Dschihadismus: Der Kampf einer Grazer Mutter um ihre Tochter

Mutter Cynthia S.: "Du stehst jeden Tag mit dem Gedanken auf, dass alles gut wird. Aber du kämpfst und kämpfst und läufst ins Nichts"

Mutter Cynthia S.: "Du stehst jeden Tag mit dem Gedanken auf, dass alles gut wird. Aber du kämpfst und kämpfst und läufst ins Nichts"

Vor zwei Jahren schloss sich Julia S. der Terrormiliz IS in Syrien an. Nun sitzt sie mit ihrem kleinen Kind in einem von Kurden kontrollierten Lager. Die Mutter kämpft in Graz um deren Freilassung. Was tun mit Dschihadisten, die zurück nach Hause wollen?

Cynthia S.* sucht auf ihrem Handy das Foto, das ihre Tochter Julia* vor ein paar Tagen schickte. Man sieht nicht viel darauf: den Saum eines langen, blauen Gewands, einen Fuß in einem hellen Turnschuh. Zehn Paar möge die Mutter schicken, schrieb Julia*; sie wolle sie unter ihren Mitgefangenen verteilen.

Manchmal geben Banalitäten ein wenig Halt im bodenlosen Schrecken. Vor zwei Jahren war die 16-jährige Julia aus Graz verschwunden. Irgendwann meldete sie sich aus dem syrischen Rakka, wo damals der selbst ernannte „Islamische Staat“ (IS) herrschte. Heute sitzt sie in einem Lager für Dschihadistinnen im Norden Syriens und will nur mehr nach Hause.


40.000 Kämpfer aus 120 Ländern schlossen sich der Terrormiliz IS an, darunter bis zu 6000 Europäer.

Über 3000 Kilometer trennen sie von ihrer Mutter, die vergangene Woche in der Beratungsstelle Extremismus versucht, Ordnung in die Geschichte zu bringen: Anfang, Entwicklung, Ausblick. Cynthia S. verliert manchmal den Faden, fasst sich an den Kopf. An vieles kann sie sich nicht mehr erinnern. Die Katastrophe hat sich in ihr Leben „geschlichen“.

40.000 Kämpfer aus 120 Ländern schlossen sich der Terrormiliz IS an, darunter bis zu 6000 Europäer. Laut dem Anti-Terror-Beauftragten der EU, Gilles de Kerchove, sind 2500 inzwischen tot oder zurückgekehrt. Mitunter erzählen sie in Einvernahmen, sie hätten lediglich Kranke gepflegt, eine Hochzeit besucht oder sich als Handwerker oder Köche im Kalifat nützlich gemacht. Und dann gibt es noch die Ehefrauen der Dschihadisten.

"Ich möchte mein Kind zurück"

"Ich möchte mein Kind zurück"

Der heimische Verfassungsschutz kennt 318 „foreign fighters“ aus Österreich mit Namen; 61 davon hinderte man an der Ausreise. Im April 2014 schlossen sich zwei Wienerinnen mit bosnischen Wurzeln dem Dschihad an: Sabina S., 15, und Samra K., 16. In den Medien tauchte ein Bild der Mädchen in Burka auf. „Nie und nimmer könnte mir das passieren“, dachte Cynthia S.: „Ich konnte mir das schlicht nicht vorstellen – bis Julia drüben war.“


Der Verfassungsschutz geht davon aus, dass sich noch 107 Dschihadisten aus Österreich im umkämpften Gebiet befinden.

Inzwischen stockt der Nachschub aus Europa. Der IS verlor nahezu alle Herrschaftsgebiete, Syrien befindet sich zusehends wieder in Baschar al-Assads eisernem Griff. Der Verfassungsschutz geht davon aus, dass sich noch 107 Dschihadisten aus Österreich im umkämpften Gebiet befinden; 93 sind zurückgekehrt. Wie viele tot sind, genug vom IS haben, in abgeriegelten Gebieten feststecken, wie viele Männer, Frauen und Kinder auf der Flucht vor dem IS gefasst wurden oder sich irakischen und kurdischen Truppen ergaben, weiß niemand so genau. Etwa 1000 IS-Anhänger aus 50 Ländern sollen in Gefängnissen und Lagern angehalten werden.

