Wahl 2015: Das Ende des roten Wien?

Geht eine Ära zu Ende?

Geht eine Ära zu Ende?

Am kommenden Sonntag könnte eine Ära zu Ende gehen. Wiens Bürgermeister Michael Häupl hat sich für eine riskante Wahlkampf-Strategie entschieden und das Duell mit dem freiheitlichen Parteichef Heinz-Christian Strache angenommen.

Erstmals ist es ernst, erstmals könnte die SPÖ auf Platz zwei verwiesen werden. Sieben Bilder und Situationen, die zeigen, dass Michael Häupl ermattet, doch zäh und mit letzter Kraft in dieses Finale geht, und warum die einst größte Parteiorganisation der Welt nur noch ein Schatten ihrer selbst ist.

Eine Band dudelt. Ponys werden im Kreis geführt, Schaumrollen zerdrückt in Kinderhänden, das Leben ist ein Ringelspiel und auf den Lebkuchenherzen steht in Zuckerguss: „A G’spür für Wien“. Hat er das wirklich? Ein G’spür für Wien?

Christian Rainer und Eva Linsinger über die aktuelle Titelgeschichte

Bürgermeister Michael Häupl pflügt am „Ottakringer Kirtag“ durch die Menge. „Servas-Grüß Dich“ nach links und rechts. Ziemlich blass ist er um die Nase, und wenn er sich von Fotografen und Kameras unbeobachtet wähnt, schaut er melancholisch drein. Dennoch: Die Wiener und Wienerinnen mögen ihn, drängen sich an ihn heran, warten auf einen Blick von ihm, einen Händedruck. Ob auf dem Donauinselfest oder auf Kirtagen, solche Auftritte sind für den amtierenden Bürgermeister immer ein Heimspiel gewesen. Das ändert sich gerade.

Vier Stunden nach Häupl taucht der freiheitliche Herausforderer Heinz-Christian Strache auf dem Bezirkskirtag auf. Auch er wird bedrängt und belagert. Als die noch verbliebenen SPÖ-Funktionäre den Auftritt Straches mit Trillerpfeifen stören, müssen sie bestürzt feststellen, dass die Aktion nach hinten feuert. „Danach sind Kirtagsbesucher zu uns gekommen und haben gezischt – bald seid ihr endlich weg“, erzählt eine Bezirkspolitikerin, noch Tage danach schockiert.

In solchen Szenen scheint sich das Ende einer Ära anzukündigen.

Seit Gründung der Ersten Republik residieren im Wiener Rathaus – Ständestaat und NS-Regime ausgenommen – Sozialdemokraten. Der erste sozialdemokratische Bürgermeister, Jakob Reumann, ein gelernter Drechsler, stand 1919 vor einem ähnlichen Problem wie Häupl heute. Damals waren es Tausende in Wien gestrandete Flüchtlinge aus Ostgalizien gewesen und der Antisemitismus gärte.

Michael Häupl ist studierter Biologe. Er kennt seine Genossen, ihre Empfindlichkeiten, ihre Schwächen. Es ist sein fünfter Wahlkampf als Bürgermeister und SPÖ-Chef, eine lange Zeit, in der er viele Metamorphosen durchlebte: Vom belesenen Austromarxisten zum Politiker-Hans-Dampf, der viel rackerte, um zu kaschieren, dass ihm das Leichtfüßige seines Vorgängers Helmut Zilk gänzlich fehlt. Vom polternden Schmähführer zum gönnerhaften Patriarchen. Vor ein paar Monaten noch döste Häupl in der Rolle des müden Titanen dem Wahlkampf entgegen und mit ihm eine ermattete Partei.

Jetzt ist Feuer am Dach und der 66-jährige Häupl kämpft in der Rolle seines Lebens …

Lesen Sie die Titelgeschichte von Eva Linsinger und Christa Zöchling in der aktuellen Printausgabe oder als E-Paper (www.profil.at/epaper)!