrscht: profil liegen bisher unveröffentlichte, teilweise von Bittmann selbst verfasste Protokolle der Treffen mit Zilk (Deckname "Holec") vor, bei denen immer wieder Honorare ausbezahlt wurden (siehe Seiten 22 u. 23). Dass Bittmann diese Papiere gefälscht und das Geld selbst eingesteckt hat, ist auszuschließen: Die immer in einem verwanzten Zimmer des Prager Hotels Alcron stattfindenden Treffen wurden von der Zentrale abgehört - auch zur Kontrolle des Führungsoffiziers. Und beim "Geschenkkorb" dürfte es sich um ein eher größeres Exemplar gehandelt haben: An einer Stelle der Akten ist von Waren aus einem Diplomatenshop die Rede, die Zilk als Belohnung gegeben wurden. Ihr Wert - 10.000 Schilling - entsprach damals fast vier österreichischen Durchschnittsgehältern.

Dass die Wahrheit über den "Informator" Zilk erst jetzt, vierzig Jahre danach, bekannt wird, ist Folge einer groß angelegten Vertuschung. So steht praktisch fest, dass der vergangene Woche aufgetauchte Stapo-Akt bloß ein kleiner Bruchteil eines nach wie vor verschollenen größeren Konvoluts ist. Darauf weisen handschriftliche Vermerke auf der ersten Seite hin. Bloß: Wer hat die Papiere verschwinden lassen?

Trotz dieser Säuberung der Aktenbestände lässt sich nachvollziehen, wie hartnäckig der österreichische Geheimdienst in der Causa Zilk weggeschaut hat.


Der ungewöhnliche Umstand, dass in Österreich keine Konsequenzen gezogen wurden und Zilk Fernsehdirektor blieb, führte beim StB zur Annahme, er habe auch für einen anderen Dienst gearbeitet und stehe daher unter besonderem Schutz.

Hinweise auf die fragwürdigen Aktivitäten des damaligen Fernsehdirektors Zilk mussten den Behörden bereits unmittelbar nach der Invasion, also im August 1968, zugegangen sein. Damals sprang Zilks erster Führungsoffizier Jiri Starek, offiziell Kulturattaché an der tschechoslowakischen Botschaft in Wien, ab und wurde von der Fremdenpolizei verhört. Die Einvernahmeprotokolle Stareks waren offenbar dem vergangene Woche veröffentlichten Stapo-Akt beigefügt gewesen, wie handschriftliche Vermerke auf dessen erster Seite vermuten lassen (unten). Sie sind verschwunden. Im September 1968 gingen der Staatspolizei dann die Informationen Bittmanns aus den CIA-Verhören zu, die laut jetzt gefundenem Aktenfragment bei allen Milderungsversuchen dennoch eine klare Botschaft beinhalteten: Zilk hat dem Geheimdienst StB zweieinhalb Jahre lang Informationen zukommen lassen, und er wusste, mit wem er sprach. Freilich: Auch der Langtext der Bittmann-Aussagen ist im Archiv der Staatspolizei nicht mehr vorhanden.

In den folgenden Wochen - das genaue Datum lässt sich nicht eruieren - wurden der Fernsehdirektor und sein Chef, ORF-Generalintendant Gerd Bacher, von der Stapo befragt. Auch diese Einvernahmeprotokolle sind verschwunden. Im Juli 1969 reiste Zilk zu einem Fernsehfestival nach Prag. Der StB versuchte, mit ihm ins Gespräch zu kommen, Zilk verweigerte sich. Aber dem tschechischen TV-Funktionär Frantisek Kubicek, den er von früher kannte, erzählte er von seiner Einvernahme durch die österreichische Staatspolizei. Kubicek teilte das dem StB mit. Der Geheimdienst legte am 8. Juli 1969 einen Akt darüber an: "Zilk wurde bereits Ende 1968 von Stapo verhört … Die österreichische Staatspolizei ist also voll vom Stand unserer Beziehungen mit Zilk informiert."

Der ungewöhnliche Umstand, dass in Österreich keine Konsequenzen gezogen wurden und Zilk Fernsehdirektor blieb, führte beim StB zur Annahme, er habe auch für einen anderen Dienst gearbeitet und stehe daher unter besonderem Schutz. Für diese Annahme, die auch die Grundlage für die immer wieder geäußerte Vermutung von einem CIA-Engagement Zilks ist, gibt es keinerlei Beweis.