Julia S., 19, ist eine davon. Mit 16 hatte sie sich in einen 25-Jährigen verliebt. Der Mann, so erzählt es vergangene Woche ihr älterer Bruder, sei nur nach Syrien gereist, um seine Oma zurückzuholen. Schlepper hätten die Frau nach Rakka gebracht statt nach Mossul, wo sie wiederum ihre Tochter suchen wollte, die sich mit ihrer Familie dem IS angeschlossen hatte. Julias Mann sei geschnappt worden, konnte aus Rakka nicht mehr weg, seine junge Frau sei ihm nachgereist.

Ist das die ganze Geschichte?

Im Vorjahr fiel die IS-Hauptstadt Rakka, viele ausländische Dschihadisten flüchteten nach Südosten. Auch das Paar aus Graz kämpfte sich auf den Routen durch, die der Terrormiliz offenstanden. In Abu Kamal, einer Pufferzone nahe der irakischen Grenze, war Endstation. Hier versuchten Julias Eltern, sie loszueisen: Schlepper sollten die Familie (Julia hatte inzwischen ein Mädchen zur Welt gebracht) in die Türkei lotsen, übergaben sie aber Truppen der kurdisch-syrischen YPG. Die Mutter landete mit ihrem Kind im Kampa Roj, einem Frauenlager in der Provinz Derik (kurdisch Rojava), ihr Mann im berüchtigten Counter Terrorism Service (CTS) in Bagdad.


Cynthia S. nahm ihre Tochter in den Arm, nach zwei Stunden musste sie sich verabschieden.

Cynthia S. gab nicht auf. Manchmal schien das Wiedersehen zum Greifen nah zu sein und blieb dann doch unerreichbar. Es ist eine eigene Geschichte, wie sie vor Monaten auf abenteuerlichen Pfaden durch Sicherheitssperren und Checkpoints tatsächlich zu ihrer Tochter vordrang. Wachen holten die junge Frau aus dem Lager und brachten sie zu einem vereinbarten Treffpunkt. Cynthia S. schaute zu Boden, als sie wie eine Fremde vor ihr stand. Die Gefühle drohten die Mutter zu überwältigen. Julia sagte: „Ich darf nicht mit dir nach Hause.” Cynthia S. nahm ihre Tochter in den Arm, nach zwei Stunden musste sie sich verabschieden: „Ich dachte, nun hat der Schmerz ein Ende, aber das war das Schlimmste. Eigentlich unbeschreiblich.“

Hatte Julia S. das Pech, in der Pubertät mit einem brandgefährlichen Feuer zu spielen? Ist die junge Frau geläutert? Was ist mit ihrem kleinen Mädchen? Kinder sind die unschuldigen Opfer in diesem Konflikt. Cynthia S. verbirgt ihren Namen und ihr Gesicht, um nicht abgestempelt zu werden und ihre Familie zu schützen. 2015 meldete sie sich bei der Beratungsstelle Extremismus, einer beim Bundesweiten Netzwerk Offene Jugendarbeit eingerichteten Anlaufstelle.

Schuldgefühle, Leerstellen, unbeantwortete Fragen quälen Mütter und Väter. Oft lassen sich erst im Rückblick Anzeichen für das Abdriften des eigenen Kindes erkennen. Vor drei Jahren meldete sich der Verfassungsschutz bei Cynthia S. Man habe Julias Namen bei einem Mann gefunden, der als Heiratsvermittler für den IS im Visier war. Das Mädchen erklärte, es habe ihren Pass einer Freundin ausgehändigt, diese habe ihn weitergegeben – ein Streich, nichts weiter. Davor hatte es bei einer evangelikalen Gemeinde angedockt. „Mir kamen diese Kreise sektenartig und eigentlich radikalisierend vor“, sagt Cynthia S. Irgendwann wurden die Evangelikalen uninteressant, Julia begeisterte sich für den Islam, so wie ihr älterer Bruder. Sie verhüllte sich mit einem Nikab.


An einem Sommertag 2015 ging die damals 15-Jährige morgens in die Arbeit und kehrte abends nicht zurück.

