Gastkommentar von Thomas Liegl: Stilkritik

Wie profil-Herausgeber Christian ­Rainer versucht, ein populistisches Bild der Lehrerschaft zu zementieren.

Gastkommentar von Thomas Liegl

Bezug nehmend auf Ihren Leitartikel „Schulzuweisung“ , erschienen in Nr. 48/44. Jg., möchte ich Ihre These bestätigen, dass Sie im Folgenden sicherlich mit einem Schwall an Leserbriefen zu kämpfen haben werden. Zumindest ich möchte zu diesem Thema das Wort an Sie richten. Die Perspektive jedoch ist vielleicht etwas ungewohnt: Ich bin selbst noch Schüler in der Maturaklasse eines humanistischen Gymnasiums in Graz, meine Mutter ist jedoch auch Gymnasiallehrerin, weshalb ich in den Lehrberuf einen nicht unwesentlichen Einblick haben dürfte.

Ja, auch ich habe bezüglich Engagement solche und solche Lehrer erlebt, aber wenn Sie, Herr Dr. Rainer, im Ernst glauben, die Einführung einer strikten 40-Stunden-Woche für Lehrkräfte brächte Besserung mit sich, würde ich mir nur wünschen, dass Sie lauthals in aller Öffentlichkeit die Verantwortung für diese Einführung bekennen, damit sich hinterher wenigstens ein Schuldiger für das Totalversagen des Systems finden lässt. Meine Mutter beispielsweise arbeitet weit mehr als 40 Stunden pro Woche (auch am Wochenende!), die sie vorwiegend damit verbringt, den Unterricht oder Schularbeiten vorzubereiten und zu korrigieren. Die in der Schule verbrachte Zeit ist da nur die Spitze des Eisbergs; Ich denke, kein engagierter Lehrer mit zumindest einem Schularbeitenfach würde mit einer 40-Stunden-Woche auskommen.

Doch da Sie sich offensichtlich einwandfrei dazu in der Lage sehen, die Arbeit der österreichischen Lehrerschaft zu beurteilen, maße ich es mir nun an, den Spieß umzudrehen und Ihre Arbeit und die Ihrer Redaktion zu bewerten.

Alleine schon die ersten Zeilen Ihres Artikels sind an Präpotenz kaum zu übertreffen. Zwar versuchen Sie noch kurz zu implizieren, nur „die anderen“ würden behaupten, Lehrer hätten ohnehin nichts Besseres zu tun, als Leserbriefe zu schreiben, allerdings geschieht dies auf derart primitive Art und Weise, dass man fast schon ein nahes Verwandtschaftsverhältnis zu Herrn Dr. Fellner von der Tageszeitung „Österreich“ vermuten muss. Der anschließend zitierte Leserbrief ist zwar zugegebenermaßen etwas unprofessionell gehalten, über einzelne inhaltliche Punkte könnte man jedoch vielleicht sogar diskutieren. Tatsache bleibt jedoch, dass Ihnen ein Leserbrief wie dieser naturgemäß in die Hände spielt.

Er gibt Raum für Ausführungen, warum sich Lehrer, die ja auf der Insel der Seligen leben, dagegen zur Wehr setzen, wenn es jemand wagt, ihren Berufsstand anzugreifen und ihre Privilegien zu gefährden, warum diese offenbar doch nicht, oder zumindest nur in kaum nennenswertem Ausmaß arbeiten und warum sie den Wünschen der Bevölkerung nicht entsprechen. Offenbar kann man vom Chefredakteur eines österreichischen Nachrichtenmagazins, das – und hier muss ich Herrn C. S. leider recht geben – sich bestenfalls im Mittelfeld der heimischen Medienlandschaft befindet, sich aber dennoch gerne mit dem Begriff „Qualitätsmedium“ schmückt, nur einfachere journalistische Disziplinen erwarten.
Man kann also nicht erwarten, dass versucht wird, auf Kritik konstruktiv zu reagieren und diese abzuschwächen, indem man das Gegenteil beweist. Also beispielsweise eine Gegenüberstellung des gesellschaftlichen Bildes der Lehrer und ihres tatsächlichen Alltags unter Einbeziehung der Rolle der Medien – wobei dies erfordern würde, sich auch eigene Fehler einzugestehen; da dies bei Ihnen nicht einmal im Hinblick auf die Wahl Ihrer Socken bei einer abendlichen Fernseh-Diskussionsrunde möglich war, dürfte sich die Situation im Hinblick auf Ihre journalistische Arbeit nicht unbedingt leichter gestalten. Statt nun also nach einer gemeinsamen Lösung zu suchen, die alle Beteiligten nach Möglichkeit zufriedenstellt, versuchen Sie, höchst populistisch ein Bild der Lehrerschaft zu zementieren, mit dem der Boulevard seit Jahrzehnten Erfolg hat. Herr Fellner lässt grüßen.

Auch Ihr Vorschlag, statt Mathematik ein philosophisches Verständnis von Zahlen zu lehren, ist zwar recht nett, lässt sich jedoch eher mit einem frustrierten Zwölfjährigen diskutieren als in einem Leitartikel veröffentlichen.

Sie sehen, es geht mir gar nicht so sehr darum, das von Ihnen vermittelte Bild der österreichischen Lehrerschaft zu retten; vor allem kritisiere ich den Stil, in dem Ihr Leitartikel gehalten ist.

Ich darf abschließend noch Ihren von mir doch sehr geschätzten Satiriker Rainer Nikowitz zitieren, der da wiederum Herrn Fellner zitiert: Ist für einen solchen Job nicht ein gewisser Mindestcharakter Voraussetzung?
Übrigens: Anders als Herr S. habe ich es nicht notwendig, die Kündigung meines Abos auf diesem Wege bekannt zu geben. Aufgrund fehlender journalistischer Qualität, die sich für mich im Besonderen in Ihrer Person manifestiert, habe ich bereits im Sommer meinen Vater, den übrigens auch eine persönliche Bekanntschaft mit Ihnen verbindet, gebeten, unser Abo zu kündigen – es läuft mit Jahresende aus. Mein Gefühl hat mich offenbar nicht getäuscht.

Thomas Liegl, Schüler des Maturajahrgangs eines humanistischen ­Gymnasiums in Graz