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Österreich
07/18/2022

Gas-Stopp, Teuerung, Corona: Was uns in Krisenzeiten stark macht

Gas-Stopp. Teuerung. Corona. Klimakatastrophe. Wie Einzelne und Gesellschaften sich aufstellen müssen, um zu bewältigen, was an Katastrophen und Krisen daherkommt, weiß man. Wann fangen wir endlich damit an, fragt Edith Meinhart.

von Edith Meinhart

Zehn Minuten. So viel lässt Ihnen die Mure Zeit, bevor sie das, was bald Ihr Zuhause gewesen sein wird, fortreißt. Vermutlich wissen Sie nicht, was Sie dann noch schnell einpacken. Katastrophen durchzuspielen ist ungefähr so beliebt, wie ein Testament aufzusetzen, solange man noch bei Kräften und Sinnen ist. Dabei lohnt sich die Mühe der Gewissenserforschung. Was gilt es, vor der Schlammlawine zu retten? Ist es der neue, teure Fernseher? Sind es die Fotos der Kinder, als sie noch klein waren?

Erschöpft vom Auf und Ab der Pandemie, die Ohnmacht und Angst noch im Genick, taumeln wir in die nächsten Krisen. Manche zeichnen sich erst in Konturen ab. Teuerung! Gas-Stopp! Verarmung! Der Klimawandel gewährt keine Verschnaufpause. Waldbrände! Überflutungen! Hagel! Erstaunlich, wie wenig davon die Rede ist, wie wir uns als Einzelne und als Gesellschaft aufstellen können, um all das zu bewältigen.

Katastrophenschutz ist Knochenarbeit. Pläne müssen ausgearbeitet, Kommunikationskanäle getestet, Szenarien geübt werden. Von der krisentauglichen Devise, das Beste zu hoffen und sich gleichzeitig auf das Schlimmste vorzubereiten, findet bloß der erste Teil Anklang. Der zweite fällt regelmäßig unter den Tisch. Dabei macht sich Trockentraining bezahlt. Im Idealfall passieren hier alle denkbaren Fehler, damit man die richtigen Lehren daraus ziehen und sich ihre Wiederholung im Krisenfall sparen kann. So schildert es Gerry Foitik, Bundesrettungskommandant des Roten Kreuzes.

Es könnte der Bereitschaft, sich mit Bedrohungen auseinanderzusetzen, auf die Sprünge helfen, dass uns gerade ein paar Annahmen abhandenkommen, die sich als quasi unverrückbare Tatsachen in vielen Gehirnen eingenistet hatten. Auf einer Insel der Seligen zu leben, zählt dazu. Außerdem die Zuversicht, es würde in Europa "nie wieder Krieg" geben. Und schließlich das wohlige Gefühl, dass unsere Existenzen auf Wohlstand gebettet und gegen Armut und Krankheit abgefedert sind. Unsere Probleme entsprangen der Erste-Welt-Lage, etwa die Sorge, unsere Annehmlichkeiten könnten zu viele Menschen von anderswo anziehen.

Hungern und Frieren schienen für immer gebannt zu sein. Nun lauern sie wieder um die Ecke. Viren, Unwetter und selbst der Krieg schlagen um hochindustrialisierte, westliche Gesellschaften keinen Bogen. So verstörend ist die Einsicht, dass wir sie lieber nicht zu Ende denken. Anders als in östlichen Kulturen, wo unliebsame Veränderungen und Verluste zum Leben gehören, sind wir auf das Steigern aus: mehr Lust, mehr Glück, mehr Geld, mehr Status, mehr Auswahl – tunlichst, ohne dafür in einer Warteschleife zu hängen. Nun platzen reihum die Illusionen.

Ob uns das als Gesellschaft schwächt oder letztlich stärker macht, ist nicht entschieden. Es hängt von jeder und jedem von uns ab. Und es hängt davon ab, was andere tun – oder eben nicht. Barbara Juen ist beim Roten Kreuz für den psychosozialen Bereich zuständig und beruflich seit 20 Jahren mit Katastrophen und ihrer Bewältigung befasst. Sie meint, der harte Aufprall am Boden der Wirklichkeit könnte uns eine notwendige Erschütterung bescheren, "eine Chance, widerstandsfähiger zu werden". Es geht um Resilienz. Unter diesem Terminus werden krisenfeste Eigenschaften in Fachkreisen gehandelt.

Viren, Unwetter und Krieg schlagen um westliche Gesellschaften keinen Bogen. So verstörend ist die Einsicht, dass wir sie lieber nicht zu Ende denken.