Cynthia S. ist katholisch, ihr Mann muslimisch, die Kinder wuchsen ohne Bekenntnis auf. „Sie sollten selbst entscheiden, ob sie einen Glauben annehmen und welchen“, sagt sie. Als sie eines Tages erklärten, nun seien sie Muslime, zuckte sie mit den Achseln. Im Sommer vor drei Jahren wollte Julia zu den Großeltern in die Türkei. „Sie hatte in der Schule schlechte Erfahrungen gemacht und brauchte Orientierung.“ Am Flughafen in Istanbul stoppte die Polizei das Mädchen. Es hatte – ohne Wissen der Familie – dort ein Einreiseverbot, seit es den Verfassungsschützern wegen der Passgeschichte aufgefallen war. Danach sei Julia verändert gewesen: „Sie zog sich in den Keller zurück und sprach nur mehr das Nötigste.“

An einem Sommertag 2015 ging die damals 15-Jährige morgens in die Arbeit und kehrte abends nicht zurück. Cynthia S. und ihr Mann fuhren kreuz und quer durch Graz, suchten Straßenbahnstationen und Bushaltestellen ab. Die ältere Schwester bemerkte, dass sich um 22 Uhr jemand von Istanbul aus in das gemeinsame Hotmail-Konto eingeloggt hatte. Cynthia S. sagt, damals durchzuckten sie die schlimmsten Befürchtungen: „Ich bin sofort zur Polizei.“

Julia schien wie vom Erdboden verschluckt zu sein. Die Eltern flogen in die Türkei, wo die Behörden jeden Tag Busse voll Dschihadisten auf dem Weg nach Syrien aufhielten. Julia S. war nie darunter. Zurück in Graz, streiften die Eltern auf der Suche nach „Männern mit Bart“, die weiterhelfen konnten, nächtelang herum. Sie stießen auf Prediger, die für den Dschihad warben, Netzwerke von Helfershelfern, aber auf keine Spur ihrer Tochter.

„Ich will mein Kind zurück“

Nach zwei Monaten kam ein Lebenszeichen aus der Türkei. Julias Vater hatte an der türkisch-syrischen Grenze herumgefragt und Fotos aufgehängt. „Vielleicht hat sie das mitgekriegt“, sagt Cynthia S. Nach Syrien sei ihre Tochter damals jedenfalls nicht gekommen. Sie hatte sowohl ihren Pass als auch den Pass ihres Bruders bei sich.

Cynthia S. informierte den Verfassungsschutz, dass ihre Tochter aufgetaucht sei. Als Julia S. in Graz landete, wurde sie von schwer bewaffneten Polizisten empfangen. Man steckte die 16-Jährige in Untersuchungshaft. Im Prozess, der ihr Monate später gemacht wurde, ging es nur um Urkundenunterdrückung, nicht um Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Danach spannte sich um die Jugendliche ein dichtes Netz an Auflagen und Kontrollen. Die Beratungsstelle Extremismus stellte ihr eine Vertrauensperson zur Seite, bei der sie sich melden konnte, aber nicht musste. „Sie stand enorm unter Druck und hatte sich wundgeschwiegen. Wir wollten ihr Luft verschaffen“, erinnert sich Mayassa Kraitt, die Betreuerin der Mutter.


Vermeintlich Geläuterte werden verhört, beobachtet, angezeigt und bei ausreichender Verdachtslage vor Gericht gestellt.

Cynthia S. wachte über alle Schritte der Tochter – bis zu jenem Tag 2016, an dem Julia erneut untertauchte. „Ab da reißt der Film,“ sagt Cynthia S. Jeden Tag habe sie um den „Mut“ gerungen, Schluss zu machen; am „tiefsten Punkt“ aber schöpfte sie wieder Kraft. Seither herrscht in Cynthias S.’ Leben ein Gedanke, der neben sich nichts anderes duldet: „Ich will mein Kind zurück.“ Warum Julia weggegangen ist, was sie gemacht hat, „das spielt für mich keine Rolle mehr“.

