<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Schulden und Sühne

Warum die Ökonomie ein bisschen weniger moralisch sein sollte.

In einem Artikel über die Krisenpolitik der Regierung Angela Merkel, in dem die „aggressive Selbstgerechtigkeit“ der Deutschen kritisiert wird, macht die Wochenzeitschrift „Economist“ auf eine semantische Besonderheit der deutschen Sprache aufmerksam: Das Wort „Schulden“ kommt von Schuld. In anderen Idiomen gibt es tatsächlich diese Verbindung nicht. „Dettes“ heißt auf Französisch Schulden, Schuld wird mit „culpabilité“ übersetzt. Auch im Englischen ist das getrennt: Bereuen muss man, wenn man „guilty“ ist, mit Zinsen zurückzuzahlen gilt es, wenn man „debts“ gemacht hat.

Das liberale britische Blatt zitiert in der Folge den deutschen Finanzminister Wolfgang Schäuble. Dieser geißelt das Schuldenmachen. Damit opfere man „langfristige Gewinne kurzfristigen Gratifikationen“. Und er warnt davor zu versuchen, mit noch mehr Geld die Schuldenkrise in den Griff zu kriegen: Man könne Feuer nicht mit noch mehr Feuer bekämpfen. Der „Economist“ fühlt sich an alte Rhetorik erinnert: „Fast hört man das Echo von Martin Luthers Wettern gegen den Ablass. Warum sollte man den Sündern den einfachen Ausweg eröffnen?“

Ob das Echo nun aus der Reformationszeit herüberschallt oder gar aus noch älteren Zeiten, sei dahingestellt. Ganz sicher aber ist die aktuelle ökonomische Diskussion unterschwellig religiös gefärbt. Munter wird hier drauflosmoralisiert: Warum sollen wir Sparsamen und Fleißigen die faulen Südeuropäer rauspauken, die es sich mit gepumpten Geld gut gehen ließen? Aber so ähnlich tönt es nicht nur, wenn es um die Griechen, Portugiesen und Co geht. Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt, heißt es. Jetzt müssten wir dafür büßen. Mit der Begehrlichkeit sei nun Schluss. Wenn wir die Absolution bekommen wollen, müsse das Sparen auch richtig wehtun.

Jeder hat Kredite laufen. Aber im Innersten fühlt man: Schulden sind letztlich unmoralisch. Wer kennt nicht einen alten Menschen, der mit Stolz erzählt, er habe sich sein Lebtag nie und nimmer Geld ausgeborgt? Und auch die höchst komplexe Diskussion, wie man aus der tiefen europäischen Krise herauskommt – mit Sparen oder Ausgeben oder einer Kombination aus beidem –, ist moralisch vergiftet.

Dabei sind Schulden etwas Gutes. Doch, doch: Sie sind letztlich das Lebenselixier des Kapitalismus. Investitionen brauchen Kredite. Ohne solche gibt es kein Wachstum. Und durch Sparen ist noch keine Gesellschaft reich geworden. Denn Kredite sind letztlich nichts anderes als Wetten auf die Zukunft.

Klar, wenn alle gleichzeitig die Wette verlieren, ist die Krise da. Aber ohne Kredit und Geldschöpfung hätten wir unser Wohlstandsniveau nie erreicht. Das muss auch den Kritikern des Neoliberalismus ins Stammbuch geschrieben werden. Da mag jetzt das durch immer höhere Schulden finanzierte Wachstum der vergangenen zwei Jahrzehnte das Finanzsystem an den Rand des Abgrunds geführt haben; da mag die Ungleichheit fröhliche Urständ feiern – die Welt ist dennoch in dieser Zeit um vieles reicher und wohlhabender geworden. Das war eben nicht nur eine Finanzblase. Es wurden reale Werte geschaffen. Und nicht zu wenige.

Auch die Attacken auf die „gierigen Banker“ und der Kampf gegen die „bösen Spekulanten“ ist Teil dieses Moraldiskurses, in dem alte Bilder unbewusst mitspielen: Bekanntlich war es einem Christenmenschen im Mittelalter – und noch viel länger – verboten, Zinsen zu nehmen. Das durften nur die sonst von anderen Berufen ausgeschlossenen Juden, die deswegen auch als Wucherer und Halsabschneider diffamiert wurden. Tatsächlich spielt der schlechte Charakter hoher Finanzmanager (den es zweifellos zuweilen auch gibt) bei der aktuellen Krise eine ebenso untergeordnete Rolle wie die „bodenlose Spekulation“. Wir erleben eine systemische Krise. Es besteht kein moralischer Imperativ, die Reichen nun zur Strafe für die Sünde der Habgier zur Kassa zu bitten. Die Erhöhung von vermögensbezogenen Steuern hat vor allem rationale ökonomische und politische Gründe.

Die wachsenden Staatsschulden machen verständlicherweise Angst. „Mit ihnen belasten wir die künftigen Generationen, die müssen diese ja zurückzahlen“, wird allgemein geklagt. So plausibel diese Behauptung klingt, so falsch ist sie aber. Schulden sind nicht gleich Schulden. Wird das aufgenommene Geld nicht verplempert, sondern halbwegs sinnvoll verwendet, dann sind die neuen Generationen Hauptnutznießer. Eine massive staatliche Neuverschuldung, um eine langjährige Rezession zu verhindern, ist gut angelegtes Geld. Die gesellschaftlichen Kosten einer ökonomischen Depression sind um ein Vielfaches höher als jene der Neuverschuldung. Und staatliche Investitionen in Infrastruktur, Energieeffizienz, Bildung, Forschung und Entwicklung zahlen sich erst langfristig aus. Wer profitiert also? Unsere Kinder und Kindeskinder.

Natürlich muss der Staatsschuldenberg mit der Zeit abgetragen werden. Aber die religiös gefärbte, ängstliche Sparobsession, das Verharren der Wirtschaftspolitik einiger Länder im Spannungsverhältnis von Schuld und Sühne haben die europäische Krise nur verschärft und einen Totalabsturz in den Bereich des Denkbaren gerückt.

Was braucht es also? Weniger Moral. Mehr Mut. Und eine kräftige Säkularisierung der Ökonomie.

georg.ostenhof@profil.at