Frank Stronach und das Projekt Heilsleere

Frank Stronach irrlichtert durch den Wahlkampf und hat richtig Spaß daran – solange ihm niemand widerspricht. Rosemarie Schwaiger über Österreichs bisher seltsamsten Parteigründer und seine Fangemeinde.

Politik kann ein furchtbar mühsames Geschäft sein. Da ist einer angetreten, um nicht weniger als das ganze Land zu retten. Und nun sitzt er in einem fensterlosen Saal, einen Haufen Zettel vor sich, und soll kindische Fragen beantworten. Ob er, Stronach, immer alle Steuergesetze eingehalten habe, fragt ein Journalist. „Ich weiß, dass ich mehr Steuern bezahle als alle anderen Parlamentarier zusammen.“ Der nächste Störenfried will wissen, woher eigentlich die 25 Millionen Euro kommen, die der Milliardär in den laufenden Wahlkampf investiert – da er doch nach eigenen Angaben in Österreich netto nur 19 Millionen verdient hat. „Wen geht das etwas an?“, ereifert sich Stronach: „Das ist mein Geld.“

Am Donnerstag vormittag vergangener Woche hatte Frank Stronach zur Pressekonferenz in ein Wiener Nobelhotel geladen, um allfällige Missverständnisse bezüglich seiner Steuermoral auszuräumen. Das war zumindest der Plan. Allerdings erzählte Stronach dann doch lieber, wie viel Geld er schon im Land investiert hat (vier Milliarden Euro, mindestens), wie viele Arbeitsplätze er quasi vom Himmel fallen ließ (13.000, konservativ gerechnet) und wie dankbar ihm die Republik gefälligst zu sein hätte: „Ich glaube, keine Person, wenn man zurückschaut, hat Österreich so gedient wie ich.“ Nachdem er den Anwesenden auch noch erklärt hatte, dass sie „Gefangene des Systems“ seien, beendete der Gastgeber seinen Auftritt abrupt und einigermaßen ergrimmt.

Dabei ist der Mann eigentlich recht pflegeleicht. Es darf ihm nur niemand widersprechen.

Lasst Frank nur machen
Frank Stronach, bald 81-jähriger Polit-Nachwuchs, ist im Wahlkampf angekommen. Auf vielen hundert Laufmetern hängen goldbraun schimmernde Plakate, die den Partei­gründer in leicht verträumter Denkerpose zeigen. Stronach steht mit verschränkten Armen am Bildrand und blickt ernst, aber zuversichtlich in eine undefinierbare Ferne. Alles wird gut, lautet die Botschaft: Lasst Frank nur machen.
Die Plakate sind optisch gelungen. Doch der Mann auf dem Foto ist leider ein Kunstprodukt. Stronach schaut nicht so aus, und vor allem schaut er nicht so drein. Seine Live-Auftritte in der Öffentlichkeit fallen, höflich ausgedrückt, deutlich weniger vergeistigt aus.

Dafür ist zuverlässig etwas los, wenn der pensionierte Konzerngründer irgendwo seine Aufwartung macht. Ob er wochentags über den Wiener Graben spaziert oder am Samstag Nachmittag durch ein Volksfest: Überall sammeln sich flugs Adoranten und Neugierige, die dem „Fränk“ die Hand schütteln, sich mit ihm fotografieren lassen oder zumindest wissen wollen, ob der Mann in echt auch so lustig klingt wie im Fernsehen. Es erleichtert die Kontaktaufnahme ungemein, dass Stronach keine Berührungsängste kennt – und in seiner Nähe auch keine duldet: „Gehst afoch vorbei an mir, ohne Hallo zum sogn?“, fragt er mitunter, wenn ein Passant grußlos das Weite suchen will. Aber das ist ohnehin die Ausnahme. Deutlich öfter folgt dem ersten Blickkontakt umgehend die Verbrüderung. „I bin der Hans. I wünsch dir alles Gute.“ – „Danke, am 29. September können wir das System ändern.“ Im günstigsten Fall versteht man einander auf einer Ebene, für die Soziologen erst einen Fachbegriff definieren müssten. Auf der einen Seite der Milliardär mit Privatjet, Pferdezucht und üppigem Immobilienbesitz, der das Gefühl hat, er werde trotz seiner Leistungen nicht gebührend gewürdigt. Auf der anderen Seite der heimische Wut-, Frust- und Resignationsbürger, dem es ohne Flugzeug, Pferde und Häuser genauso geht. Scheint eine Marktlücke zu sein.

