© Elena Crisan

Österreich
05/22/2021

Der Syrer, der nach Österreich kam und Tramfahrer wurde

Eine Geschichte über das Scheitern, die Hartnäckigkeit, den Erfolg – und die verschlungenen Wege der Integration.

von Clemens Neuhold

„Foa“, sagt der Fahrlehrer. Vor? Wohin vor, denkt sich der 39-jährige Fahrschüler Bilal Albeirouti. „Foa!“, wiederholt der Fahrlehrer sein Kommando. „Vor?“ Bilal versteht noch immer nur Bahnhof und erstarrt am Fahrersitz. „Fahren!“, wird der Fahrlehrer langsam unrund. Jetzt versteht der Syrer und drückt den schwarzen Hebel mit der linken Hand nach vorn. Die Tramway setzt sich in Bewegung. 

Das war vor zwei Monaten. Seit zwei Wochen lenkt Bilal die Straßenbahnen der Wiener Linien allein durch die Stadt – mit bis zu 200 Fahrgästen im Rücken. Mit dem 2er oder D-Wagen umkreist er das Zentrum Wiens, den 38er oder 43er führt er vom Schottentor weit hinauf in die Weinberge und wieder zurück. Insgesamt zehn Linien umfasst das Streckennetz, das er von seinem Bahnhof Hernals aus betreut. Der Syrer ist einer der ersten neuen Flüchtlinge in diesem Job.

Als er Anfang 2016 am Hauptbahnhof in Wien ankommt, springen ihm diese „Maschinen“ sofort ins Auge. Straßenbahnen kennt er aus den Erzählungen seiner Mutter und von Bildern des historischen Damaskus. In der syrischen Hauptstadt wurden die Tramways 1967 eingestellt und durch Busse abgelöst. Dass er eine dieser Maschinen eines Tages selbst lenken würde, kommt Bilal damals nicht in den Sinn. Er hat ganz andere Pläne.

Bilal Albeirouti arbeitet als Sport- und Chronik-Journalist, bis er vor dem Syrienkrieg in den Libanon und dann weiter nach Österreich flüchtet. In Damaskus hat er einen Bachelor in Kommunikation abgeschlossen. Das Studium wird in Österreich anerkannt. Hier versucht er, im alten Beruf Fuß zu fassen. Er scheitert. Und steckt sich neue Ziele. Seine Geschichte zeigt, was gelingende Integration auch bedeutet: Sich nicht an Träume vom leichten Leben im Westen zu klammern, an Bilder, die nicht selten die Schlepper zeichnen. Sondern: sich realistische Ziele zu setzen und diese hartnäckig zu verfolgen.

Bilal lerne ich 2017 in der „biber“-Akademie kennen. Das Migrantenmagazin hat eine eigene Klasse für Flüchtlinge eingerichtet, ich leite einen Kurs. Bilal fällt mir auf, weil er zu allem etwas zu sagen hat und auch nicht vor heiklen Themen zurückschreckt. Nach der Akademie wird er freier Mitarbeiter bei „biber“. Er schreibt über ältere Österreicherinnen („Sugar Mamas“), die sich junge Flüchtlinge als Liebhaber nehmen und sie gegen Sex finanziell aushalten; über kleine Kinder, die Kopftuch tragen; Syrer, die „Millionen“ in ihre alte Heimat transferieren; Flüchtlinge, die ihre Selfies mit Sebastian Kurz löschen, weil sie mittlerweile Angst vor dem harten Kanzler haben. Wichtige Geschichten, die von anderen Medien aufgegriffen werden – und Bilal doch nicht zum Durchbruch als Journalist verhelfen. Denn er schreibt die Storys nicht allein. Sein Deutsch ist nicht gut genug dafür. Und er muss schmerzhaft erfahren, dass Journalismus im neuen Land keine sichere Bank ist, sondern eine Branche, in der es selbst für Österreicher immer schwerer wird. Bilal will einen stabilen Job, um seine Familie zu ernähren. 

Ich erinnere mich, wie er vor vier Jahren mit seiner Frau, seinem achtjährigen Sohn Mohamed und seiner eineinhalbjährigen Tochter Mira am Wiener Brunnenmarkt auftaucht. Wir arbeiten mit der biber-Akademie an einer Story über den türkisch geprägten Markt, auf dem sich syrische Händler immer stärker ausbreiten. Bilal zeigt uns stolz seine Tochter. Die Familie ist am Vortag aus dem Libanon angekommen. Er hat das Land verlassen, als seine Frau schwanger war. Erst am Wiener Flughafen konnte er Tochter Mira zum ersten Mal im Arm wiegen. Noch drei Monate lang nennt die Kleine ihn „Onkel“. 

Bilal arbeitet als Rezeptionist in einem Hotel, lernt aus den Gesprächen mit älteren Gästen. Doch der Kampf mit der Sprache geht weiter. Er wechselt in die Security-Branche. Steht den ganzen Tag „wie eine Säule“ vor Banken. Stumm. Sein Deutsch schwindet wieder. Im Herbst 2020 wird er gekündigt. Einfach so. Zuvor schon hat er einen Lehrgang zum Einzelhandelskaufmann absolviert und Hunderte Bewerbungen verschickt. Kaum Rückmeldungen. Wenn doch: Lager. Bei den Wiener Linien klappt es erst im dritten Anlauf. Die letzte Hürde sind elf Kilo, die er zu viel auf die Waage bringt. Er speckt innerhalb von drei Monaten ab und startet im Jänner 2021 mit elf weiteren Personen. Drei Monate dauert die bezahlte Ausbildung in Theorie und Praxis. Verdienst: 1800 Euro brutto. 

