<small><i>Elfriede Hammerl</i></small>
Weiblichkeit und so

<small><i>Elfriede Hammerl</i></small>
Weiblichkeit und so

Könnte es sein, dass der Hype um Conchita einen neuen alten Schönheitsdruck mit sich bringt?

Nun haben wir also die wunderbare, bewunderte ­Conchita Wurst, und sie sieht genauso aus, wie wir eigentlich immer eher nicht aussehen wollten. Ich meine nicht den Bart. Ich meine: aufwendiges Make-up, falsche Wimpern, High Heels, Kleider, die den Körper eng umschmiegen und nur Bewegungsspielraum für kleine Schritte lassen. Haben wir nicht lange Jahre Zweifel angemeldet an einem Styling, das aus Menschen Puppen macht? Wir, die wir Rollenbilder hinterfragt und auf ihre Tauglichkeit für ein selbstbestimmtes, gleichberechtigtes Leben abgeklopft haben? Wir, die wir zwar keineswegs alle latzhosenbegeistert und mit raspelkurzem Haar herumgelaufen sind, sondern durchaus mit einer Schwäche für Mode und auch für modische Torheiten – aber halt doch in kritischer Distanz zu einem Frauenbild, in dem der weibliche Körper vor allem (bis ausschließlich) Objektstatus hat.

Ja, richtig, alle sollen sich anziehen, wie sie wollen, ihre geschlechtliche Identität selber festlegen dürfen und ihre sexuellen Vorlieben ausleben, sofern sie anderen nicht schaden, doch trotzdem stellt sich die Frage, ob der Hype um Conchita & Co nicht auch darauf basiert, dass hier, Bart hin oder her, ganz nebenbei tradierte Bilder von Weiblichkeit transportiert und möglicherweise reinstalliert werden.

Dragqueens waren schon immer die weiblicheren Frauen im Sinne eines letztlich konservativen Erscheinungsbildes und Verhaltensmusters. Und biologische Männer, die sich als Frau fühlen (wenn mir diese saloppe Charakterisierung erlaubt ist), verbinden mit Frausein in der Regel eben kein genderneutrales Auftreten, sondern konventionelles Rollenverhalten inklusive entsprechendem Styling.

Noch einmal: ist erlaubt. Wenn’s Freude macht, warum nicht? Jeder nach seinem Gusto, jede nach ihren Bedürfnissen. Sorgfältige Gesichtsbemalung hat eine kreative Dimension. Schon immer haben KünstlerInnen auch den eigenen Körper zum Kunstwerk geformt und/oder als Transportmittel für ihre Ideen eingesetzt. Und angesichts der homophoben Hasstiraden, die Conchita ebenfalls ausgelöst hat, sollte man sich mit Kritik an ihrer Selbstdarstellung vielleicht zurückhalten und sich auf die Botschaft konzentrieren, dass sich Normalität nicht über rigide Normen definieren darf.

Andererseits: Wenn das schon einmal außer Zweifel steht (und davon darf hier ausgegangen werden) – warum nicht nachdenken über andere mögliche Wirkungen und Nebenwirkungen?

Nehmen wir das Life-Ball-Plakat. Nein, es geht nicht um die Zweigeschlechtlichkeit. Kein Kind wird einen Schock kriegen, wenn es weibliche und männliche Geschlechtsmerkmale an ein und derselben Person sieht, es sei denn, ihm wird vermittelt, dass Geschlechtsmerkmale an und für sich etwas ganz, ganz Böses sind. In diesem Fall ist es freilich egal, ob es einen nackten Mann zu sehen bekommt, eine nackte Frau oder ein Wesen, das ausschaut, als wäre es sowohl Mann wie auch Frau. Diese Symbolik kann man ­erklären, wenn man will – und nicht meint, unschuldig wäre mit unwissend gleichzusetzen.

Was indes irritierte, war die virtuell perfektionierte ­Ästhetik des dargestellten Körpers. Hier werden Ansprüche manifestiert, denen auf natürliche Weise nicht genügt ­werden kann. Die artifizelle Figur des Transgendermodels Carmen Carrera – pralle Silikonbrüste an einer mädchenhaft zarten Gestalt, die im Schritt mit einem zierlichen ­Penis überrascht – repräsentiert ein Schönheitsideal, mit dem keine gewöhnliche Frau mitzuhalten vermag. Gewöhnliche Männer ebenfalls nicht, aber Frauen sind mehr und länger als Männer einer Tradition kaum erfüllbarer Forderungen ausgesetzt, die nicht selten zu einem brutalen, schädigenden, verstümmelnden Umgang mit dem eigenen Körper geführt haben. Dass sich – mit dem Coming-Out transsexueller Personen, die in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung geraten – der Kreis der Menschen erweitert, die unter einen nicht ungefährlichen Schönheitsdruck kommen, ist kein Trost.
Eine Universitätsprofessorin klagte mir kürzlich ihr Leid. Gendervorlesungen mit traditionell feministischem Inhalt würden mehr und mehr auf Unwillen stoßen. Wen interessierten schon ökonomische Gerechtigkeit oder die Aufteilung der Reproduktionsarbeit? Alte Hüte. Langweilig. ­Gefragt sei die Transgender-Thematik, darüber müsse debattiert werden.

Nun ist Transgender zweifellos ein Thema, das nicht vernachlässigt werden darf. Aber wenn es Gefahr läuft, missbraucht zu werden, damit mit der Geschlechterdualität gleich auch die Fragen nach Macht-, Geld- und Arbeitsverteilung entsorgt werden, dann läuft was schief. Tatsächlich wäre gerade Transgender eine Chance, alte Fragen neu zu stellen und neue Rollenbilder ins Spiel zu bringen. Und ganz sicher reicht es nicht, die Geschlechterfrage auf den Aspekt der Erotik, der Selbstdarstellung und der sexuellen Präferenzen zu reduzieren.

Im Zusammenleben der Menschen geht es über weite Strecken nicht um glamouröse Selbstverwirklichung, sondern um ganz banale Alltagsbewältigung. Und dabei spielt die Verteilung von Macht, Geld und Arbeit eine entscheidende Rolle.

elfriede.hammerl@profil.at

www.elfriedehammerl.com