Gastgeber Antel mit Kurt Krenn und Kurt Waldheim, 2004.

© Alexander Tuma/picturedesk.com

profil-Morgenpost
09/20/2021

„Der Anschluss war ein ergreifender Moment”

Franz Antels verschwiegene NS-Vergangenheit 14 Jahre nach seinem Tod offengelegt.

von Angelika Hager

Guten Morgen!

„Dann sitzen wir im Künstlerkreis in einem Garten, der Mond steht über mir, die Geigen schluchzen. Hans Moser singt Heurigenlieder. Es ist eine unbeschreibliche Romantik!... Wien ist halt Wien! In seinen Tagebüchern geriet NS-Propagandaminister Joseph Goebbels häufig in Wien-Schwärmereien. Seine Begeisterung wurde auch dadurch befeuert, dass „die Entjudung” in der österreichischen Film- und Theaterszene auf Grund von vorauseilendem Gehorsam ein vergleichsweise leichtes Spiel war; an einer Stelle der Tagebücher lobt er auch „die Labilität der Bühnenschaffenden.”

Weniger labil als von schamlosem Opportunismus gekennzeichnet war die Biografie der späteren Regie-Legende Franz Antel, der mit mehr als neunzig Filmen zu einem Teil der österreichischen Kinogeschichte und bis zu seinem Tod 2007 von Politik und Gesellschaft hofiert wurde.  

Zum Zeitpunkt des Anschlusses war der damals 25-jährige Franz Antel bereits seit zwei Jahren „Deutscher”. Als „politischer Flüchtling”, der als „Illegaler” im österreichischen Ständestaat verfolgt werde, hatte er im NS-Deutschland 1936 um Asyl angesucht und dort einen profil jetzt vorliegenden Fragebogen ausgefüllt, in dem er, von drei Zeugen beglaubigt, seine NSDAP-Mitgliedschaft seit Juni 1933 anführte.  In einer Film-Illustrierten aus dem Jahr 1938 findet sich ein Interview von Franz Antel, in dem er „fassungslos vor Freude” den Anschluss Österreichs an das deutsche Reich begrüßte und anmerkte, dass „man den Filmjuden in Wien auf die Finger schauen müsse.”

Herbert Lackner, langjähriger profil-Chefredakteur und Autor mehrerer Bestseller zur Geschichte des Dritten Reichs, zeichnet in der aktuellen Titelgeschichte die Karrierechronik eines österreichischen Kulturschaffenden nach, der ungeachtet seiner antisemitischen Äußerungen (Antel hatte beispielsweise den Kulturkritiker Hans Weigel „einen Saujuden” genannt) und Aussagen wie „ein alter Nazi und stolz darauf” im Nachkriegs-Österreich unbescholten Karriere machte.

Aus dieser Erkenntnis ist das Gruppenbild (siehe Foto) mit dem ob seiner NS-Vergangenheit ebenfalls lügenden Bundespräsidenten Kurt Waldheim und Weihbischof Kurt Krenn, der die sexuellen Missbrauch-Vorfälle innerhalb der katholischen Kirche stets als nichtig deklarierte, besonders beklemmend.  Ganz im Sinne der „Fledermaus”-Arie „Glücklich ist, wer vergisst” delektierte sich das Trio an Antels Krautfleisch – über Jahrzehnte waren die Parties rund um Antels „signature dish” ein Fixpunkt des „Seitenblicke”-Trosses.

Anlass für Lackners Recherchen waren Aktenfunde der am King’s College in London ausgebildeten Historikerin Hanja Dämon in diversen österreichischen und deutschen Archiven. Im von Dämon entdeckten Fragebogen gibt Antel weiter an, dass er als Leiter einer „NS-Filmzelle” nachweislich versucht habe, „Parteigenossen im Film zu beschäftigen.”

Von seiner Psyche tendierte Antel eindeutig mehr zu Species des „Herrn Karl”, wie die berühmte Opportunisten-Figur aus der Feder von Helmut Qualitinger und Carl Merz hieß; vom „Bockerer”, den Antel 1981 verfilmte, hatte der Herr Franz rein gar nichts. Schambefreit, wie er nun einmal war, ließ Antel bei den Dreharbeiten zu Ulrich Bechers „tragischer Posse” ein Schild aufstellen, auf dem zu lesen ist „Hier wird der Anti-Nazi-Film „Der Bockerer” gedreht”, wie Stefan Grissemann in seiner Betrachtung des Antel-Oeuvres „Blaue Donau, süße Früchte” beschreibt.

Die Historikerin Hanja Dämon resümiert: „Antel hat in allen Systemen versucht, das Beste für sich heraus zu schlagen, und das ist ihm gelungen.” Aber, so ihr Zusatz, Antels Vorgangsweise sei durchaus „kein Einzelfall”, da gelte es noch viele unerzählte Geschichten zu entdecken.

Sie werden Sie hoffentlich alle im profil lesen,

spannende Lekture wünscht

Angelika Hager

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