Ana (Mitte) und Mari (rechts) mit ihrer Mutter.

© Edith Meinhart

profil-Morgenpost
01/03/2022

Es geht um die Zukunft 

Von der Rückkehr der Georgierin Tina, 13, von Kinderabschiebungen und vom Potenzial junger Menschen.

von Edith Meinhart

Sind Sie gut herübergerutscht? Ich hoffe, Sie konnten sich ein wenig erholen. Vielleicht sind Sie noch auf Urlaub – sofern sie nicht zu jenen gehören, die über die Feiertage dafür gesorgt haben, dass alles Notwendige weitergeht, Kranke versorgt werden, Essen geliefert wird, Strom und Gas in die Häuser kommt, also dafür, dass in diesem Land so vieles so selbstverständlich funktioniert. Die profil-Redaktion meldet sich mit der ersten Morgenpost im neuen Jahr zurück. Da darf es auch einmal um elementare Dinge gehen. Und um die Zukunft. 

Diese hängt natürlich stark von den Jungen ab. In die nachkommenden Generationen zu „investieren“, wie es so schön marktwirtschaftlich heißt, lohnt sich. Das weiß an sich jedes Kind, und ist doch längst nicht allen Erwachsenen klar. Vor fast genau einem Jahr, am 28. Jänner 2021, wurde die damals 12-jährige Tina mit samt ihrer Familie nach Georgien abgeschoben. Trotz heftiger Proteste. 

Die Abschiebung wurde zum Symbol türkiser Migrationspolitik. Das Mädchen hatte einen Großteil ihres Lebens in Österreich verbracht, ihre Schwester Lea, sie wurde im November sechs, kam hier auf die Welt. An Bord waren auch die 18-jährige Sona und ihr jüngerer Bruder Ashot, die Geschwister mussten nach Armenien zurück. Wenige Wochen zuvor waren Ana, 14, (Foto, rechts) und Mariam, 10, (in der Mitte; links, ihre Mutter) in einem Flieger nach Tiflis gesessen.

Haben ihre Eltern alles versucht, um bleiben zu können? Ja! Haben sie viele Anträge gestellt? Auch das! Sind ihre Mütter und Väter fehlerlos? Natürlich nicht! Was können die Kinder dafür? Nicht das Geringste! Ich habe die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr genützt, um den Wiener Rechtsanwalt Wilfried Embacher nach Tiflis zu begleiten. Er vertritt die nach Georgien abgeschobenen Mädchen.

Am 30. Dezember waren wir wieder in Wien, gemeinsam mit der inzwischen 13-jährigen Georgerin Tina. Die große Reportage zur Rückkehr des Mädchens und zu Kinderabschiebungen lesen Sie in der nächsten Ausgabe des profil. Es wird darin auch vom Dorf die Rede sein, in dem Tinas Mutter aufgewachsen ist, von Georgien insgesamt, von Gründen zu bleiben oder aufzubrechen – und vom Kindeswohl. 

Das Kindeswohl ist ein „ebenso einfaches wie anspruchsvolles Konzept, das vorrangig die Entwicklungschancen von Heranwachsenden im Auge hat“, wie es Rechtsanwalt Wilfried Embacher formuliert. Um das, was für die Erwachsenen gut ist, geht es dabei zunächst nicht. Zumindest vordergründig. In Wirklichkeit müssten wir alle – egal, ob wir selbst Eltern sind oder nicht – uns im eigenen Interesse dafür einsetzen, dass Kinder nicht aus ihrem Zuhause fortgerissen werden, Freunde verlieren, in der Schule zurückfallen und ihre Perspektiven sich verengen. Anfang Jänner 2020, blicken wir kurz noch einmal ein Jahr zurück: Tinas Abschiebung stand damals noch bevor, die beiden Schwestern Ana und Mariam waren bereits in Tiflis. Von dort schrieben Ana und Mariam Briefe an den Bundespräsidenten der Republik Österreich, die gleichzeitig flehentliche Briefe an das Christkind waren.  

„Ich vermisse meine liebe Lehrerin und meine Klasse so sehr! Am meisten vermisse ich meine beste Freundin Elena. Mit ihr habe ich am liebsten gespielt“, schrieb Mariam damals.

Und Ana: „Es versteht mich hier (in Georgien, Anm.) leider niemand und ich fühle mich so allein.“ Daran hat sich- ein Jahr später – nichts geändert. Als ich Ana und Mariam in Tiflis getroffen habe, war es immer noch ihr größter Wunsch zurückzukommen. Niemand weiß, welche Wege Tina, Ana oder Mariam einschlagen werden. 

Wer diese Mädchen kennenlernt, kann jedoch nicht anders, als das enorme Potenzial sehen, das in ihnen steckt. Ana, 14, etwa bezaubert durch eine ganz außergewöhnliche sprachliche Gewandtheit. Der ÖVP-Innenminister Gerhard Karner will in Migrationsfragen hart bleiben, wie er vergangene Woche Zib2-Moderator Martin Thür erklärte.

Mit solchen Justament-Standpunkten kassiert man heute Wählerstimmen, löst aber sicher kein einziges der großen Zukunftsprobleme. Dafür wird es noch viele begabte, junge Menschen brauchen. 

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in das neue Jahr,  

Edith Meinhart 

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