Durch Zufall war die missbräuchliche Verwendung von Stapo-Akten bekannt geworden, als Reaktion darauf hatte Innenminister Franz Löschnak die Vernichtung aller nicht mehr benötigten Akten angeordnet.

Den in Wien verbliebenen Führungsoffizier Jiri Starek brachte Zilk im ORF unter. Starek gestaltete in den Wochen nach der Invasion die in tschechischer und slowakischer Sprache ausgestrahlten ORF-Nachrichtenprogramme, die weit in die Tschechoslowakei hineinstrahlten. Aber bald kam es zum Konflikt mit dem zentralen ORF-Chefredakteur Alfons Dalma, dem die Chef-Allüren Stareks nicht passten. Im Sommer 1969 zog der Ex-Agent mit Frau und Tochter nach Turin, wo er einen Job in der wissenschaftlichen Stiftung von Fiat-Chef Giovanni Agnelli annahm. Drei Jahre später war Starek auch diesen Posten los, weil er - jetzt ein entschlossener Antikommunist - den Bau eines Fiat-Werks im sowjetischen Togliattigrad kritisiert hatte.

Die Familie ging zurück nach Wien, Jiri Starek starb 1994 im Alter von 72 Jahren.

In selben Jahr setzte der nun auch schon 67-jährige Helmut Zilk den Schlussstein unter eine ungebrochene Karriere: Stadtrat, Minister und Bürgermeister war er gewesen. Jetzt ging er in Pension.

Vier Jahre zuvor war durch Zufall die missbräuchliche Verwendung von Stapo-Akten bekannt geworden, als Reaktion darauf hatte Innenminister Franz Löschnak die Vernichtung aller nicht mehr benötigten Akten angeordnet. War im Zuge dieser Aktion auch die Kladde mit der Aufschrift Zilk in den Reißwolf gewandert? Aber warum waren dann ausgerechnet die eineinhalb, vergangene Woche aufgefundenen Seiten aufbewahrt worden?


Entweder haben die Tschechen den Österreichern anderes Material gezeigt, oder der ehemalige Sicherheitschef schreibt die Unwahrheit.

Es muss eine böse Überraschung für den Ex-Bürgermeister gewesen sein, als das tschechische "Untersuchungsamt für die Verbrechen des Kommunismus" 1998 Informationen über seine angebliche Geheimdiensttätigkeit durchsickern ließ - wohl nicht zufällig wenige Tage bevor er von Präsident Vaclav Havel einen der höchsten Orden des Landes bekommen sollte. Zilk dementierte heftig, das Untersuchungsamt legte mit dem Hinweis auf die existierende Archivsperre keine Beweise vor.

Das heißt nicht, dass sich niemand für den Akt interessiert hätte. So reiste etwa der damals neue tschechische Botschafter in Wien, Jiri Grusa, sofort nach Prag, um Einsicht in Zilks Geheimdienstakt zu nehmen. "Ich habe darin einen klassischen Wessi gefunden, einen Bonvivant, sicher keinen, der schlimme Verbrechen angerichtet hat", erzählt Grusa, heute Direktor der Diplomatischen Akademie in Wien. Grusa sah allerdings auch die Quittungen Zilks für seine Geheimdiensthonorare: "Ich habe gesagt: Entweder wir veröffentlichen das Material, oder wir hören auf, darüber zu reden - alles andere ist schädlich für die Beziehungen." Wegen der Archivsperre entschloss man sich zu letzterer Variante.

Wenige Tage später, am 5. November 1998, reiste eine kleine Geheimdelegation aus Wien an. Der damalige Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit, Michael Sika, hatte sie losgeschickt, um in Prag Einblick in das delikate Aktenmaterial zu nehmen. Nach profil vorliegenden Informationen aus dem Innenministerium war der damalige Stapo-Chef Peter Heindl höchstpersönlich gemeinsam mit einer Mitarbeiterin nach Prag gekommen, um den heiklen Job zu erledigen. Heindl, 2002 vom schwarzen Innenminister Ernst Strasser kaltgestellt, will dazu nichts mehr sagen: "Ich bin Privatmann. Ich darf schweigen."

