Felix Mitterer: „Bürgerkinder haben es schwerer“

Felix Mitterer im profil-Gespräch: „Komödie ist das Schwierigste überhaupt.“

Felix Mitterer im profil-Gespräch: „Komödie ist das Schwierigste überhaupt.“

Der Autor Felix Mitterer über seine Kindheit in einer Landarbeiter-Familie, seinen Respekt vor Komödien und die Xenophobie in Österreich.

profil: Herr Mitterer, warum hat es Sie als Tiroler in das niederösterreichische Weinviertel verschlagen? Es gibt kaum unterschiedlichere Landstriche in Österreich.
Felix Mitterer: Dazwischen war ich ja 15 Jahre in Irland. Ich bin aus mehreren Gründen aus Tirol weg: Wir waren frei, die Tochter wollte Englisch lernen, und mich hat Irland schon immer angezogen. Und meine sogenannte Popularität in Tirol – so sehr sie mich freute – hatte auch dazu geführt, dass ich keine Ruhe mehr hatte und kaum noch zum Schreiben gekommen bin. Kurz zuvor war ja die „Piefke-Saga“ erschienen, und danach musste ich immer zu allem etwas sagen und eine Meinung haben. Aber ich weiß ja auch nicht mehr als andere.

profil: Und in den Weiten des Weinviertels ist das anders?
Mitterer: Ja. Meine Tochter kann außerdem von Wien herauspendeln, und wenn man im Herbst durchs Wein- und Waldviertel fährt, glaubt man ohnehin, man sei in Irland.
profil: Gottfried Helnwein, Christoph Ransmayr, Felix Mitterer – warum zieht es so viele österreichische Künstler nach Irland?
Mitterer: Ein Grund war sicher, dass wir als Künstler in Irland keine Einkommensteuer bezahlt haben. Man musste nur den Wert der künstlerischen Arbeit nachweisen. Ich muss aber dazu sagen: Ich hab das gar nicht gewusst, als wir beschlossen haben, nach Irland zu gehen.


Ich muss mich abkapseln, weil das Schreiben so hohe Konzentration erfordert. Darum schreibe ich in der Nacht

profil: Ein angenehmer Nebeneffekt.
Mitterer: Sehr angenehm, weil so bombensicher ist das Einkommen eines Schriftstellers, Malers oder Komponisten nicht. Das kann rasch ein Ende haben.
profil: Es gibt auch viele berühmte irische Autoren. Hat das mit dem Regen und der Ruhe dort zu tun?
Mitterer: Das stimmt sicher zum Teil. Was soll man in den langen Wintermonaten sonst tun, als ins Pub zu gehen oder zu arbeiten? Allerdings muss man bedenken, dass viele irische Schriftsteller schon sehr früh weggingen – James Joyce, Samuel Beckett, Oscar Wilde etwa.

profil: Sind Sie sehr zurückgezogen, wenn Sie schreiben?
Mitterer: Ich muss mich abkapseln, weil das Schreiben so hohe Konzentration erfordert. Darum schreibe ich in der Nacht. Heute habe ich auch bis sechs Uhr früh geschrieben.
profil: Und wann schlafen Sie?
Mitterer: Ich schlaf halt dann bis Mittag. In Irland hab ich mir gerne um sechs Uhr früh das ORF-Wetterpanorama auf 3sat angeschaut. Auf der Zugspitze gab es eine Hütte, da ist immer, wenn die Kamera darüberschwenkte, ein Mann herausgekommen und hat mir gewinkt.

profil: Viele österreichische Autoren kommen aus sehr einfachen Verhältnissen: Peter Turrini, Peter Handke, Franz Innerhofer. Ihre Eltern waren Landarbeiter. Ist diese Herkunft ein Vorteil für einen Schreiber?
Mitterer: Ich hab sie immer als Vorteil gesehen. Bürgerkinder haben es viel schwerer.
profil: Aber die bekommen die Sprache mit.
Mitterer: Ich hab mehr mitbekommen. Meine Adoptivmutter war eine sehr jähzornige, wilde Frau, vor allem, wenn sie sich mit dem jeweiligen Bauern zerstritten hatte. Dann sind wir auf einen anderen Hof weitergezogen. Meine Mutter fand immer wieder Arbeit, weil sie gut mit den Kühen umgehen konnte. Nach einem Jahr hat sie sich dort wieder zerstritten, und wir sind weitergezogen.


