Finanzminister Hans Jörg Schelling ist das Gegenteil seines Vorgängers

Finanzminister Hans Jörg Schelling ist das Gegenteil seines Vorgängers

Der neue Finanzminister ist in jeder Hinsicht das Gegenteil seines Vorgängers: Hans Jörg Schelling war Topmanager, sprüht vor Energie und ist politischer Quereinsteiger. Damit punktet er - daran kann der großartige Selbstvermarkter aber auch scheitern.

Kaum 24 Stunden im Amt, muss sich der neue Finanzminister schon mit den kniffligsten Problemen der Republik herumschlagen. Hans Jörg Schelling hat vergangenen Dienstag gerade auf der Regierungsbank im Nationalrat Platz genommen, als die erste parlamentarische Anfrage an ihn eintrudelt: "Betreff: Briefmarkenschätze der Post.“ Der SPÖ-Abgeordnete Franz Kirchgatterer hebt an: "Die Sondermarken der Post sind weltweit für ihre Schönheit und Qualität bekannt, nicht nur bei Philatelisten.“ Seit dem Jahr 1850 wurden all diese Briefmarken archiviert und gelagert, schreibt Kirchgatterer, um dann detailliert Auskunft zu begehren: Wurden Briefmarkenschätze verkauft - und wenn ja, wie viele? Sind Verkäufe geplant? An wen? Welche? Warum?

Für Schelling waren diese Feinspitz-Fragen ein kleiner Vorgeschmack darauf, was im neuen Amt auf ihn zukommt: Er ist künftig Minister-für-eh-alles.

Selbstbewusst, energiegeladen, kenntnisreich
Zumindest in seinen ersten Auftritten vermittelte Schelling durchaus den Eindruck, als könnte er dieser Herkulesaufgabe gewachsen sein. Souverän und mit einer Prise trockenen Humors stellte sich der ehemalige Topmanager vergangenen Mittwoch den Journalisten, parlierte kenntnisreich über Konjunkturprobleme, Hypo-Schlamassel, Steuerlast und sonstige Widrigkeiten - ganz ohne Spickzettel oder hilfesuchenden Blick zu den Sektionschefs. Nach dem zaghaften, stets irgendwie erschöpft wirkenden Michael Spindelegger ist Hans Jörg Schelling auf jeden Fall eine angenehme Abwechslung. Der gebürtige Vorarlberger ist selbstbewusst, energiegeladen und scheint es kaum erwarten zu können, endlich mit der Arbeit zu beginnen. Er wolle "wie in der Wirtschaft Dinge schnell angehen“, erklärte er - auch das ewige Frustthema Verwaltungsreform.

Dabei hatte Schelling mehrfach kundgetan, keinesfalls Berufspolitiker werden zu wollen. Noch im April dieses Jahres sagte er in einem Interview mit dem Wirtschaftsmagazin "trend“, es sei kein Zufall, dass viele Quereinsteiger in der Politik scheiterten. "‚Müssten wir, könnten wir, täten wir’: Das sind dort die Hauptkategorien. Als gelernter Unternehmer bin ich diese Art von Arbeit einfach nicht gewohnt.“

Der Abgrund zwischen Wirtschaft und Spitzenpolitik
Warum Schelling das jetzt plötzlich anders sieht, konnte er bisher nicht schlüssig begründen. Denn eigentlich stimmte seine Diagnose: Wirtschaft funktioniert nach völlig anderen Regeln als die Spitzenpolitik. Ein Manager kann Befehle erteilen, ein Politiker muss Allianzen schmieden und damit leben, dass er nie genau das bekommt, was er wollte. Welcher Abgrund zwischen diesen beiden Professionen liegt, bewies zuletzt Frank Stronach. Der Magna-Gründer wurde als Parteichef die Lachnummer des Nationalratswahlkampfs 2013. Gleich nach der Wahl verzog er sich beleidigt nach Kanada.

So krachend wird Schelling nicht scheitern. Aber für den neuen ÖVP-Chef Reinhold Mitterlehner ist diese Personalentscheidung durchaus ein Risiko. Quereinsteiger gelten in jeder Partei nur so lange als erfrischend, wie sie sich an die Spielregeln halten. Danach wird es kompliziert.

