<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Der Xi-Faktor

Die Masken der neuen KP-Eliten ­Pekings werden fallen müssen.

Steckt da Rassismus dahinter, wenn man die chinesischen Politiker kaum voneinander unterscheiden kann – unter dem Motto: Alle Chinesen schauen gleich aus? Oder hat das etwas mit der Wirklichkeit des Pekinger Personals zu tun?

Gewiss, die alte Garde hatte hohen Wiedererkennungswert. Mao Tse-tung, der heldenhafte Revolutionsführer und furchtbare Diktator, sein feinsinniger Kompagnon und Chefideologe Tschu En-lai, Deng Xiaoping, der radikale Reformer, der China aus der Armut heraus auf die Überholspur katapultierte: Diese Repräsentanten der ersten Generation des chinesischen Kommunismus hatten Gesichter, die sich einem einprägten. Das waren starke Figuren, die besaßen, was man gemeinhin als Charisma bezeichnet.

Das geht den kommunistischen Politikern von heute völlig ab. Wer kann spontan sagen, wie sie aussehen, worin sie sich unterscheiden – die Herren Hu Jintao, Jiang Zemin, Wen Jiabao und viele andere der chinesischen Führungskaste: Das sind fad und alterslos wirkende Apparatschiks und Technokraten in ihren grauen Anzügen, die – so weiß die Shanghaier Sozialwissenschafterin Loh Su-hsing zu berichten – nicht nur uns Langnasen aus dem Westen, sondern „auch den eigenen Landsleuten als gesichtslose Mitglieder einer homogenen herrschenden Elite erscheinen“. Jegliche rhetorische Fähigkeiten seien ihnen ebenso fern wie empathisches Engagement für die Menschen. „Bei allen öffentlichen Auftritten folgen sie der Parteilinie, sie lesen formelhafte Reden ab oder haben sie auswendig gelernt“, beobachtet Loh Su-hsing in einem Artikel auf der Internet-Plattform „Open Democracy“.

Diese uncharismatischen Politiker waren es aber, die ihr Land – in Fortsetzung der Politik von Deng Xiaoping – einen gewaltigen Sprung vorwärts machen ließen. Offenbar bedurfte es für den Erfolgskurs gerade dieser Männer ohne Eigenschaften.

Und ein ebensolcher wird im Herbst die Führung in Peking übernehmen. Zumindest wirkte Xi Jinping, der vergangene Woche – vor seiner Inthronisierung als Nachfolger im Präsidentenamt – in Washington seinen Antrittsbesuch abstattete, genau so. Xi verhielt sich in den USA kaum anders als Amtsinhaber Hu auf seinen vorhergegangenen Amerika-Trips. Teilweise glichen sich die Toasts und Reden, die sie bei ihren Visiten jenseits des Pazifiks hielten, aufs Wort.

Aber man sollte sich nicht täuschen. Unter der glatten Oberfläche des Herrn Xi steckt eine überaus dramatische Biografie. Das ist nicht ein Mann, der in seinem Leben nur seinen ambitionierten bürokratischen Karriereaufstieg kennt. Gerade in seinen formativen Jugendjahren haben ihn die Zeitläufte gehörig gebeutelt. Xi ist ein „Prinzling“, wie in China die Kinder der Partei-Aristokratie genannt werden. Und sein Vater war nicht irgendein alter KP-Kader, sondern ein Mann der ersten Stunde, ein Mao-Intimus. Xi Zhongxun, dem eher reformerischen Flügel der KP zugerechnet, wurde 1962 „gesäubert“ und eingesperrt. Er verbrachte 16 Jahre in Arbeitslagern. Als er entlassen wurde, zitierte er ein melancholisches Gedicht aus der Tang-Dynastie: „Meine Kinder kennen mich nicht. Sie lächeln und sagen: Fremder, woher kommst du?“

Als Kind eines berühmten „Verräters“ hatte Xi Jinping zu leiden. Und er erlebte die wüsten Zeiten der Kulturrevolution mit all ihrem Grauen. Wie Millionen andere auch ­wurde er aufs Land verschickt, in ein bitterarmes Dorf, in dem er in einer Höhle schlafen und jahrelang hart auf dem Feld arbeiten musste.

Nachdem der Vater rehabilitiert worden war – er stand dann an vorderster Front der Modernisierungspolitik von Deng Xiaoping –, kletterte der Sohn beständig in der Machthierarchie hinauf. Sein Aufstieg wurde auch nicht gestoppt, als der Papa wieder in ­Ungnade fiel: Er hatte 1989, so wird kolportiert, Kritik an der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung am Tiananmen-Platz geübt. In der offiziellen Biografie Xis wird sein Vater jedenfalls nicht erwähnt.

Mit Xi kommt nun die Generation der Roten Garden der Kulturrevolution an die Macht, die aber über ihre Taten von damals nicht sprechen kann. „Sprächen sie darüber, was sie in ihrer Jugend getan haben – ihre Legitimation wäre infrage gestellt“, sagte vor Kurzem der Pekinger Schriftsteller Xu Xing zu profil. Die Kulturrevolution ist tabu.
Und was verspricht dieser Generationswechsel an der Pekinger Spitze für die Zukunft des Landes? Es sieht so aus, als ob die chinesische Wachstums- und Modernisierungsmaschine in den kommenden Jahren nicht mehr so schnurren wird wie bisher. Und der Unmut der Bevölkerung über die grassierende Korruption und die wachsende Ungleichheit wächst dramatisch. Die Multiplikation von Protesten und Aufständen wird erwartet.
Da kommen große Herausforderungen auf die neue Führung zu.

Chinesische Optimisten meinen, Xis vielschichtiger Lebenslauf und die tragischen Erfahrungen seines Vaters werden ihn befähigen, mit Flexibilität auf die Verwerfungen der Zukunft zu antworten. Er könnte zum politischen Reformer werden. Andere befürchten, die neue chinesische Politgeneration werde ihre Jugendtraumata bösartig verarbeiten.
Die Neuen werden jedenfalls in den turbulenten Zeiten, die auf China zukommen, die Masken fallen lassen und ihre wahren Gesichter zeigen müssen.

georg.ostenhof@profil.at