Felsmalerei, die menschliche Figuren darstellt

Felsmalerei, die menschliche Figuren darstellt

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profil-Morgenpost
07/27/2021

Der Nachklang der Steinzeit

Von therapeutischer und provozierender Musik – sowie eine Erinnerung an den fabelhaften Peter Rehberg.

von Stefan Grissemann

Guten Morgen!

Eine aktuelle Studie legt Wert auf die Erkenntnis, dass sich Musik erstklassig dazu eigne, Stress abzubauen und psychische Krisen zu bewältigen. Nun ist Musik natürlich mehr als nur ein Therapiewerkzeug, nicht bloß klingendes Mittel zum Zweck, aber sie verspricht eben auch lindernd gegen Corona-Depressionen und die überdeutlichen Vorboten der kommenden Klimakatastrophe einzuwirken. Letztere wird hierzulande seitens der politischen Verantwortungsträger mit einer Kalmierungsrhetorik weggeredet, die durchschaubar wie spezialgereinigtes Fensterglas erscheint. Selbstredend sei Klimaschutz „ohne Verzicht“ möglich, sprach beispielsweise der Kanzler der Republik Österreich „guten Gewissens“, grammatikalisch allerdings leicht windschief, in einem vielzitierten Interview vor wenigen Tagen: Er sei „überhaupt nicht der Meinung, dass unser Weg zurück in die Steinzeit sein sollte“ – als läge schon in der Forderung, den entfesselten globalen Schadstoffausstoß einzubremsen, die unleugbare Sehnsucht, in Höhlen zu übernachten oder mit selbstgespitzten Pfeilen fürs Abendessen zu sorgen.

Hört die Meeresschnecke!

Gegen die skandalöse Idyllenmalerei eines offenbar verzweifelt nach Frohbotschaften suchenden Sebastian Kurz könnte man nun auch originale Protestklänge aus der Steinzeit setzen, ein beherztes, sanft atonales Alarmsignal aus dem 17.000 Jahre alten, manuell geöffneten Horn einer atlantischen Meeresschnecke etwa, das eine Archälogin in Toulouse unlängst, 90 Jahre nach dem Fund jenes angeblichen Trinkbechers in einer Höhle in den französischen Pyrenäen, als Musikinstrument erkannte und dessen Sound rekonstruierte. Nachzuhören hier.

Einer, der während der vergangenen 25 Jahre in Wien unablässig nicht ganz so alte, aber umso subversivere Musik produzierte und veröffentlichte, starb Ende vergangener Woche ganz plötzlich, erst 53-jährig: Der aus London stammende, seit den späten 1980er-Jahren in Österreich ansässige Peter Rehberg hatte nicht nur als Elektronikmusiker, sondern vor allem auch als Label-Chef den Mut, minoritäre Kompositionen zwischen feingliedrigem Noise, experimentellem Techno und französischer Musique concrète in aufwändig produzierten Vinylausgaben in die Welt zu setzen; seine Editions Mego wurden zum Markenzeichen dissidenter Klangkunst, und sie erreichten ein globales Spezialistenpublikum. So wurde Rehberg zu einem Netzwerker der musikalischen Avantgarde, er arbeitete eng mit den Künstlerinnen und Künstlern zusammen, die er verlegte, und initiierte selbst unzählige Projekte, kooperierte mehrfach etwa mit Christian Fennesz, Oren Ambarchi und Jim O’Rourke. An Rehberg sollte und wird man sich erinnern. Denn auch dies leistet Musik ganz vorzüglich, als Kunst, nicht lediglich als Mittel zur Besänftigung verstanden: Sie kann beunruhigen, befremden, aktivieren, den Soundtrack zur drohenden Apokalypse liefern. Und mahnen ist besser als leugnen.

Einen klingenden Dienstag wünscht Ihnen die profil-Redaktion!

Ihr Stefan Grissemann

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