iPad-Kids: Wie Bildschirmkonsum Kleinkindern dauerhaft schadet
Der Fernseher ist ein unfreiwilliger Dauerbegleiter von Bettina Mayers Berufsalltag. Wenn sie als Hebamme auf Hausbesuch kommt, läuft er häufig im Hintergrund. Bei einer Familie ist ihr diese Situation besonders in Erinnerung geblieben. Dort saß das ältere Kind vor dem Fernsehschirm, während Mayer sein neugeborenes Geschwisterchen wog und wickelte, mit den Eltern plauderte, wie denn so ihre Routinen ablaufen. Das eineinhalbjährige Geschwisterkind starrte währenddessen ruhig und gebannt auf den TV-Bildschirm. Bis Mayer bat, den Fernseher doch abzudrehen. Dann kippte die Stimmung: Das Kind fing an zu brüllen, rastete aus.
Eigentlich fährt die Hebamme genau deswegen zu den Familien, um so einen Ausraster zu verhindern. Die Stadt Tulln vermittelt die 38-Jährige an Familien, die gerade Zuwachs bekommen haben, um mit ihnen über das Thema Bildschirmkonsum bei Kleinkindern zu sprechen. Damit es erst gar nicht so weit kommt, dass ein Kind ohne Fernseher tobt. Wenn eine Familie in Tulln ein Baby bekommt, bietet die Stadt einen Hausbesuch von Mayer an an.
Tulln schreibt sich das Thema Bildschirmsucht bei Kindern aktuell auf die Fahnen, organisiert Vorträge, ganztägige Infoevents, oder die Gratis-Besuche von Mayer. Denn man höre es aus den Kindergärten und Volksschulen, erzählt Stadträtin Paula Maringer (ÖVP), die die Idee für die Beratungen hatte: Es gibt immer mehr Probleme mit sogenannten „ iPad-Kids“.
Sie können nicht stillsitzen, liefern Trotzanfälle. Dazu kommen Haltungsschwächen, Übergewicht und die Fehlsichtigkeit durch die viele Zeit vorm Bildschirm, sagt Stadtarzt Franz Bichler. Für ihn sind Handy, Tablets und Fernseher wie „digitale Mohnlutscher“ , die das Kind zwar ruhigstellen, langfristig jedoch schlimme Folgen haben können.
Kein Sprechen, kein Zeigen, nur Wischen und Zoomen
Genau solche Kinder sieht Arnika Thiede, Ärztin im Linzer Autismus-Kompetenzzentrum, immer häufiger. Sie erzählt von einer Mutter, die ihr zweijähriges Kind vorbeibrachte. Der Bub hat weder gesprochen, auf seinen Namen reagiert, noch konnte er Blickkontakt halten.
Hat er Autismus, wollte die Mutter wissen. Thiede beobachtete ihn: Er konnte keine eigenen Ideen zum Spielen und Beschäftigen entwickeln, typische Gesten, wie auf etwas zu zeigen, waren ihm fremd. Aber er benutzte andere Handbewegungen: Zum Beispiel versuchte er, die Schrift am Seifenspender durch Zeigefinger und Daumen zu vergrößern. Wischen, zoomen, doppelklicken, das ist, was diese Kinder können.
Was sich im Gespräch mit der Mutter später zeigte: Der Zweijährige verbrachte sechs bis acht Stunden am Tag vor dem Handy oder dem Fernseher.
In der Fachwelt spricht man hier von Mediendeprivation oder digitaler Mediennutzungsstörung, erzählt Thiede. Diese Kinder weisen zwar die gleichen Symptome wie Kinder im Autismus-Spektrum, aber: „Wenn man ihnen die digitalen Medien entzieht und sich ihnen zuwendet, erleben Eltern plötzlich, wie ihre Kinder aufblühen, sie können gemeinsam spielen, fangen an zu sprechen und genießen den Kontakt zu anderen Kindern“, sagt Thiede. Die Symptome verschwinden also wieder, wenn man früh genug eingreift.
„Hilflosigkeit“ und „Ahnungslosigkeit“, das ist, was Brigitte Singer bei Fortbildungen am Salzburger Bildungswerk für Eltern zum Thema Mediennutzung am meisten begegnet. Viele wissen schlicht nicht, wie schädlich Bildschirmzeit für Kleinkinder ist. Deswegen setzt auch das Bildungswerk verstärkt auf Aufklärung – mit Veranstaltungen und neu nun auch der Broschüre „Bildschirmfrei bis 3". Sie ist Teil einer Kampagne des Sozialministerium und wird Wickelrucksäcken und Willkommenspaketen für Jungfamilien in ganz Österreich von Tulln bis Salzburg beigelegt.
Denn bis in die höchsten politischen Ebenen sind die Klagen von Eltern, Lehrkräften und Ärztinnen und Ärzten vorgedrungen. Staatssekretärin Ulrike Königsberger-Ludwig bestätigt: „Was wir heute bei sehr jungen Kindern beobachten, wird uns in den kommenden Jahren gesundheitspolitisch intensiv beschäftigen.“
Ein Infoaufsteller vor einem Kindergarten in Tulln.