Schelling, der Marketingfachmann
Es hilft wahrscheinlich, dass Schelling ein ausgewiesener Marketingfachmann ist - und zwar auch in eigener Sache. Bis zu seiner Kür zum Minister agierte er als Chef des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger. Eine PR-Agentur war dafür zuständig, mehrmals pro Monat Termine mit Chefredakteuren zu arrangieren, bei denen sich Schelling als Anpacker in Szene setzte. Das sorgte für eine gute Nachrede. Schelling galt bald als Sanierer der einst maroden Krankenkassen und als Starthelfer der Gesundheitsreform. Beides stimmt - allerdings hatte der Herr Präsident tatkräftige Unterstützung in Gestalt von Gesundheitsminister Alois Stöger und vor allem der Steuerzahler. Der neu gegründete Kassenstrukturfonds steuerte ab 2009 jährlich 100 Millionen Euro bei; in drei Tranchen wurden zudem je 150 Millionen Euro an Sonderbudget überwiesen.

Sogar die eigene Geburt kann Schelling, wenn es sein muss, als höchstpersönliche Glanzleistung verkaufen. "Eigentlich war das schon einer der größten Erfolge meines Lebens, dass ich es unter solchen Umständen überhaupt auf die Welt geschafft habe“, sagte er im Buch "Die Spur der Sieger. 29 Top-Erfolgreiche verraten ihre Geheimnisse“1). Damals, am 27. Dezember 1953, war der Schneefall derart dicht gewesen, dass es das Rettungsauto nicht ins Vorarlberger Bergdorf auf 1200 Meter Seehöhe schaffte. Also packte Vater Schelling die hochschwangere Mutter auf einen Schlitten und rodelte ins Tal nach Hohenems. Johann Georg (wie Schelling laut Taufschein heißt) kam im dortigen Spital zur Welt.

Frühe Suche nach der größten Kartoffel
Erste Erfahrungen mit der Welt des Finanzausgleichs will er schon früh gemacht haben. Der Vater, ein Volksschuldirektor, erhielt neben seinem Direktorengehalt noch Naturalien - vor allem Brennholz und einen Acker, auf dem Gemüse angebaut wurde. Als Bub sei es ihm darum gegangen, die größte Kartoffel zu finden, erzählt Schelling. "Das war beim Ernten für mich immer das oberste Ziel.“ Den Küchendienst am Sonntag verkaufte er regelmäßig an eine der beiden Schwestern. "Das kostete mich zwar fünf Schilling, aber ich wollte das partout nicht machen.“ Bis heute feilsche er auch am Grünmarkt um Rabatte: "Das Handeln macht mir halt riesigen Spaß.“

Das trockene Jus-Studium erfüllte ihn weniger. Er legte es nach wenigen Semestern ad acta, schloss dafür in der Rekordzeit von acht Semestern Betriebswirtschaft ab und werkte, neben Jobs als Tankwart, Dachdecker und Portier, als Uni-Assistent von Ernest Kulhavy, jenem legendären Linzer Professor, bei dem auch Christoph Leitl (heute Wirtschaftskammer-Präsident) und Ludwig Scharinger (später Chef von Raiffeisen Oberösterreich) studierten.

Erfolgsstory Lutz
Gleich nach der Dissertation ("Möglichkeiten zur Förderung des Exports von Klein- und Mittelbetrieben“) heuerte Schelling 1981 als Assistent der Geschäftsleitung bei der Leiner-Kika-Möbelhandelsgruppe an, 1988 stieg er selbst in die Geschäftsführung auf. Bald darauf zerkrachte er sich mit dem damaligen Vorstandsvorsitzenden Herbert Koch und verließ das Unternehmen. Der Branche blieb er treu. 1992 ging Schelling zum damals vergleichsweise kleinen Mitbewerber Lutz, der es zu diesem Zeitpunkt auf rund 170 Millionen Euro Jahresumsatz brachte. Zehn Jahre später war Lutz mit einem Umsatz von 1,25 Milliarden das größte Möbelhaus Österreichs. Seit ein paar Jahren gilt der Konzern hinter Ikea als zweitgrößte Möbelkette der Welt. Wer sich heute beim Fernsehen über den gefühlt millionsten Spot der "Familie Putz“ ärgert, kann sich beim Herrn Finanzminister bedanken. Die Erfindung der nervigen Sippschaft fällt ebenso in seine Amtszeit wie die Umbenennung des Unternehmens in XXXLutz.

Von Anfang an war Schelling mit zwölf Prozent am Unternehmen beteiligt gewesen. Ab 2005 verkaufte er diese Anteile nach und nach. Wie viel er insgesamt damit verdiente, blieb geheim. Ein zweistelliger Millionenbetrag dürfte es jedenfalls gewesen sein. Nach seinem Ausstieg aus dem Möbelgeschäft 2009 hatte Schelling jedenfalls genug Geld, um beruflich kürzer zu treten. Er pachtete ein Weingut und kelterte Veltliner, spielte Golf und kochte für Freunde - besonders gern "Dialog von Rinds- und Schweinslungenbraten“. Mit 60 sei er nun in einem Alter, in dem er sich auf die Pension vorbereiten könne, erzählte er noch vor ein paar Monaten.