Für den offiziellen Wahlkampfauftakt am 23. August hatte sich Stronach den Festsaal der Wiener Hofburg ausgesucht. Imperiale Prachtbauten sind immer gut. Auf dicken roten Teppichen, unter Deckenfresken, Stuck und Kronleuchtern fühlt sich jeder sofort um ein paar Steuerklassen aufgewertet. Außerdem wurde hier schon öfter Geschichte geschrieben – zum Beispiel von einer Familie, die ebenfalls der Meinung war, dem Land über die Maßen gedient zu haben.

An diesem Abend zu besichtigen ist ein Querschnitt der österreichischen Gesellschaft: ein paar Jugendliche und viele Pensionisten, Bildungsverweigerer und Abteilungsleiter (gelegentlich wohl auch in einer Person), Menschen in dunklem Tuch und solche in zu engem Stretch. Nur Prominenz sucht man vergeblich, und die ganz Erfolgreichen sind ebenfalls daheim geblieben. Dafür gibt es Leute wie Erich Palmetshofer, 60 plus, unauffällig, neugierig. Der pensionierte Hilfsarbeiter hat sich am hinteren Ende des Festsaals auf ein Treppchen gesetzt und beobachtet das bunte Treiben. „Ich werd’ den Frank nicht wählen“, sagt er gleich vorweg: „Ich wollt’ mir das Ganze bloß einmal anschauen.“ Wählen werde er, wie immer, die SPÖ. „Der Frank kommt mir irgendwie, ich weiß nicht, komisch vor.“ Palmetshofer wird das Fest ein paar Stunden später verlassen und keinen Grund gehabt haben, seine Meinung zu revidieren.
Stronach wechselt seine Berater und Werbefachleute zwar praktisch wöchentlich. Dennoch konnte sich mittlerweile so etwas wie Know-how sammeln. Wie der Chef hinter einigen Fahnenträgern zum Trommelsound von Richard Strauss’ „Zarathustra“ einmarschiert, wirkt schon ziemlich professionell. Als Stronach auf der Bühne steht, ist es mit der durchdachten Dramaturgie aber vorbei. Im Kopf des Spitzenkandidaten scheinen Erinnerungen, Ideen und ein kräftiger Schuss Paranoia munter durcheinanderzupurzeln. Und so, wie er sich das alles denkt, spricht er es aus. Eine Struktur bekommt die Ansprache höchstens dadurch, dass man die Sager schon kennt. „Das Schönste im Leben ist, etwas zu geben, und nicht, etwas zu nehmen.“ – „Wenn du die Hauptschule fertig hast, sollte eine Person eine Steuererklärung ausfüllen können.“ – „Das Leben war unglaublich gut zu mir. Jetzt will ich etwas zurückgeben.“ Teile des Publikums belohnen jeden dieser Evergreens mit Applaus und Gegröhle. Kann es sein, dass die Kunst ausgefeilter Rhetorik in der Politik überschätzt wird?

„Frank? Ich glaube, das geht nicht“
Danach hat Stronach offenbar gut geschlafen. Denn am nächsten Tag wirkt er fit und unternehmungslustig. Auf dem Programm steht ein Rundgang durch den Neustifter Kirtag, eine Traditionsveranstaltung im Wiener Nobelbezirk Döbling. Stronach hat einen schwarzen Regenschirm dabei, den er – weil dann doch die Sonne scheint – als Spazierstock benützt. Mild lächelnd, ganz der weise Staatenlenker, durchpflügt er die Menschenmassen und hat sich schon nach den ersten fünf Minuten auf den Unterschriftslisten von drei Bürgerinitiativen verewigt. Er ist jetzt hochoffiziell gegen die rege Bautätigkeit im Bezirk. Kann ja nicht schaden.
Stronach genießt das Bad in der Menge erkennbar – obwohl es gelegentlich zweifelhafte Komplimente gibt. „So wie jetzt san Sie mir 100.000 Mal sympathischer ois im Fernsehen“, erklärt ihm eine Passantin strahlend. Stronach lächelt säuerlich. Dazu fällt ihm jetzt gerade auch nix ein. Ein älterer Herr im Casual-Look der Wiener Bürgerbezirke – Flanellhose, kariertes Sakko, Gesundheitsschuhe – möchte gern diskutieren, ob dieses von Grund auf verrottete Land überhaupt zu reformieren ist. „Wie willst du da was ändern, Frank? Ich glaube, das geht nicht. Das ist zu spät.“ Stronach versucht es mit dem Vorschlag, dass nach zwei Legislaturperioden für jeden Politiker automatisch Schluss sein soll. Aber das reicht Anton (man hat sich inzwischen bekannt gemacht) nicht. Zwischen den Herren entspinnt sich ein Gespräch über verlotterte politische Sitten im Allgemeinen und die heimische Schuldenmacherei im Besonderen, dem – ganz wie Stronach das will – in der Tat jeder Grundschulabsolvent problemlos folgen kann. „Gib mir deine Nummer“, sagt der Spitzenkandidat zum Schluss, „ich hol dich als Berater.“ Inge Kukla, Verkäuferin an einem Lederwarenstand, hat längst beschlossen, dass sie Frank wählen wird. „Er kommt mir ehrlich vor.“ Obwohl die Aktion mit dem nackten Oberkörper „ein Blödsinn“ gewesen sei.