„Weiche. Schiene. Disponent. Am Anfang habe ich kein Wort verstanden“, erinnert sich Bilal. Drei Mal ist er kurz davor, aufzugeben. Seine Frau macht ihm Mut. Seine Ausbildner schenken ihm nichts. Der Job ist mit großer Verantwortung verbunden. Nur wer bei seiner ersten Solofahrt so sicher ist, dass er seine gesamte Familie mitnehmen würde, kommt durch den Kurs, lautet das Credo des Ausbildners. Bilal bezahlt einen ägyptischen Bekannten, der ihm die Skripten in einfache Worte übersetzt. Er lernt sie auswendig, auch am Wochenende. Bei der Prüfung beantwortet er alle 23 Fragen korrekt. Er besteht als einer von vier Kursteilnehmern. Andere Migranten, die hier geboren sind und länger Zeit hatten, Deutsch zu lernen, fallen durch. Bilal hat diesen Extra-Antrieb, der von seinen Vorgesetzten registriert und honoriert wird. Auf seiner Jungfernfahrt besteht Wiens neuer Bimfahrer aus Syrien darauf, dass seine gesamte Familie mit an Bord ist.

Der Alltag eines Journalisten kann auf vielerlei Pfade führen, beim Straßenbahnfahren ist der Weg durch Schienen klar vorgegeben. Im Journalismus gibt es für gute Geschichten Likes im Internet und Schulterklopfer in der Redaktion. Beim Straßenbahnfahren ist es Pflicht, nicht Kür, die Intervalle einzuhalten, Kollegen rechtzeitig abzulösen, zwischen vier und fünf Uhr aufzustehen und Dienst am Wochenende zu schieben (freie Wochenenden sind ein Privileg von Dienstälteren).

Wie geht es meinem Kollegen Bilal mit diesem beruflichen Spurwechsel? Zunächst einmal ist er stolz. Auf die Tätigkeit, auf die Uniform. „Die Österreicher haben mich dorthin geführt, wo ich jetzt bin. Jetzt führe ich sie durch die Stadt. In die Arbeit, zu Freunden, durchs Wochenende.“ In der Fahrerkabine fühlt er sich als Herr der Straße, begegnet anderen Kollegen auf Augenhöhe. Selbst Polizisten grüßen ihn mit seiner Uniform wertschätzend. Wie sich das anfühlt, könne nur jemand nachvollziehen, der aus einem Land wie Syrien kommt, wo man Polizisten mit Angst begegnet, sagt Bilal.

Als Journalist konnte mein Ex-Kollege sicher freier und kreativer arbeiten. Doch ohne Anstellung war er existenziell unfrei. Nun bekommt er 2100 Euro brutto, 14 Mal im Jahr, mit Zulagen für Nachtdienste und Wochenenden. Die Freiheit eines Bimfahrers ist anders gelagert. „Ich hole mir in der Früh am Bahnhof den Wagenpass und Fahrplan ab, dann nehme mir einen Zug. Nach der letzten Fahrt gehe ich nach Hause. Dazwischen habe die volle Verantwortung, was auf der Fahrt passiert und bin mein eigener Chef.“

Im Pausenraum sitzt Bilal einer Kollegin gegenüber, die vor 21 Jahren begonnen hat – als eine der ersten Frauen. Sie macht ihren Job noch immer gerne. „Junge Kollegen geben heute schneller auf“, ist ein langgedienter Kollege überzeugt. Manche schaffen den Umstieg im Unternehmen und werden Disponenten (so heißen jene Taktgeber, die über die Einhaltung des Fahrplans wachen). 

„Die Österreicher haben mich dorthin geführt, wo ich jetzt bin. Jetzt führe ich sie in die Arbeit und nach Hause.“

Bilal Albeirouti, Wiener Straßenbahnfahrer 

Vorerst passt es für Bilal. Er fühlt sich zu „100 Prozent“ angekommen. Was rät er Landsleuten, die noch unterwegs sind, die Mindestsicherung beziehen, Kurse belegen, Jobs wieder verloren haben – oder gar nicht versuchen, ins System Österreich hineinzukommen? Die weniger Antrieb oder Bildung haben als Bilal? 

Er kennt Familienväter, die in der Mindestsicherung nicht sehr viel weniger bekommen als er bei den Wiener Linien. 48 Prozent der Syrer in Österreich sind arbeitslos, Tendenz zuletzt wieder steigend. 

Bilal rät: „Gebt nicht auf. Ihr müsst nicht perfekt Deutsch sprechen. Probiert es einmal, zehn Mal, 100 Mal. Österreich wartet auf euch.“ Und noch eines motiviert ihn, um vier Uhr aufzustehen: die Staatsbürgerschaft. Die gibt es nur mit Job. Bilal will schon nächstes Jahr Österreicher werden. Danach fehlt eigentlich nur noch: eine Runde im Wiener Dialekt. Na oisdonn!

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