Arbeit ohne Staatssekretär
Stattdessen sitzt er nun im Finanzministerium, wo die Stolpergefahr besonders hoch ist - schon wegen des enormen Zeitaufwandes: Die Treffen der Finanzminister sind nach den Gipfeln der Regierungschefs das wichtigste Entscheidungsgremium auf EU-Ebene. Im heimischen Parlament gehen die Hälfte aller Dringlichen Anfragen an den Finanzminister, für 40 Prozent aller parlamentarischen Vorlagen ist das Finanzministerium zuständig. Schelling ist seit Hannes Androsch der erste Ressortchef, der sich nicht von einem Staatssekretär vertreten lassen kann - und damals, in den 1970er-Jahren, war Österreich noch nicht EU-Mitglied. "Ein Terminkalender eines Finanzministers, der keinen Staatssekretär hat, ist eine echte Herausforderung“, sagt Christoph Matznetter, früher Staatssekretär im Finanzministerium.

Schelling ist seit Jahren Vizepräsident der Wirtschaftskammer, kennt die Scharmützel in der Sozialpartnerschaft also zur Genüge. Mit der Parteipolitik hat er wenig Erfahrung. Zwei Einsätze als ÖVP-Mandatar waren kurz und eher ernüchternd. "Bei Brader werden die Sektkorken knallen, weil er einen Mitbewerber abserviert hat“, mutmaßte Schelling etwa im Dezember 2004, als er nach drei Jahren als Stadtrat in St. Pölten seinen Rücktritt erklärte. Nicht die rote Übermacht im Rathaus hatte ihn demoralisiert, sondern der innerparteiliche Zwist mit VP-Vizebürgermeister Alfred Brader. Dieser will sich heute nur an "sachbezogene Auseinandersetzungen“ erinnern, eine persönliche Feindschaft habe es nicht gegeben. "Hans Jörg Schelling ist nicht intrigant“, sagt Brader: "Er hat mit offenem Visier gekämpft. Aber wir waren halt nicht immer einer Meinung.“

Grünen-Lob für Schelling
Silvia Buschenreiter, damals Grünen-Chefin in der niederösterreichischen Landeshauptstadt, erinnert sich gerne an die Schelling-Jahre. "Wir haben sogar überlegt, ob wir mit Schwarz-Grün die rote Mehrheit herausfordern. Das ist dann leider am Rest der ÖVP gescheitert. Denen war Hans Jörg Schelling zu ehrgeizig.“ Insgesamt habe die Stadt allen Grund, dem neuen Finanzminister nachträglich dankbar zu sein, findet sie: "Schelling hat federführend die Übertragung des städtischen Krankenhauses an das Land verhandelt. Das war sehr wichtig für die Stadt.“ Etwas später traf Buschenreiter den Ex-Kollegen in der Wirtschaftskammer wieder. Mit Staunen beobachtete sie, wie unverdrossen er um eine Reform der Strukturen kämpfte. "Es ging damals um die Zusammenlegung dieser vielen kleinen, albernen Fachgruppen. Das war eine unglaublich mühsame, unbedankte Arbeit. Aber er hat nicht aufgegeben.“

Zwischendurch hatte es Schelling auch im Parlament versucht. Von Februar 2007 bis Oktober 2008 saß er im Nationalrat - und wurde, wie viele Neulinge vom Hohen Haus, regelrecht verschluckt. Die wichtigen Debatten fanden ohne ihn statt, für den Anfänger blieb nur Kleinkram. Im Parlamentsarchiv lagert etwa eine von Schelling initiierte Anfrage, die so beginnt: "Ist es richtig, dass die ÖBB-Haltestelle Schildberg bei Böheimkirchen geschlossen werden soll?“

Schelling kann nun zeigen, dass er mit größeren Aufgaben zurechtkommt. Und er wird wohl auch darum kämpfen müssen, im übercoachten Politikbetrieb einen eigenen Stil zu behalten. Dazu gehört seit 40 Jahren der Schnurrbart. Erste Versuche, den Minister zur Rasur zu bewegen, gab es bereits. Bisher blieb Schelling standhaft. "Das wird eine Lebensaufgabe“, seufzt eine Beraterin. ■