<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Chapeau!

Warum man Newt Gingrich die Daumen halten sollte.

Andy Warhols berühmter Satz, wonach dereinst jeder Mensch 15 Minuten Berühmtheit haben wird, kann für den aktuellen Wettbewerb der republikanischen Präsidentschaftsbewerber paraphrasiert werden. Jeder der Kandidaten hat ein bis zwei Wochen Berühmtheit, dann ist er wieder weg vom Fenster. So lief bisher das Polittheater der amerikanischen Rechten ab. Jeder will dem Publikum zeigen, dass er der schärfste Hund ist, wenn es darum geht, den schwarzen Demokraten Barack Obama kommendes Jahr aus dem Weißen Haus zu vertreiben. Seit vergangener Woche führt nun Newt Gingrich, der ehemalige Parlamentspräsident und einstige Gegenspieler des demokratischen Präsidenten Bill Clinton, im Rennen um die Gegenkandidatur zu Obama.

Mit Ausnahme von Mitt Romney, dem praktizierenden Mormonen und hölzernen Ex-Gouverneur von Massachusetts, ist bisher noch jeder andere nach kurzem Hype abgestürzt. Aber das durch die Tea Party radikalisierte republikanische Stammwählervolk mag Romney nicht. Das folgt dem Schlachtruf ultrakonservativer Talkmaster, der da lautet: „Anyone but Romney“ – jeder außer Romney. Denn der gilt ihnen als Weichei. Drei Bewerber wurden bereits hoch gelobt und wieder fallen gelassen: Michele Bachmann, Rick Perry und Herman Cain.

Nun ist Gingrich der neue Star des konservativen Amerika. Noch im August schien seine Bewerbung am Ende. Seine Wahlkampfberater kündigten, weil sie an der Ernsthaftigkeit seiner Kandidatur zweifelten: Er machte lieber einen ausgedehnten Urlaub, als um Stimmen zu kämpfen. Aber plötzlich hat er in den Meinungsumfragen die Nase vorne. Kann Gingrichs Comeback nachhaltig sein? So wird allgemein gefragt. Oder wird er wie die anderen stolpern?

Deren Aufstieg und Fall hatte bisher durchaus Unterhaltungswert. Die fesche Abgeordnete Michele Bachmann mauserte sich schnell zur Ikone der Tea Party. Aber in den Fernsehdiskussionen zeigte sie erschreckende Wissenslücken. Und ihre Polemik gegen Obama war schließlich doch zu übertrieben, als sie ihm etwa vorwarf, den Krieg gegen den Terrorismus absichtlich verlieren zu wollen – kurz zuvor hatte der Präsident Osama Bin Laden zur Strecke gebracht.

Dann feierten die Parteipuristen den nächsten Senkrechtstarter: den texanischen Gouverneur Rick Perry, der die Bibel wörtlich nimmt, selten ohne Waffe aus dem Haus geht und stolz auf die vielen Todesurteile in Texas ist, die während seiner Amtszeit vollstreckt wurden. Bloß als Redner machte Perry eine erbärmliche Figur: Als ihm das dritte Ministerium, das er abzuschaffen versprach, partout nicht einfallen wollte – „Oops“ –, war es um ihn geschehen.

Auch der ultrakonservative Pizzakönig Herman Cain landete nach kurzem Höhenflug einigermaßen unsanft. Seine nachweisbare Tendenz zur sexuellen Belästigung wäre vielleicht noch akzeptiert worden. Aber dass ihm zu Libyen vor laufender Kamera absolut nichts einfallen wollte und er minutenlang auf eine diesbezügliche Frage schwieg, war doch zu peinlich.

Kein Zweifel: Newt Gingrich, der aktuelle Liebling der Republikaner, besitzt um einiges mehr an politischer Substanz als die drei. Der erfahrene, mit allen Wassern gewaschene Politiker hat auch schon Geschichte geschrieben: Er zeichnete mit seiner Programmatik einer konservativen Revolution bei den Kongresswahlen 1994 verantwortlich für einen legendären republikanischen Erdrutschsieg. Und zu ungebildet – wie die bisherigen Favoriten für den Posten des Obama-Herausforderers – ist er auch nicht. Im Gegenteil. Der gelernte Historiker gefällt sich als allwissender Intellektueller.

Aber wie die anderen hat auch er bereits ein Hoppala produziert – einen „Fehltritt“, der seine Adoranten entsetzt, ihn aber plötzlich sympathisch macht: Lange illegal im Land lebende Ausländer sollten in den Genuss einer Art Amnestie kommen, meinte er. Die Republikaner seien doch eine Familienpartei, sie könne doch nicht wollen, dass durch Abschiebungen Familien zerstört würden. Wenn das ein ausgewiesener Reaktionär und vehementer Kämpfer gegen den „Obama-Sozialismus“ sagt, ist das etwa so erstaunlich, wie wenn H. C. Strache plötzlich für das Bleiberecht von Arigona und Co plädiert. Und Gingrich machte keinen Rückzieher. Chapeau!
Noch erstaunlicher wäre es, sollte Gingrich diesen Fauxpas überleben. Stellt sich das heraus, dann müsste man – ein wenig beruhigt – eingestehen: Da mögen die amerikanischen Konservativen durchgeknallt sein, gänzlich von allen guten Geistern sind sie aber doch noch nicht verlassen.

Man kann sich nur wünschen, dass nicht Mitt Romney, sondern Newt Gingrich das Rennen macht: Denn mit dem vielschichtigen alten Vollblutpolitiker würde sich der Präsidentschaftswahlkampf des nächsten Jahres um einiges spannender, inhaltsreicher und niveauvoller gestalten als im Fall, dass der langweilige Mormone antritt, der dafür bekannt ist, seine Positionen jeweils nach Meinungsumfragen zu verändern.

Es gibt noch einen Grund, Newt die Daumen zu halten: Seine Polit-Karriere ist von einer Reihe Skandalen aller Art geprägt. Und eine ganze Armee von Leichen wartet nur darauf, aus seinem Keller heraufzukommen. Ihr Auftauchen würde garantieren, dass Barack Obama, trotz aller Schwierigkeiten, weitere vier Jahre im Weißen Haus bleiben könnte.

georg.ostenhof@profil.at