Bodenversiegelung

Diese verlassene Halle wurde zum Vorzeigeprojekt gegen Flächenfraß

Ein Projekt in Salzburg zeigt, warum es sich lohnt, Brachen zu sanieren: Die aufgelassene Universal-Versandhalle wurde zum multifunktionalen Büro- und Produktionsstandort – und hilft mit, das Klima zu schonen.

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Ein Gewerbegebiet in Bergheim, nur ein paar Kilometer von Salzburg entfernt, ist so groß wie jene Fläche, die in Österreich alle fünf Tage dauerhaft versiegelt wird: Etwa 30 Hektar.

Dort, am Fuß des Plainbergs, befindet sich das Handelszentrum 16. Die ehemaligen Lagerhallen des Universalversands dienen heute einem Potpourri aus Start-Ups und innovativen Geschäftsmodellen als neuer Standort.

„Die Story ist immer die gleiche“, sagt Architekt Christian Kircher, der die Sanierung mit seinem Büro „smartvoll“ begleitet hat. Das Konsumverhalten ändert sich, ehemalige Industriestandorte verfallen zu Brachen. Das ist selbst einem der umsatzstärksten Online-Shops des Landes passiert.

Universal-Versandhalle samt Verwaltungstrakt in den 70er Jahren

Das "Amazon der Kindheit" musste seinen Standort nähe Salzburg schließen.

Der heute noch operierende Versandhändler Universal, das „Amazon der Kindheit“ vieler Österreicher:innen, musste Anfang der 00-er Jahre das Lager in Bergheim schließen. In der 5500-Einwohner-Stadt blieben triste Hallen und 30.000 Quadratmeter Nutzfläche zurück, die aber nie für Menschen konzipiert waren. Gut ein Jahrzehnt standen sie leer. Spätestens mit einem Eigentümerwechsel 2017 stellte sich die Frage: Abreißen oder umbauen?

Umbauen für die Zukunft

Für Kircher und den Bauherrn Marco Sillaber war klar: Ersteres kommt nicht infrage. Industriehallen dieser Dimension bieten viel Gestaltungsraum. Seit etwa zehn Jahren arbeitet Kirchers Büro „smartvoll“ nach dem Konzept „adaptive reuse“ (zu Deutsch: adaptierte Wiedernutzung). „Unser Zugang ist, nicht einfach nur die Probleme zu sehen, sondern auch die Potenziale, die Herausforderungen nun mal mitbringen.“

So sah die Versandhalle vor dem Umbau aus.

Stefan Breuer lehrt Architektur an der FH Kärnten und forscht in der Projektgruppe „Construction Needs Nature“ („Der Bau braucht Natur“), er kennt sich also mit Herausforderungen aus. „Mehr als die Hälfte der Emissionen eines Gebäudes entsteht bei dessen Errichtung, Tendenz steigend.“ Der Bausektor ist für 37 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich und somit „ein riesiger Hebel zur Erreichung von Klimaneutralität“, sagt der Experte im profil-Gespräch.

Die Lösung lautet: Sanieren statt Abreißen. „Umfassende Sanierungen sind die Königsklasse“, weiß Ulla Unzeitig von „Renowave.AT“, einem Innovationslabor und einer Genossenschaft für klimaneutrale Gebäude- und Quartierssanierungen. Gefördert wird „Renowave.AT“ auch vom Klimaschutzministerium. Das Ziel sei ein Austausch, so Unzeitig, um Sanierungen effizient und kostengünstig zu gestalten. Um- und Weiterbauten würden „wichtige Weichen für die Zukunft stellen.“ Und die Zukunft wird Flexibilität erfordern – sowohl für Architekten als auch für Unternehmen.

Synergieeffekte

Die Besonderheit des Projekts in Bergheim: In die sanierten Hallen zogen nicht nur verschiedene Firmen wie eine Werbeagentur und ein Skiproduzent - auch Synergieeffekte werden genutzt: Aus der Abwärme der Skiproduktion entsteht Energie für eine Garnelenzucht, die ebenfalls in der Halle untergebracht ist. Man müsse eine gemischte Nutzung von Objekten anstreben, lautet die Vision von Architekt Kircher. 