Ich hab mich nie als Schreiber gesehen, der mit dem Schreiben sein eigenes Leben bewältigen will

profil: Und ihr Adoptivvater?
Mitterer: Der ist immer mitgegangen, er war ein ganz ruhiger und sanfter Mensch. Ich habe ihn über alles geliebt, aber er hatte eine unselige Leidenschaft: das Kartenspiel. Er hat oft verloren, und während meine Mutter im Sommer auf der Alm über Kitzbühel oder Kirchberg war, hat er sich manchmal den Lohn für sie beim Bauern geholt und ihn verspielt. Das hat sie sehr verbittert, weil sie eisern sparte. Sie wollte unbedingt einmal ein eigenes Häuschen haben.

profil: Hat sie es geschafft?
Mitterer: Ja, um 1960 hat sie in Kirchberg ein sumpfiges Grundstück am Waldrand gekauft und mit einem Bausparvertrag und Nachbarschaftshilfe begonnen, alles herzurichten. Mein Adoptivvater wurde später Straßenkehrer in Kitzbühel, weil sie draufgekommen sind, dass viele Bauern sie nicht bei der Sozialversicherung angemeldet hatten und sie daher nur eine sehr kleine Rente bekamen. Meine Adoptivmutter hat in Pensionen geputzt.

profil: Franz Innerhofer hat sich in seinen Romanen vor allem mit seinem Schicksal als unehelicher Sohn einer Magd beschäftigt. Sie haben erst gar nicht damit begonnen, über Ihre Kindheit zu schreiben. Warum?
Mitterer: Ich habe Innerhofer immer sehr bewundert, dass er das zusammengebracht hat. Ich konnte darüber nicht schreiben, bevor ich selbst damit fertigwurde. Ich hab mich aber auch nie als Schreiber gesehen, der mit dem Schreiben sein eigenes Leben bewältigen will. Es war mir immer ein Bedürfnis, Geschichten zu schreiben – aber nicht über mich.


Komödie ist das Schwierigste überhaupt, die „Piefke-Saga“ war ja eher eine Realsatire

profil: Mit Ausnahme der „Piefke-Saga“ haben diese Geschichten meist tragischen Inhalt. Spiegelt das Ihre Gefühlswelt wider?
Mitterer: Nein, überhaupt nicht. Mich haben einmal zwei ältere Damen in Tirol angesprochen und gemeint: „Ach, sind Sie ein armer Mensch, Sie schreiben immer so furchtbar tragische Stücke.“ Ich sagte: „Nein, nein, ich bin ein sehr froher Mensch. Ich heiße sogar Felix und bin glücklich, weil ich das erreicht habe, was ich mir seit meiner Kindheit gewünscht habe.“

profil: Warum schreiben Sie dann nicht öfter Lustiges?
Mitterer: Ich tue mir schwer mit Komödien. Komödie ist das Schwierigste überhaupt, die „Piefke-Saga“ war ja eher eine Realsatire. Fritz Muliar wünschte sich Jahre nach „Sibirien“, in dem es um den Kampf eines alten Mannes um würdevolles Sterben ging, wieder so ein Stück von mir. Ich sagte: „Nein, ich schreib jetzt eine Komödie, und ich will in die Kammerspiele.“ Hat er gesagt: „Na gut.“
profil: Und was ist daraus geworden?
Mitterer: „Der Panther“ hieß das Stück. Ich hab mich irgendwie durchgewurstelt. Dann schick ich dem Muliar den Text, er ruft mich zurück und sagt: „Was ist denn da komisch dran? Aber keine Angst, das mach ma schon.“ Gott sei Dank haben dann Elfriede Ott und er das Stück gerettet.

profil: In den vergangenen Jahren hatten Sie großen Erfolg mit zwei Stücken, die sich mit der Nazi-Zeit beschäftigen: „Jägerstätter“ und „Der Boxer“. Wird uns diese Zeit noch lange beschäftigen?
Mitterer: Mich, Jahrgang 1948, wird sie bis zu meinem Lebensende beschäftigen. Begonnen hatte es 1998 mit „In der Löwengrube“ mit Erwin Steinhauer. Da ging es um den jüdischen Schauspieler Leo Reuss, der in Berlin 1933 Auftrittsverbot bekam und dann in Österreich als arisches Naturtalent Kaspar Brandhofer aus Tirol Triumphe feierte.
profil: Auf den fiel sogar Max Reinhardt herein.
Mitterer: Ja, bei dem hatte Brandhofer vorgesprochen. Das Thema hat geradezu nach einem Stück geschrien, weil es den Rassenwahn so lächerlich macht. Den Jägerstätter hat mir dann der Gregor Bloéb vorgeschlagen.