Hier haken die Sicherheitsbehörden freilich genau nach. Unter den Abgekämpften und Desillusionierten könnten sich Terroristen mit Anschlagsplänen verstecken. Vermeintlich Geläuterte werden verhört, beobachtet, angezeigt und bei ausreichender Verdachtslage vor Gericht gestellt. Das gilt auch für Frauen, die „der Liebe wegen“ nach Syrien zogen, meist nicht selbst mit der Kalaschnikow im Feld standen, aber ihre Männer unterstützten, schießen lernten oder vielleicht als Sittenwächterinnen patrouillierten. Der Nachweis konkreter Taten gelingt oft nur im internationalen Zusammenspiel von Polizeibehörden und Nachrichtendiensten.

„Diese Aufgabe verlangt Fingerspitzengefühl"

Das Kalifat des IS gibt es nicht mehr. Trotzdem setzt sich der Zug der Heimreisenden nur langsam in Bewegung, was auch daran liegt, dass der Weg zurück oft versperrt ist. Außerdem wollen nicht alle nach Hause. Manche bleiben laut Nachrichtendiensten in der Region, um getötet zu werden, oder ziehen zu neuen Dschihad-Schauplätzen weiter, nach Somalia, Afghanistan, Südostasien. Je mehr zurückkommen, desto schwieriger wird es, im Einzelfall einzuschätzen, ob die Begeisterung für die Terrormiliz verglüht ist oder weiterlodert. Der Anschlag auf das Jüdische Museum in Brüssel 2014 war das Werk eines Rückkehrers. Wie findet man jene heraus, die bereit sind, sich Sprengstoffgürtel umzuschnallen? Die Polizei ist damit auf weite Sicht überfordert; auch Schulen, Jugendwohlfahrt, AMS, Bewährungshilfe und Aussteiger-Initiativen sind gefragt. „Diese Aufgabe verlangt Fingerspitzengefühl, manchmal ist die Polizeikeule das Mittel der Wahl, manchmal schadet sie mehr als sie nützt”, sagt Verena Fabris, Leiterin der Beratungsstelle Extremismus.

Die Stelle gibt es seit vier Jahren. 3600 Anrufe protokollierte man mittlerweile, über 190 Familien und Bezugspersonen werden betreut. Wie ein Seismograf registriert man hier gesellschaftliche Verwerfungen: die Angst vor Radikalisierung, das Aufflammen des türkischen Nationalismus, Ausreisen nach Syrien und nun eben die Rückkehrer. „Die Gesellschaft muss sich nicht nur der Staatsbürger annehmen, sondern aller Menschen, die in Österreich aufgewachsen sind“, sagt Fabris. Um den richtigen Umgang mit rückkehrwilligen Terrorverdächtigen ringen derzeit alle Herkunftsstaaten.


Ohne Hilfe des österreichischen Staates wird es nicht gehen.

Großbritannien bürgert IS-Terroristen aus, Deutschland debattiert darüber. Allerdings dürfen Staatsbürgerschaften nur entzogen werden, wenn Betroffene mindestens eine zweite besitzen. Ein UN-Protokoll verbietet es, Menschen staatenlos zu machen. Auch Österreich gehört zu den Unterzeichnern. Darf man Terrorverdächtige der Justiz vor Ort überlassen? Im Irak kann das die Todesstrafe bedeuten. Und einmal mehr: Was ist mit den Kindern? Im österreichischen Außenministerium verweist ein Sprecher darauf, dass Staatsbürger, die im Ausland in Not geraten, Anspruch auf konsularischen Schutz haben.

Was das in der Praxis bedeutet, ist unklar. Das syrische Kurdengebiet ist kein anerkannter Staat, Vertretungsbehörden fehlen. In der Region floriert ein ruchloses Geschäft mit der Hoffnung. Eltern werden von vermeintlichen Helfern im Kreis geschickt, mit Täuschungen gepeinigt und um ihr Erspartes gebracht. Cynthia S. hat das leidvoll erfahren: „Du stehst jeden Tag mit dem Gedanken auf, dass alles gut wird. Aber du kämpfst und kämpfst und läufst ins Nichts.“ Ohne Hilfe des österreichischen Staates wird es nicht gehen.