Durch eine Nachverdichtung der ehemaligen Versandhallen entstand im Handelszentrum 16 eine Nutzfläche von insgesamt 55.000 Quadratmetern. Unterm Strich sei die Wiederverwendung von Brachen noch immer wirtschaftlicher als ein Neubau in der Größe. Dieser hätte laut den Schätzungen des Architekten das Dreifache gekostet. Und die Umwelt wird auch geschont: „Hier stecken 25.000 Kubikmeter Beton. Wenn man den abbrechen würde, müsste ein LKW damit zweimal um die Welt fahren, damit er zur Deponie kommt.“

Politisches Gerüst fehlt

Doch Anreize für Um- statt Neubauten würden fehlen, bemängelt Kircher. Grundsätzlich ist ein einfacher Abriss „unvorstellbar billig“, sagt er. Es geht oft schneller, die ungenutzte Wiese zu bebauen. Neue Bauflächen sind günstig und eine neue Grundstückswidmung zu erhalten ist einfacher, als eine bestehende Fläche umzuwidmen. In der Praxis werden Ressourcen noch immer in hohem Maße verschwendet, wenn ein neues Gebäude entsteht. 

Ein hoher Rohstoff- und Energieverbrauch führt auch zu einer hohen Abfallerzeugung. Es sei laut Bauforscher Breuer notwendig, diese lineare Abfolge auf eine Kreislaufwirtschaft im wahrsten Sinn des Wortes umzubauen: „Das Baumaterial der Zukunft ist der Baubestand”, sagt Breuer. 

Zuerst müsse man jedoch wissen, wie viel Leerstand es in Österreich gibt. Die letzten Erhebungen des Umweltbundesamts aus 2017 weisen einen Leerstand von etwa 40.000 Hektar auf. Das entspricht etwa der Größe von Wien. Wie groß die verbaute ungenutzte Fläche aktuell ist, ist unbekannt. „Leider gibt es dazu keine zuverlässigen Zahlen“, heißt es aus dem Umweltbundesamt. Diese wären jedoch eine wichtige Grundlage für künftige Entscheidungen, sagt Breuer.

Für ihn ist die Wiederverwertung ein Zukunftsmodell: „Unter Wahrung der planetaren Grenzen können wir nicht ewig abreißen und neu bauen. Etwa 90 Prozent aller Gebäude, die wir im Jahr 2040 haben werden, stehen schon heute.“

Gewesslers letzte Mammutaufgabe

Die grüne Klimaministerin hat sich für ihre verbleibende Amtszeit bis September 2024 noch ein großes Projekt vorgenommen: Die Eindämmung des Flächenfraßes. Für die Bodenstrategie ist jedoch das Landwirtschaftsministerium zuständig. Ob es gelingt, Länder und Gemeinden auf eine verbindliche Obergrenze für den jährlichen Flächenverbrauch festzunageln, ist offen. 

Vorerst gibt es nur Anreize und keinen Druck: Vor zwei Jahren wurde die Förderung für Flächenrecycling eingeführt. Zwischen 2022 und 2023 wurden bereits Konzepte für 49 Projekte quer durch Österreich eingereicht. Die Förderung soll Gemeinden dabei helfen, leerstehende Bauten im Ortskern zu revitalisieren. Bis 2025 ist ein Acht-Milliarden-Euro-Topf aus EU-Mitteln im Rahmen des „Aufbau- und Resilienzplans“ (vulgo: Corona-Wiederaufbaufonds) vorgesehen.

Wie das geht, zeigt das Projekt in Bergheim. „Von Industriebrachen über Wohnhäuser bis zu alten Garagen lässt sich alles reanimieren – sofern der Wille da ist“, ist Architekt Kircher überzeugt.

Elena Crisan

Elena Crisan

Wenn sie nicht gerade für den Newsletter "Ballhausplatz" mit Politiker:innen chattet, schreibt sie im Online-Ressort über Wirtschaft und Politik.