Sobald die Österreicher mit den Flüchtlingen persönlich zusammenkommen, wenn sie den Menschen begegnen und ihre Geschichte erfahren, löst sich die Angst ohnehin auf

profil: Interessieren Sie authentische Stoffe mehr als reine Fiktion?
Mitterer: Ich beschäftige mich gern mit historischen Stoffen, weil ich dabei etwas lerne, obwohl man natürlich eingeengt ist – auch dramaturgisch: Die Figuren können nicht tun, was sie wollen.
profil: Und im KZ gibt es kein Happy End. Werden diese Stoffe künftige Generationen noch interessieren?
Mitterer: Leider kann man inzwischen im Internet eine gewisse Mythologisierung der NS-Zeit feststellen – auch in den USA. Da spielt die Faszination des Todes mit.

profil: In Österreich ist Xenophobie sehr leicht abrufbar. Warum ist das so?
Mitterer: Weil die Leute Angst haben. Die Bürgermeister und Bezirkshauptleute sollten halt nicht gleich jedem populistischen Zuruf nachgeben. Sobald die Österreicher mit den Flüchtlingen persönlich zusammenkommen, wenn sie den Menschen begegnen und ihre Geschichte erfahren, löst sich die Angst ohnehin auf. Darum bin ich für die Aufteilung der Flüchtlinge. Schade, dass man sich auch in der EU nicht darauf einigen kann.
profil: Warum ist der Rechtpopulismus bei uns noch erfolgreicher als anderswo?
Mitterer: Es ist ein Versagen unserer Politik, weil immer öfter auch die anderen Parteien das nachbeten.

profil: Ist das politische Personal bei uns schlechter geworden?
Mitterer: Ich bin 1995 nach Irland gegangen und habe von der österreichischen Politik nicht viel gehört. Den Haider-Aufstieg habe ich natürlich mitbekommen und ganz schrecklich gefunden, und ich habe dann auch ein Stück über den Briefbomber Franz Fuchs geschrieben. Ich selbst bin ein Kind der Kreisky-Zeit und war ein großer Kreisky-Bewunderer, bis er uns Zwentendorf antun wollte. Er wird für seinen Sager heftig kritisiert, dass ihm ein paar Milliarden mehr an Schulden weniger schlaflose Nächte bereiten als ein paar Hunderttausend Arbeitslose mehr. Dabei ist der Satz richtig und hochaktuell. Ich bin nicht dafür, dass man den griechischen Pensionisten jetzt noch einmal 30 oder 40 Prozent wegnimmt.

profil: In Tirol hatten Sie mit Landeshauptmann Wallnöfer ja auch eine dominante Politikerpersönlichkeit vor Augen.
Mitterer: Der hatte auf seinem Wahlplakat stehen: „Tirol – das Verkehrskreuz der Alpen“. Damit würde er heute nicht mehr durchkommen. Aber Wallnöfer hat sich nach jedem Sonntagsgottesdienst in Barwies in seine Stube gesetzt, draußen auf der Hausbank haben die Bittsteller gewartet und der Reihe nach ihre Anliegen vortragen. Und er sagte: „Das mach ma so.“ Oder: „Das mach ma nicht.“ Ob das gesetzlich gedeckt war, war ihm völlig egal.
profil: Vielleicht würde das heute nicht mehr funktionieren.
Mitterer: Stimmt. Da hätte er schon drei Untersuchungsausschüsse am Hals. Aber ähnliche Typen gibt es noch. Jetzt sitzen wir hier in Radlbrunn, wo Erwin Pröll wohnt. Ich bin Ende 2010 ins Weinviertel gekommen. Im Dezember hat mich Pröll zu einem Fest hier im Brandlhof eingeladen, draußen war Tiefschnee, und da saßen der Peter Turrini, der Erwin Wurm, der Michael Haneke und viele andere. Ich bin unglaublich herzlich aufgenommen worden. Da hab ich gestaunt. Der Pröll ist ein Künstlerliebhaber.


