Eugen Freund gegen Othmar Karas im EU-Wahlkampf: zwei höfliche Herren auf Stimmenfang

Eugen Freund gegen Othmar Karas im EU-Wahlkampf: zwei höfliche Herren auf Stimmenfang

Eugen Freund (links) gegen Othmar Karas: Das ist alles andere als Brutalität. Rosemarie Schwaiger über den Kampagnen-Einsatz von zwei höflichen Herren, die mit den Erfordernissen des EU-Wahlkampfs so ihre Probleme haben.

Die Aussicht könnte kaum schöner sein. Durch die raumhohen Fenster im achten Stock des Haas-Hauses am Wiener Stephansplatz wirkt die Stadt wie gemalt. So weit das Auge reicht, gibt es nur frisch renovierte Prachtbauten, todschicke Penthäuser, weitläufige Dachterrassen und, als optisches Zentrum, die mächtige Front des Stephansdoms.

Leider ist der Raum mit dieser spektakulären Kulisse eher klein dimensioniert. Am Dienstag Vormittag der Vorwoche wird es schnell unangenehm eng. Die Gäste drängen sich um ein paar Stehtische, einige fliehen trotz Schlechtwetters auf den Balkon. Othmar Karas, Spitzenkandidat der ÖVP bei der Europawahl, hat zur Vorstellung seines Personenkomitees geladen – und allein seine Unterstützer sind fast in Fußballmannschaftsstärke angerückt. Dazu kommen noch Journalisten, Parteifreunde, Mitarbeiter und diverse ältere Herren mit Karo-Sakkos, aber ohne erkennbare Funktion, die sich am Häppchenbuffet laben. „Es geht darum, unseren besten Politiker nach Brüssel zu schicken“, sagt der Schauspieler und Karas-Fan Peter Simonischek. Karas selbst erklärt, der Kandidat aller Österreicherinnen und Österreicher zu sein, die in Europa etwas bewegen wollen. Außerdem ist er gerührt, weil so viele wichtige Menschen ihn unterstützen.

Die Veranstaltung dauert eine knappe Stunde und wird, alles in allem, nicht ins Goldene Buch der Wiener Partykracher eingehen. Aber immerhin reicht das Gebotene, um die SPÖ unter Druck zu setzen. Gegen 13 Uhr, eine Stunde, nachdem die Austria Presse Agentur über das Karas-Komitee berichtet hat, verschickt der rote Pressedienst eine Aussendung mit dem Titel: „Zahlreiche Personen aus allen Gesellschaftsbereichen unterstützen SPÖ-EU-Spitzenkandidat Eugen Freund.“ Zitiert wird darin unter anderem die Schauspielerin Timna Brauer, die den Kandidaten gut findet, „weil er gegen Gen-Mais und für ein AKW-freies Europa eintritt“. Musste endlich einmal gesagt werden. Hoffentlich weiß Eugen Freund das selber auch schon.

Schinken-Käse-Toast zum Festhalten
Am 25. Mai wählen die Bürger Europas ein neues EU-Parlament. In Österreich wird das Rennen um Platz eins wohl zwischen ÖVP und SPÖ entschieden – und damit auch zum Wettbewerb zweier sehr unterschiedlicher Spitzenkandidaten: Othmar Karas, 56, ist Berufspolitiker, sitzt seit 15 Jahren im EU-Parlament, seit zwei Jahren als dessen Vizepräsident. Die vielen Dienstjahre in Brüssel und Straßburg konnten seine Begeisterung nicht schmälern, im Gegenteil. Spricht Karas über das europäische Projekt, kann er sich nach wie vor hineinsteigern wie ein frisch verliebter Teenager – sehr viel Pathos inklusive. Eugen Freund dagegen, 63, war bis Ende des Vorjahres noch Moderator der wichtigsten ORF-Nachrichtensendung. Erst die Zwangspensionierung brachte ihn zur Politik. Der Umstieg vom „ZiB 1“-Journalisten zum Gegenstand der Berichterstattung verlief holprig, nicht zuletzt aufgrund eines profil-Interviews . Beim Spezialthema EU fremdelt er noch erkennbar mit Details. Dieser Tage redet Freund am liebsten über die hohe Arbeitslosigkeit in der Union, mit der man sich demnächst einmal „beschäftigen“ sollte.
Gemeinsam ist den beiden Herren, dass sie der gängigen Vorstellung von Stimmungskanonen eher nicht entsprechen. In einem Wahlkampf kann das zum Problem werden.