Denn es braucht nicht erst acht Stunden Bildschirmzeit am Tag, wie bei dem Patienten von Thiede, um ein kleines Kinderhirn nachträglich zu schädigen. Dominik Batthyány, Leiter einer Wiener Ambulanz mit Schwerpunkt Verhaltenssüchte, erklärt wieso: „Das kindliche und jugendliche Gehirn ist hochplastisch. Erfahrungen in dieser Phase prägen dauerhaft stärker als später im Leben.“
Die schnellen, bunten, schrillen Reize des Bildschirms sind sogar Erwachsenen oft zu viel. Für Kinder sind sie schlicht überfordernd. Das sorgt unter anderem für ein gestörtes Belohnungssystem. Kinder lernen, dass Belohnungen schnell und sofort kommen. Und werden nach diesen kurzen Reizen süchtig. Batthyány: „Es fällt ihnen schwerer langsamere, reizärmere Tätigkeiten wie Lesen, Hausübung machen, auf etwas Warten, Zuhören etc., auszuhalten.“
Auch die Emotionsregulierung leidet. Kinder lernen den Umgang mit ihren Gefühlen durch ihre Bezugspersonen. Früher Medienkonsum übernimmt diese Rolle jedoch häufig: als Ablenkung, als Beruhigungsmittel, als Ersatz für Zuwendung. Die Folgen zeigen sich erst später – in einer geringeren Frustrationstoleranz, einer erhöhten Stresssensitivität und einer Tendenz, auf Suchtmittel oder Suchtverhalten als Bewältigungsstrategie zurückzugreifen, beschreibt Batthyány.
Deswegen ist der Konsens in der Fachwelt: kein Bildschirmkonsum bis zum Alter von drei Jahren, zwischen drei bis sechs Jahren maximal 30 Minuten an einzelnen Tagen in Begleitung von Erwachsenen.
Handyscrollen: Stress fürs Baby, Entspannung für die Mutter
Einer der wichtigsten Punkte, da sind sich die Fachleute einig: Die Eltern müssen mit gutem Beispiel vorangehen. Abgesehen davon, dass übermäßiger Bildschirmkonsum für Erwachsene auch schädlich ist und die Kinder ihre Eltern nachahmen, hat es gerade für Kleinkinder immense Auswirkungen, wenn sie ihre Bezugsperson ständig am Handy sehen.
Was das konkret bedeutet, hat die Paracelsus Uni Salzburg in einer aktuellen Studie gezeigt. Grundlage war das sogenannte Still-Face-Experiment – ein Klassiker der Entwicklungspsychologie aus den 1970ern: Bezugspersonen spielen mit ihren Babys, bis sie angewiesen werden, jede emotionale Reaktion einzufrieren. Kein Lächeln, kein Nicken, kein Blickkontakt. Die Kinder reagieren mit Weinen, Quengeln und purem Stress.
Die Salzburger Forschenden haben dieses Experiment nun um eine entscheidende Phase erweitert – eine, die dem Alltag näher ist: Die Mutter löst ein Kreuzworträtsel am Handy, während das Baby daneben sitzt. Studienleiterin Antonia Dinzinger erklärt den Gedanken: „Im realen Leben ignorieren Eltern ihre Babys nicht bewusst. Vielmehr teilen sie ihre Aufmerksamkeit – zwischen Kind, Smartphone und anderen Anforderungen.“
Das Ergebnis ist eindeutig: Für die Mütter war die Handy-Phase ein Moment der Entspannung – ihre Herzfrequenz sank messbar. Für die Babys war es Stress. Erhöhte Herzfrequenz, Weinen, Protest. Selbst diese kurze, alltägliche Ablenkung reichte aus, um das Kleinkindzu belasten. Die gute Nachricht: Dieser kurze Vertrauensverlust lässt sich leicht und schnell reparieren, wenn die Mütter sich direkt nachher wieder ums Baby kümmern. Nach der Handyunterbrechung fiel ihnen das aber deutlich schwerer, als nach anderen Ablenkungen, zeigte die Studie.
Dinzinger empfiehlt: Eine klare Entscheidung, wann und wie lange das Smartphone genutzt wird, kann sowohl Eltern als auch Kindern zugutekommen. Das rät auch Hebamme Mayer ihren Eltern in Tulln: „ Ich bin ja auch für die Arbeit oft am Handy, aber meine Kinder wissen, es gibt handyfreie Zeiten, vor allem beim Essen ist das wichtig.“
Die Hebamme versteht die Überforderung der Eltern und verurteilt sie nicht. „Das Wetter war nicht gut an dem Tag. Die Wohnung ist klein. Die Eltern wissen dann eben nicht, was sie mit ihrem Kind machen sollen außer Fernsehen“, sagt sie über die Familie, bei der das Kind wegen des abgedrehten Fernsehers ausrastete. Ähnliches gilt für den Zweijährigen, bei dem Thiede eine Mediendeprivation diagnostizierte: eine alleinerziehende Mutter, wenig Zeit, viel Druck.
Die Salzburgerin Singer vom Bildungswerk ist trotzdem überzeugt, dass ein Umdenken möglich ist und zieht einen Vergleich: Früher wurde selbstverständlich neben Babys geraucht. Kinderfüße wurden geröntgt, um zu prüfen, ob die Schuhe passen, Sitzgurte waren optional. Damals alles normal. Heute ist das unvorstellbar.