Ich drück mich wahnsinnig gern vor der Arbeit. Schön wird es erst, wenn man im Schreiben drinnen ist und es läuft. Das macht glücklich

profil: Sie sind ja ein Vielschreiber, oft sind es pro Jahr drei Stücke, zwei „Tatort“-Drehbücher und ein Kinderbuch. Fällt Ihnen das Schreiben so leicht?
Mitterer: Freut mich, wenn dieser Eindruck entsteht, aber er stimmt leider nicht. Ich habe zum Beispiel gestern ein Ultimatum des ORF bekommen, weil ich ein vereinbartes Drehbuch nicht und nicht abliefere. In diesem Sommer hätte schon gedreht werden sollen, und ich tu nicht weiter. Ich drück mich wahnsinnig gern vor der Arbeit. Schön wird es erst, wenn man im Schreiben drinnen ist und es läuft. Das macht glücklich.

profil: Sie haben in Ihrem ersten Stück „Kein Platz für Idioten“ die Hauptrolle und zuletzt vor zwei Jahren den Affen in Kafkas „Bericht an eine Akademie“ gespielt und dazwischen kaum etwas. Warum eigentlich nicht?
Mitterer: Ich bin ja ein Laie. Nach „Kein Platz für Idioten“ ging ich mit denselben Gesten und dem verzogenen Mund – ich spielte in dem Stück einen Behinderten – über die Ringstraße. Das macht der Laie, für den Profi ist es vorbei, wenn der Vorhang fällt. Und dann bekam ich plötzlich Angebote. Im Hamburger Schauspielhaus hätte ich sogar Ibsen spielen sollen.

profil: Das hat Sie nicht gereizt?
Mitterer: Ich habe denen gesagt: „Liebe Leute, ich habe keine Ausbildung, ich kann nicht einmal Hochdeutsch.“ Haben die gemeint: „Ist egal, ist eh ein norwegisches Stück.“ Bei den Tiroler Volksschauspielen in Telfs hab ich einmal unter der Regie von Ruth Drexel gespielt und einmal unter Dietmar Schönherr und dabei gemerkt, wie leicht sich zum Beispiel ein Hans Brenner tut und wie blutig ich mich abrackern muss und wie ich mich aufrege. Jedesmal bin ich hinter der Bühne gestanden und habe mich gefragt: Warum tu ich mir das an? Jetzt muss ich da raus und den Kasperl machen. Wenn ich gespielt habe, bin ich auch nicht mehr zum Schreiben gekommen.


Aber dann kam die Ukraine, und ich dachte mir: Na, jetzt ist es nicht mehr lustig

profil: Sie wollten ja auch einmal eine Russen-Saga schreiben, ähnlich der „Piefke-Saga“. Ist das abgeblasen, weil jetzt nicht mehr so viele Russen kommen?
Mitterer: Auf die Idee bin ich in Ischgl gekommen: Der Sattmann aus der „Piefke-Saga“ kommt nach Tirol, und vor ihm steht eine russische Großfamilie und wird viel bevorzugter behandelt als er selbst. Hinter der Rezeption steht eine Dame aus der ehemaligen DDR und kanzelt ihn ab. Und im Restaurant muss er sich auf der russischen Speisekarte sein Schnitzel suchen.
profil: Die erste Folge ist ja offenbar schon fast fertig.
Mitterer: Aber dann kam die Ukraine, und ich dachte mir: Na, jetzt ist es nicht mehr lustig. Darum hab ich das zur Seite gelegt.

profil: In ein paar Jahren könnten Sie vielleicht eine Chinesen-Saga schreiben.
Mitterer: So hatte ich es ja geplant: Am Schluss der Russen-Saga steht eine Chinesenfamilie ober dem Dorf und sagt: „Mei, ist das klein. Aber nehmen tun wir’s trotzdem.“

Zur Person: Felix Mitterer, 67. Die Werkliste des gebürtigen Tirolers ist an Vielfalt nur schwer zu übertreffen: Die legendäre „Piefke-Saga“ findet sich dort ebenso wie „Sibirien“, „Jägerstätter“ und zuletzt „Der Boxer“. Für inzwischen zwölf „Tatort“-Folgen hat Mitterer das Drehbuch geschrieben. Nach 15 Jahren in Irland lebt er seit 2011 im Weinviertel.