Auf politischer Ebene scheint die Dringlichkeit dieses Anliegens noch nicht zu sickern. Munter geht das Hickhack weiter. Wagt es jemand, Tempolimits für Autofahrer in den Raum zu stellen, blafft es von anderer Seite zurück: "Sicher nicht!" Der Bunker für das sogenannte Bundeslagezentrum, wo künftige Krisenstäbe zusammenfinden sollen, wird gebaut. Das Krisensicherheitsgesetz jedoch, das die Regierung vergangenen Herbst ankündigte, verhedderte sich im türkis-grünen Abstimmungsprozess. Es könnte Freiräume für das Improvisieren und für kurze Wege schaffen. Beides braucht es in akuten Krisen. Und es wäre eine Chance, alle Stakeholder einzubinden. Jeder rechtzeitig geknüpfte Kontakt nützt im Ernstfall. Doch die Illusion, dass wir bis dahin noch alle Zeit der Welt haben, ist offenbar besonders langlebig.

Leider fällt die Resilienz nicht vom Himmel. Sie hat Voraussetzungen, die geschaffen werden müssen. Wenn das Wasser steigt oder der Wald Feuer fängt, hält es das Gros der Bevölkerung für ausreichend, so lange im eigenen Nest auszuharren, bis Experten ihnen zu Hilfe eilen. Resiliente Gesellschaften aber zeichnen sich dadurch aus, dass alle in die Gänge kommen. Dass sich reiche Länder damit schwerer tun als ärmere, zeigte sich für Katastrophen-Expertin Juen bei einem EU-Projekt zur Resilienz älterer Menschen. Wenn Dörfer in Bulgarien oder Rumänien, wo der jüngste Bewohner 65 ist, im Hochwasser unterzugehen drohen, rücken alle aus, um Keller und Häuser zu schützen. Anders ginge es nicht. Bis Hilfstrupps an Ort und Stelle eintreffen, dauert es. In Österreich hingegen kommen 65-Jährige wegen ihres vorgerückten Alters für Einsatzorganisationen gar nicht mehr infrage.

Die neurowissenschaftlichen Forschungen sind zu interessant und brauchbar, um sie in die spirituelle Räucherstäbchen-Ecke zu verbannen.

Bürgerinnen und Bürgern, die zupacken, müssen Institutionen zur Seite stehen. Werden sie alleingelassen und scheitern, ziehen sie sich zurück, fallen Verschwörungstheorien oder sogar aggressiver Reaktanz anheim. Für die Krisenbewältigung sind sie dann verloren. Wer wollte, konnte sich in der Pandemie davon überzeugen. Die Dialog-Formate, die nach Ausbruch der Corona-Pandemie auf lokaler und kommunaler Ebene beginnen und sich nach oben hin fortsetzen hätten müssen, fehlen. Gemeinden, die gemeinsam mit der Bevölkerung Bedrohungsszenarien und Evakuierungspläne ausarbeiten, um die ersten Tage nach einem Blackout oder einem Felssturz zu überstehen, muss man mit der Lupe suchen. Eine der wenigen Sicherheiten, die uns bleibt, ist, dass wir in der nächsten Ausnahmelage genauso versagen werden wie in jenen zuvor. Das kostet Lehrgeld, Vertrauen in Institutionen und am Ende vielleicht demokratische Stabilität.

Resilienz hat – nicht zuletzt – mit Kommunikation zu tun. Lange Zeit hielten Krisenmanager sich an die Devise, nicht zu viel zu verraten, um bloß keine Panik auszulösen. Die Erfahrung lehrt jedoch, dass zu wenig zu sagen denselben Effekt haben kann. Inzwischen sollte als Standard gelten: Unwesentliches weglassen, das Wesentliche-etwa Angaben zu Gaslagerständen und Treibstoffreserven-hingegen transparent machen, keine Hinterzimmergespräche, keine Expertenzirkel, aus denen nichts nach außen dringen darf. Bürgerinnen und Bürger, die sich wie Kinder behandelt fühlen, entwickeln die Tendenz, sich so zu verhalten. Und umgekehrt. Je mehr man der Bevölkerung zutraut – und sie entscheiden lässt-, desto versierter wird ihr Umgang mit Schwierigkeiten. Gespräche auf Augenhöhe, Ehrlichkeit, Transparenz wären die mindesten Resilienz-Booster, die eine Regierung beizusteuern hat. Sieht man von dem 2007 vom Radiosender Ö3 und dem Roten Kreuz ins Leben gerufenen "Team Österreich" ab, das europaweit als Vorzeigeprojekt im Katastrophenschutz plus Bürger:innenbeteiligung gilt, sind wir davon weit entfernt. Eine schnöde, materielle Seite hat die Resilienz natürlich auch. Zwei Tage etwa kann das heimische Rote Kreuz bei einem Blackout den Rettungsdienst aufrechterhalten. Danach wird es finster. An Freiwilligen fehle es nicht, heißt es, sondern an Funkgeräten, Notstromversorgung, Transportraum. Der Mangel wäre mit Geld zu beheben. Wie viel ist unsere Widerstandskraft eigentlich wert?