Mittwoch Nachmittag der Vorwoche: Eugen Freund sitzt im großen Saal der Volkshochschule Floridsdorf und hält sich schutzsuchend an einem Schinken-Käse-Toast fest. Um ihn herum ist der Wahnsinn ausgebrochen. Etwa 500 Pensionisten schunkeln, klatschen und wippen zur Musik der „Edlseer“. Nicht einmal am Ehrentisch kann sich das Publikum beherrschen. Hilde Hawlicek, Ex-Unterrichtsministerin und bekannt als „wilde Hilde“, hat den neben ihr sitzenden Bezirksvorsteher untergehakt und schunkelt, dass sie fast vom Sitz fällt. Rudi Edlinger, früher Finanzminister, zeigt auch bereits Wirkung. Eugen Freund schaut auf die dicken Wollsocken und Bergschuhe der steirischen Musikanten vor ihm und macht ein Gesicht, als wolle er sich im nächsten Moment davonbeamen. Ist das hier Politik? Geht das wirklich so?

In einer Musikpause tritt Edlinger ans Rednerpult und spricht lustlos über das Friedensprojekt EU. Anschließend hat sich die Partei etwas Originelles ausgedacht: Josef Broukal, Ex-ORF-Star und danach SPÖ-Politiker, interviewt Eugen Freund, ebenfalls Ex-ORF-Star und derzeit SPÖ-Politiker. Der Geräuschpegel im Publikum ist hoch; die EU interessiert hier im Moment genau niemanden. Freund erzählt in seinem Fernseh-Tonfall von den Wahlkampferlebnissen („Wenn man durch Österreich fährt, sieht man erst, was die EU alles gefördert hat.“) und bittet um rege Wahlbeteiligung. „Jede Stimme von euch entscheidet.“ Das Schlusswort gehört dem mitunter boshaften Josef Broukal: „Gell, das glaubt man nicht, wenn man am Küniglberg in ein schwarzes Loch schaut, dass es Menschen aus Fleisch und Blut gibt.“

Paradies Wahlkampf
Für die ÖVP ist die Ausgangslage bei dieser Wahl insofern einfacher, als sie vor fünf Jahren den ersten Platz errang. Es reicht völlig, wenn die Wähler von damals jetzt wieder für die Volkspartei stimmen. Othmar Karas verlässt die schwarzen Biotope deshalb nicht allzu oft. Sein Kalender ist voll mit Diskussionsveranstaltungen, Expertenrunden und Vorträgen. Ein Besuch beim Open-House des Bauernbundes gilt da schon fast als Expedition. Vorzugsstimmen kann er sich hier nicht abholen, die Kandidatin der Landwirte heißt Elli Köstinger. Aber es schadet ja nicht, ein paar Worte mit den größten EU-Subventionsempfängern zu wechseln. Karas weiß jedenfalls, was sich gehört, und verwendet seine kurze Ansprache hauptsächlich, um Köstinger zu huldigen. „Ich bin heute nur Gast und möchte die Gelegenheit nützen, mich zu bedanken. Danke, Elli, für die sehr gute Zusammenarbeit! Und danke für die Zurückweisung der Saatgutverordnung! Wir sind ein Team, eine Mannschaft.“ Karas kann gar nicht oft genug betonen, wie sehr ihn dieser Wahlkampf freue. Er fühle sich wie im Paradies. Vielleicht stimmt das sogar. Es könnte aber auch sein, dass derselbe Coach dahintersteckt, der schon versucht hat, aus ÖVP-Chef Michael Spindelegger einen vor Energie berstenden Entfessler zu machen.
Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter packt derweil seine Gattin und legt, zu den Klängen der Blasmusik, ein Tänzchen hin. Ihm würde so ein Wahlkampf gut stehen; der Mann weiß, wie man sich in Szene setzt. Zu seinem Leidwesen ist er derzeit nicht an der Reihe.

Charly Blecha war Zentralsekretär der SPÖ und Innenminister. Heute ist er 81, Chef des roten Pensionistenverbands (PVÖ) und einer der bestverdienenden Rentner des Landes. Aber den Klassenkampf verlernt man nicht. „Wir brauchen einen Richtungswechsel. Es muss Schluss sein mit der Politik für Banken, Spekulanten und Lobbyisten!“, donnert er bei der Europakonferenz des PVÖ vergangene Woche. Gleich danach ist Eugen Freund an der Reihe: Der Quereinsteiger nach dem Urgestein – das ist gemein. „Es ist nicht egal, wer in Europa den Ton angibt, ob Konzerne die sozialen Standards vorgeben oder die Sozialdemokratie mit den Gewerkschaften für faire Löhne kämpft“, erklärt er. Freund ist kein schlechter Redner, er verfügt über eine trainierte Stimme und legt an den richtigen Stellen Pausen ein. Aber was er sagt, klingt wie ein Nachrichtentext, nicht wie Überzeugung. Das Publikum applaudiert höflich.
Es gehört zu den Seltsamkeiten der Politik, dass der Wahlkampfbetrieb keinerlei Rücksicht darauf nimmt, welches Amt ein Kandidat anstrebt. Jeder Bewerber muss unbedingte Volksnähe unter Beweis stellen – egal, ob er Gemeinderat in Tschanigraben werden will (wo ein kumpelhafter Umgangston sicher nicht schadet) oder Mitglied eines rund 750 Köpfe zählenden EU-Gremiums, in dem außer zufälligen Begegnungen mit dem Reinigungspersonal so gut wie keine Bürgerkontakte stattfinden.

