<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Armer Millionär

Wie Romney mit seinen Ausrutschern selbst die eigene Partei vergrault.

Die Demokraten waren entzückt, die Republikaner entsetzt. „I am not concerned about the very poor“, sagte Mitt Romney am Morgen des vergangenen Mittwochs – wenige Stunden nachdem er bei den Vorwahlen in Florida triumphiert hatte – in einem CNN-Interview. „Die ganz Armen machen mir keine Sorgen“: Der Satz des wahrscheinlichen republikanischen Herausforderers Barack Obamas bei den Präsidentenwahlen im kommenden November verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Cyberspace. Die ganze Woche war er Politthema Nummer eins in den US-amerikanischen Medien. Kein Wunder: Der Ausspruch des ehemaligen Gouverneurs von Michigan scheint ideal in die Wahlkampflinie seiner Gegner zu passen. Dieser 200 Millionen Dollar schwere Politiker habe keine Ahnung von den Nöten des Durchschnittsamerikaners. Letztlich seien diesem völlig abgehobenen superreichen Raubtierkapitalisten die Menschen ohnehin völlig egal.

Natürlich ist das ungerecht. In den Kontext gestellt, aus dem er herausgerissen wurde, erscheint der Sager doch nicht ganz so herzlos. Er kümmere sich nicht um die ganz Armen, meinte Romney, denn „wir haben für sie ein Sicherheitsnetz. Sollte das reparaturbedürftig sein, werde ich es flicken. Ich sorge mich nicht um die ganz Armen und nicht um die Reichen – denen geht es ohnehin gut.“ Er wolle sich auf die bedrängte große Mittelklasse konzentrieren.

Brachte das CNN-Interview, als Ganzes gesehen, also sogar eine Entlastung für Romney? Nicht wirklich. Zum demokratischen Hohn gesellte sich nun die republikanische Kritik, die sich über die mangelnde ideologische Festigkeit empört: Romney sei ja mit seiner Betonung der sozialen Sicherheitssysteme, welche die Armen auffangen, geradezu ein Liberaler. Echte Konservative wollen die Bedürftigen gerade aus den sozialen Netzen herausholen, die „staatlichen Abhängigkeiten“ der Menschen reduzieren.
Und die amerikanische Linke hakt nach: Romneys Versprechen, das soziale Netz, wenn nötig, zu reparieren, könne unglaubwürdiger nicht sein. Sein vorgeschlagenes radikales Sparpaket sei ein einziges Sozialabbau-Programm, das die Armen besonders hart trifft.

Natürlich war es ein Ausrutscher. Aber immer wenn die Rede von Reichtum und Geld ist, „reitet Romney der Teufel, und er sagt etwas, das lächerlich, widerlich oder lächerlich widerlich klingt“, stellt die „New York Times“ fest.

- Schon vergangenen August, als ihm Arbeitslose bei einer Veranstaltung ihre Leidensgeschichten erzählten, witzelte er, er sei auch arbeitslos, aber als Netzwerker wisse er genau, welchen Job er wie bekommen will. Die Leute fanden das nicht lustig.

- Als seine Steuererklärung Thema war, sagte er, Honorare, die er für Reden verrechne, machten „nicht viel“ aus: Es waren 370.000 Dollar im Jahr.

- Auf Unternehmensteuern angesprochen, meinte er: „Konzerne sind Leute.“ Der Satz wird bleiben – trotz des Kontextes: „Was Konzerne verdienen, geht letztlich wieder an die Leute. Wohin denn sonst?“, fragte er – und erntete Buhrufe.

- Nicht minder erinnerungsträchtig ist sein Satz „I like being able to fire people“, wobei er meinte, dass er eine Versicherung stanzen können will, wenn sie keine günstigen Bedingungen bietet. Aber der Satz prägt sich ein, nicht zuletzt, weil Romney der Ruf nachhängt, als Chef von Bain Capital, einem Private-Equity-Unternehmen, massenhaft Arbeitnehmer entlassen zu haben.

- Bei einer der TV-Debatten bot er locker eine Wette um 10.000 Dollar an – ein Betrag, der für die meisten Amerikaner aber ein kleines Vermögen darstellt.

Und all das bekommt einen speziellen Hautgout vor dem Hintergrund seiner Einkommensverhältnisse: Romney bezog 2010 aus Kapitalanlagen 21 Millionen Dollar, die er zum Teil über Konten in der Schweiz und auf den Cayman-Inseln bezieht. Und für diese gigantische Summe zahlte er nicht mehr als 13,9 Prozent Steuern.

Trotzdem: Seit der Vorwahl in Florida steht es so gut wie fest, dass er gegen Amtsinhaber Obama antritt. Wenn nicht irgendwas Dramatisches passiert, kann niemand mehr Romney die republikanische Präsidentschaftskandidatur streitig machen. Und er hat durchaus reelle Chancen, kommendes Jahr in das Weiße Haus einzuziehen. Bei allem, was man Positives über Obama sagen kann: Amtsträger, die dem Land in einer wirtschaftlichen Krisensituation mit hoher Arbeitslosigkeit vorstehen, haben es in der Vergangenheit nur selten geschafft, wiedergewählt zu werden. Auch scheint das politische Spektrum der USA in dieser schweren Zeit insgesamt nach rechts gerückt zu sein.

Dennoch lässt Romneys eigenartiger Mangel an Sensibilität, wenn es um soziale Ungleichheit geht, die Demokraten wieder hoffen: Dessen verbale Entgleisungen könnten sein starkes Argument im Wahlkampf, er wisse aus der Erfahrung als überaus erfolgreicher Unternehmer, wie zu wirtschaften sei, letztlich in sein größtes Handicap verkehren.

Aber eines ist auch klar: An seinem Reichtum allein läge es sicher nicht, sollte Mitt Romney im November dieses Jahres verlieren. Bekanntlich waren die populärsten Präsidenten in der Geschichte der USA, George Washington, Franklin D. Roosevelt und John F. Kennedy, allesamt Sprösslinge aus stinkreichen Patrizierfamilien. Der Kampf gegen die Armut war diesen amerikanischen Heldenfiguren freilich ein Anliegen. Und sie strahlten Menschenfreundlichkeit aus.

georg.ostenhof@profil.at