<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
It’s over, ­Republikaner

Barack Obama oder warum Robert ­Altman seiner Zeit 24 Jahre voraus war.

„Tanner 88“ ist ein kleines Meisterwerk des großen US-Filmemachers Robert Altman: Vor nunmehr fast einem Vierteljahrhundert gestaltete der Regisseur so legendärer Filme wie „Nashville“ und „Short Cuts“ eine elfteilige Serie fürs Fernsehen. Sie wirkt seltsam aktuell. Der Plot ist einfach: Jack Tanner ist ein linker Demokrat. Er will Präsident werden. Mit Gusto zeichnet Altman das Spektakel der demokratischen Primaries nach. Der Witz der Serie: Gedreht und gesendet wurde sie parallel zu den realen Vorwahlen. Tanners Gegner sind Jesse Jackson und Michael Dukakis, die tatsächlichen Bewerber um die demokratische Präsidentschaftskandidatur im Jahr 1988. Sie sind Teil des Films. Auch andere reale Personen der amerikanischen Politik treten immer wieder auf. In dieser „Mockumentary“, wie das Genre heißt, hat Altman Fiktion und Wirklichkeit so kunstvoll verwoben, dass man zuweilen nicht mehr weiß, was real und was erfunden ist.

„Tanner 88“ wurde vergangene Woche in Auszügen im Wiener Filmmuseum gezeigt. Hervorragend. Die Serie kann auf DVD erworben werden. Es zahlt sich aus. Sie ist nicht nur überaus amüsant. Altman, der geniale Naturalist des amerikanischen Films, zeigt eindringlich und detailgenau, wie amerikanische Politik funktioniert. Und viel hat sich seither offenbar nicht verändert: Gewiss, da wird genüsslich Kette geraucht, Handys gibt es noch nicht, und die grauenhafte Mode der achtziger Jahre wirkt steinzeitlich. Und doch: Genau so wie in „Tanner 88“ laufen auch heute die Primaries ab: mit all dem „dirt digging“, mit den Spin-Doktoren, welche die Kandidaten bis zur Unkenntlichkeit zurichten, mit den Intrigen und der alles bestimmenden medialen Virtualität.

Es ist nicht zu viel verraten: Tanner verliert die Prima­ries. Dukakis wurde tatsächlich der demokratische Kandidat, der in der Folge gegen den Republikaner George Bush Vater verlor. Bei aller Spannung der Serie aber spürt man von Anfang an, dass der intellektuelle und weiche Tanner, ein arrivierter „Altachtundsechziger“, nicht die geringste Chance hat: Er verspricht die Legalisierung von Drogen, Umwelt ist so wie Antirassismus Zentralthema seiner Kampagne, er will die Feministin Gloria Steinem in seine potenzielle Regierung nehmen.

Nein, so ein Politiker konnte 1988 nicht gewinnen. Auch ein gemäßigterer Demokrat wie Dukakis nicht. Aus einem einfachen Grund: Damals, am Ende der Ära des Präsidenten Ronald Reagan, war die große konservative Welle, die 1968 zu rollen begonnen hatte, auf ihrem Höhepunkt. Nach dem liberalen Aufbruch der sechziger Jahre hatte ein gewaltiger Backlash eingesetzt. Richard Nixon wurde Präsident. Bürgerrechte für die Schwarzen, Anti-Vietnamkrieg-Demos, die Hippie-Bewegung, Drogen und sexuelle Befreiung: Die Liberalisierung der Gesellschaft war vielen zu schnell und zu wild gekommen. Die Demokratische Partei, die sich mit dem Neuen identifizierte und mit den bedrohlich-anarchischen Tendenzen dieser Zeit identifiziert wurde, verlor auf allen Linien: Liberal wurde ein Schimpfwort, die Todesstrafe fand eine überwältigende Mehrheit von Befürwortern. Die Amerikaner wurden wieder religiöser.

Es gab auch in dieser konservativen Ära der USA demokratische Präsidenten: Jimmy Carter von 1977 bis 1981 – er war die Antwort auf Nixons Watergate-Skandal und den verlorenen Vietnamkrieg. Und es gab Bill Clinton von 1993 bis 2001. Beide regierten gegen den Zeitgeist. Carter war nur eine Amtszeit vergönnt. Und Clinton musste sich sechs seiner acht Präsidentenjahre mit einer satten republikanischen Kongressmehrheit herumschlagen, was zur Folge hatte, dass der pragmatische Demokrat vielfach nach rechts einschwenkte.

Am Ende der Clinton-Präsidentschaft freilich ebbt die konservative Welle ab. Seit den späten neunziger Jahren werden die Freunde der Todesstrafe wieder weniger, beginnen die Leute seltener in die Kirche zu gehen und zu beten und werden rassistische Vorurteile und Vorbehalte gegen Schwule geradezu dramatisch abgebaut. Das zeigt die Meinungsforschung. Die Jahre des George W. Bush mit seinem Krieg gegen den Terror, mit Abu Ghraib und Guantanamo verdecken nur den Reifungsprozess, den die US-Gesellschaft in dieser Zeit macht.

Das, wofür in der Altman-Serie Jack Tanner 1988 steht und was als Minderheitenprogramm scheitern muss, entwickelt sich nun weitgehend zum Mainstream und gewinnt 2008 real in der Figur des Barack Obama.
Dessen republikanische Gegner, John McCain und Sarah Palin 2008 und die jetzigen potenziellen Obama-Herausforderer, wirken – ohne sie mit dem sympathischen Protagonisten des Altman-Werks vergleichen zu wollen – so aus der Zeit gefallen wie Tanner in der TV-Inszenierung zwanzig Jahre zuvor. Der Zeitgeist bläst diesen zornigen, radikal rechts agierenden republikanischen Politikern ins Gesicht.

Schlusssequenz der Serie: Tanner hat auf dem Demokraten-Parteitag verloren. Er liegt mit seiner Geliebten im Bett. Sie fragt ihn: „It’s over?“ Er sagt nichts. Die Serie ist zu Ende.

Die Geschichte aber nicht. Schade, dass der 2006 verstorbene Robert Altman den Wahlsieg Obamas 2008 und seine wahrscheinliche Wiederwahl 2012 nicht mehr erleben konnte. Er hätte sich gefreut.

georg.ostenhof@profil.at