Das Bad in der Menge muss also sein. Othmar Karas hat sich für seinen Auftritt den Wiener Naschmarkt ausgesucht und erscheint mit extra großem Tross. Etwa ein Dutzend Mitarbeiter sind dabei, außerdem Vertreter von Wirtschaftsbund und Wiener ÖVP. Zum Glück haben auch etliche Journalisten das Termin-Aviso auf Karas‘ Website gelesen. Auftritte wie dieser bringen nur etwas, wenn die Bilder des leutseligen Mandatars anschließend in den Medien zu sehen sind. Wegen ein paar Wählern, die eventuell dem Live-Charme des Kandidaten verfallen, würde sich keine Partei diesen Stress antun.

„Geht’s euch gut?“
Statt des üblichen dunklen Anzugs trägt Karas heute Jeans und einen schwarzen Sweater. Nur wer genau hinschaut, erkennt, dass die Verkleidung offenbar in aller Eile vonstatten ging. Unter der Jacke blitzen die Manschettenknöpfe des weißen Hemdes hervor. „Geht’s euch gut?“, fragt Karas strahlend in die Menge: „Mir geht es sehr gut.“

Der Herr Vizepräsident gilt gemeinhin als hölzern, aber das Anquatschen von Wildfremden fällt ihm erstaunlich leicht. Ein rumänischer Arbeiter lässt sich von Karas erklären, wie das Wählen mit Wahlkarte funktioniert. Ein Schweizer Ehepaar im Restaurant „La Marée“ erfährt, dass es für die Schweiz überhaupt kein Aufwand wäre, endlich der EU beizutreten. Der erste Österreicher auf dem Weg ist zugleich der erste Spielverderber. „Unsere Demokratie ist eine Demokratur“, schimpft der Mann. Karas hört ihm so lange zu, dass der Begleittross ganz zappelig wird. „Wir sind alle nur Menschen und machen Fehler. Ich bemühe mich, es besser zu machen“, sagt er schließlich. Das ist, gemessen an den Standards solcher Wahlkampfaktionen, bemerkenswert ehrlich.

Anders als Othmar Karas muss Eugen Freund ziemlich oft unters Volk. Allerdings achtet die Kampagnenleitung darauf, dass der Kandidat bei seinen Ausflügen nicht zu viele Menschen trifft. Es geht ja, wie gesagt, mehr um die Symbolik. Einmal durchpfügt der Tross den morgens um halb zehn Uhr fast leeren Meiselmarkt, am frühen Dienstag Nachmittag der Vorwoche hat sich die SPÖ vor der U-Bahnstation Pilgramgasse im vierten Wiener Gemeindebezirk postiert. Eugen Freund trägt wieder sein beiges Lieblingssakko, in dem er aussieht wie ein Universitätsprofessor für amerikanische Literatur. Er verteilt Flyer und Kugelschreiber, schafft es aber nur in wenigen Fällen, Passanten in ein Gespräch zu verwickeln. Die Leute haben es eilig, und man sieht Freund an, dass er sich selber nicht wohlfühlt. Endlich erbarmt sich ein junger Mann. Er will zwar auch nicht lange diskutieren, aber wenigstens ein Autogramm und ein gemeinsames Foto mit der einstigen ORF-Größe. „Nicht vergessen, der 25. Mai“, sagt Freund. „Nein, das ist fix, versprochen“, sagt der Fan. Leider sind nicht alle so gut drauf. Eine junge Frau verweigert das Wahlkampfmaterial brüsk: „Wichtiger als der Kuli wäre endlich eine gescheite Politik.“ Der Kandidat ist perplex: „Ja, genau“, sagt er: „Das stimmt.“

Ist es nicht schrecklich, so in der Gegend herumzustehen und sich Unbekannten aufzudrängen? Gar nicht, behauptet Freund: „Ich bin ja ein geselliger Mensch, und ich wurde früher auch schon häufig auf der Straße angesprochen.“

Weder Karas noch Freund können etwas dafür, dass ihre Parteien die EU-Wahl eigentlich nicht ernst nehmen. Es geht nicht um politische Ideen oder gar eine Vision für Europa. Es geht nur um das innenpolitische Gerangel, und darum, wieder einmal einen Sieger zu ermitteln. Ist die Schlacht geschlagen, werden Othmar Karas und Eugen Freund ihre Ruhe haben. In Brüssel erwartet keiner, dass sie gute Laune verbreiten.