Leider hat keiner im Tross daran gedacht, Wahlkampfbroschüren oder ein paar Gimmicks mitzubringen. Kugelschreiber, Autogrammkarten und Ähnliches sind bei solchen Terminen ganz nützlich, um das Ende eines Smalltalks zu markieren. Weil er nichts verschenken kann, wird Stronach manche neuen Freunde etwas zu lange nicht los. Eine besorgniserregend braun gebrannte Frau im grünen Fantasiedirndl will ihm gar nicht mehr von der Seite weichen. Nein, erklärt Bundesgeschäftsführer Ronald Bauer, er kenne die Dame nicht: „Die muss uns zugelaufen sein.“

Ebenso anhänglich ist ein Fotograf der „Kronen Zeitung“. Aufgeregt wie ein junger Hund scharwenzelt er um den Stargast herum, immer auf der Suche nach interessantem Personal für ein Gruppenbild. Rabiat-Kolumnist Michael Jeannée darf ebenso mit Stronach vor die Kamera wie der Promianwalt Josef Wegrostek und der Chef des Heurigen „Zeiler am Hauerweg“. Pflichtschuldig erklärt der Wirt danach, dass er sich unter Umständen vorstellen könnte, Stronach zu wählen. Der Mann verkörpere „Wirtschaftskompetenz in der Praxis“. Eh.

Winfried ist da nicht so überzeugt. Er steht am Mittwoch Nachmittag in der Buchhandlung Frick am Graben und wartet darauf, dass Stronach sein Buch signiert. Allerdings hat Winfried nicht Stronachs Autobiografie dabei, um die es gerade geht, sondern ein Produkt der Konkurrenz: Hannes Androschs jüngstes Werk „Das Ende der Bequemlichkeit“. Androsch sei ihm lieber, erklärt Winfried. „Das ist ein echter Österreicher. Der Stronach ist ja nur zugewandert.“ Im politischen Betrieb kommt es eben immer wieder zu Missverständnissen. Frank Stronach sieht an diesem Nachmittag müde aus. Aber den Trick mit dem falschen Buch durchschaut er gerade noch. Eine Signatur im Androsch-Opus verweigert er; dafür bekommt Winfried das richtige Buch samt Widmung. Stronach hat eine runde, schwungvolle Unterschrift. Normalen Text verfasst er krakelig in Großbuchstaben. „Eine schöne Buchhandlung“, schreibt er in das Frick’sche Gästebuch. Die Chefin freut sich.

Vor einem Jahr konnte man Frank Stronachs spät erwachten politischen Ehrgeiz noch für die originelle Idee eines reichen älteren Herren mit zu viel aufgestautem Sendungsbewusstsein halten. Mittlerweile machte sich das Team Stronach in drei Landesregierungen breit und wird wohl auch in den Nationalrat kommen. Das ist, bei aller Nachsicht mit der Fehleranfälligkeit des allgemeinen Wahlrechts, hinreichend gruselig.
Am Donnerstag Abend sitzt der Spitzenkandidat bei seiner ersten TV-Konfrontation im ORF-Studio und benimmt sich genau so, wie es Politikern dauernd empfohlen wird: authentisch. Noch mehr Stronach pur geht nicht. BZÖ-Obmann Josef Bucher muss sich anhören, dass er im Nationalrat nichts verloren habe. „Ich glaube kaum, dass du eine Stelle finden könntest. Du wärst vielleicht ein guter Koch oder Kellner.“ Fragt ihn Diskussionsleiterin Ingrid Thurnher nach seinen Plänen mit dem Euro, erklärt er ihr, dass Schuldirektoren das Recht haben sollten, die Lehrer auszusuchen. Wird er in seiner Suada unterbrochen, tischt er eine Verschwörungstheorie auf: „Ihr habt Angst, dass die Leute wissen, worum es sich dreht in Österreich.“

Am 29. September könnte das alles vorbei sein. Aber das Risiko ist größer, dass es weitergeht.