Man könnte die jüngsten Krisen auch in einem freundlichen Licht betrachten. Sowohl in der Flüchtlingsbewegung 2015/16 als auch in der Pandemie und im Ukraine-Krieg erwachte ein "Spontan-Freiwilligentum", das selbst Krisenexpertinnen wie Juen verblüffte. Daraus ließe sich jede Menge lernen. Sogar über die Bedeutung des eigenen Wohlbefindens. "Wellbeing" ist ein Zustand, Resilienz der Weg dorthin, sagt Juen. Die gute Nachricht: Beides kann man trainieren. In den 1970er-Jahren brachen Kinder der Flower-Power-Bewegung nach Tibet auf, um in Klöstern am Fuß des Himalaya zu meditieren und dem Pfad der buddhistischen Erleuchtung zu folgen. Einer dieser Hippies hieß Richard Davidson. Der Dalai Lama habe ihn mit dem Auftrag ausgestattet, die aus Tibet mitgebrachten Erkenntnisse im Labor mit rigorosen wissenschaftlichen Methoden zu prüfen und daraus generiertes, nützliches Wissen zu verbreiten. So erzählt es Davidson, inzwischen ein globaler Star der Gehirnforschung, bei seinen öffentlichen Auftritten.

Weil Richardson – neben anderen – diese Mission ziemlich ernst nahm, kann sich die westliche Welt heute auf empirisch belastbare Studien stützen, die belegen, wie regelmäßige Achtsamkeits- und Mitgefühlsmeditation ("loving kindness") sich auf das neuronale Geschehen im menschlichen Kopf auswirkt. Einschlägige Achtsamkeits-Seminare boomen. Sie werden von Reha-Patienten ebenso gebucht wie von Top-Managern. Schon ätzen Kritiker, diese McMindfulness habe im kapitalistischen Selbstoptimierungsportfolio gerade noch gefehlt. Doch die neurowissenschaftlichen Forschungen sind zu interessant und angesichts der aktuellen Problemlagen brauchbar, um sie in die spirituelle Räucherstäbchen-Ecke zu verbannen.

Mittlerweile gehören nicht nur eingelagerte Lebensmittel, Kerzen und ein Plan, wo sich verstreute Angehörige im Notfall treffen, ganz selbstverständlich zum Resilienz-Repertoire, sondern auch Atemtechniken, um Ängste zu regulieren, oder die kognitive Fähigkeit, "vom eigenen Selbst abzusehen und sich als Teil eines größeren Ganzen zu erkennen, sei es die Natur, die Gesellschaft oder die Menschheit", wie Juen es formuliert. Der Zirkel aus Neurowissenschaftern, klinischen Psychologen und Wellbeing-Forschern, zu dem Davidson gehört, meint inzwischen messen zu können, dass gezieltes mentales Training das psychische Wohlbefinden hebt. Das wiederum bedeutet nicht weniger, als dass man es – so wie den Aufbau von Muskeln oder die Erhöhung der Ausdauer – selbst in der Hand hat. Einer von Tania Singer, Neurowissenschafterin der deutschen Max-Planck-Gesellschaft, initiierten Längsschnitt-Erhebung zufolge, die während der Covid-19-Pandemie über neun Monate hinweg mentale Praktiken testete, wirken sich unterschiedliche Übungen auch unterschiedlich auf Verhalten, Gehirn und Körper aus. Dass sich Mitgefühl trainieren lässt, ist für Katastrophenforscher insofern relevant, als Menschen, die damit ausgestattet sind, eher bereit sind zu helfen.

Es gibt ein Menschenrecht auf Gesundheit, auch auf psychische Gesundheit, das es nie in die österreichische Verfassung geschafft hat. Dennoch lässt sich für den Menschenrechtsexperten Walter Suntinger daraus eine "konkrete Verpflichtung der Regierung und staatlicher Institutionen ableiten, vorhandenes Wissen zugänglich zu machen und Strukturen aufzubauen, die Menschen unterstützen und stärker machen".

Wann fangen wir endlich damit an?

will sich nicht damit abfinden, dass mitten in der Pandemie und angesichts herandräuender weiterer Krisen nicht alle Register gezogen werden, um die Widerstandskraft der Gesellschaft und der Bürgerinnen und Bürger zu stärken. Hier zu versagen, kostet Lehrgeld, Vertrauen in Institutionen und am Ende vielleicht sogar demokratische Stabilität.