Gesichert ist, dass sich die Österreicher mehrere Stunden lang informieren konnten. Und ohne Zweifel hat diese Fact Finding Mission später in Wien aktenmäßigen Niederschlag gefunden. Aber auch die Dokumente über diesen Besuch sind nicht mehr vorhanden. Nur in den vor einigen Jahren erschienenen Memoiren Michael Sikas wird kurz auf den Vorgang Bezug genommen. "Viel Papier, langatmige Berichte - in erster Linie Arbeitsnachweise, haufenweise Spekulationen und Vermutungen, wenig Fakten", hätten die beiden Staatspolizisten gefunden.

Was zwei Möglichkeiten offenlässt: Entweder haben die Tschechen den Österreichern anderes Material gezeigt, oder der ehemalige Sicherheitschef schreibt die Unwahrheit. Sika will - wie Heindl - zur diesbezüglichen profil-Anfrage nicht Stellung nehmen.



Im Oktober 1999 lag dann schon fast alles auf dem Tisch. Das tschechische Wochenmagazin "Tyden" veröffentlichte eine Coverstory mit dem Titel "Helmut Zilk war Agent des StB". Die "Tyden"-Redakteure hatten offenbar den gesamten Geheimdienstakt einsehen können. Sie wussten, welche Informationen Zilk geliefert hatte, und sie wussten vom Geld, das ihm der Geheimdienst dafür zukommen hatte lassen. Selbst die genaue Summe, für die Belege vorhanden sind, hatte das Blatt errechnet. Gleichzeitig räumte "Tyden" mit Horrorgerüchten auf, wonach Zilk dem tschechoslowakischen Geheimdienst zehn Regimegegner ans Messer geliefert habe - ein Unsinn, für den es nie auch nur einen vagen Hinweis gab.

Der der tschechischen Sprache mächtige Wiener Ludwig O. (Name ist der Redaktion bekannt) las den Artikel in einem Prager Kaffeehaus und informierte umgehend die österreichische Botschaft.

Üblicherweise übermitteln die Presseabteilungen der Botschaften solche Artikel von selbst sofort in Übersetzung an das Außenministerium, das den Text - sollte dies angebracht sein - dann auch an andere Ressorts weitergibt. Man kann davon ausgehen, dass dies auch beim spektakulären "Tyden"-Artikel der Fall war.

Aber wieder gibt es keinen Aktenlauf, jedenfalls keinen auffindbaren.

2003 wird Helmut Zilk Vorsitzender der Bundesheer-Reformkommission. Ludwig O. erinnert sich an den von ihm inzwischen schriftlich übersetzten "Tyden"-Artikel und schickt ihn in Kopie an Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, Verteidigungsminister Günther Platter und Außenministerin Benita Ferrero-Waldner. Nichts passiert.


Rechtliche Folgen hat die Geschichte ohnehin nicht mehr, da die meisten Beteiligten tot sind.

In Österreich wird es kaum registriert, als vor eineinhalb Jahren in Tschechien die Archivsperren fallen und die Akten zugänglich werden. Als erste Zeitung nimmt vorvergangenen Donnerstag das Prager Tagblatt "Dnes" Einsicht in den Akt. Wenige Tage später erscheinen in profil erstmals detaillierte Auszüge.

Im Innenministerium hat inzwischen der Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit, Herbert Anderl, von Ministerin Maria Fekter den Auftrag erhalten, dem Schicksal der verschwundenen Akten nachzuspüren.

Ein ehemaliger Innenminister, Franz Löschnak, ließ in einem Interview in der Samstagausgabe des "Kurier" aufhorchen. Anders als sein Parteivorsitzender Werner Faymann, der keine Historikerkommission will ("Das würde den Eindruck erwecken, an den Vorwürfen sei etwas dran"), will Löschnak nicht sehen, "wie das ein Schuldeingeständnis sein soll". Löschnak: "Es ist im Interesse von Helmut Zilk, die Sache von Experten prüfen zu lassen, damit man ein Gesamtresümee ziehen kann."

Rechtliche Folgen hat die Geschichte ohnehin nicht mehr, da die meisten Beteiligten tot sind. Wäre Zilks "Informator"-Job schon damals bekannt geworden, hätte dies wohl böse Folgen für ihn gehabt. Der Grazer Geheimdienstexperte Siegfried Beer erinnerte vergangenen Freitag in einem "Presse"-Interview an den Fall eines Innenministeriums-Beamten, der 1971 für die Weitergabe ähnlicher Informationen zu zehn Monaten Haft verurteilt worden war. Sein Honorar hatte umgerechnet 300 Schilling betragen.