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Österreich
11/14/2020

Gerry Foitik: "Das Contact Tracing muss im 21. Jahrhundert ankommen"

Rot-Kreuz-Chef Gerry Foitik fordert einen radikal neuen Ansatz für die Suche nach Infizierten. Eine Personaloffensive wird die ersehnte Entlastung jedenfalls nicht bringen.

von Clemens Neuhold

Im Kampf gegen die Pandemie gilt das rasche Aufspüren und Absondern von Personen, die engen Kontakt mit Infizierten hatten, als entscheidender Faktor. Das gelingt kaum noch. Bis Freitag stieg die Zahl der Neuinfizierten über 9000 pro Tag. Macht in wenigen Tagen Hunderttausende Personen, die übers Telefon rasch registriert, informiert und abgesondert werden müssten-was immer seltener geschieht.

Vorarlberg hat bereits vor der Wucht der zweiten Welle kapituliert und beschränkt die Kontaktnachverfolgung auf den Schutz von Hochrisikogruppen. Am Donnerstag empfahl das Gesundheitsministerium den Behörden in einem Erlass genau diesen Zugang. Der Grund: "die Arbeitsbelastung".

Andere regionale Corona-Call-Center arbeiten weiter an der Belastungsgrenze, holen sich Verstärkung durch Soldaten oder Arbeitslose. Das Arbeitsmarktservice hat bereits 140 Personen an Bezirksbehörden vermittelt und verspricht weiteren Nachschub. Vor zwei Wochen gelobte Bundeskanzler Sebastian Kurz, den Lockdown für den Ausbau des Contact-Tracings zu nutzen.

Der Bundesrettungskommandant des Roten Kreuzes, Gerry Foitik, glaubt dennoch nicht, dass eine Personaloffensive die ersehnte Entlastung bringt. "Eine exponentielle Entwicklung der Infektionskurve ist nicht durch lineare Steigerungen des Personals in den Griff zu bekommen", sagt er zu profil. "Derzeit laufen wir dem Virus zwei bis drei Schritte hinterher." Es sei jedoch entscheidend, positive Kontaktpersonen zu erreichen und abzusondern, bevor sie selbst hochansteckend sind. In der Praxis vergehen oft mehrere Tage von einem Verdachtsfall bis zum positiven Testergebnis; und dann weitere Tage bis zur Befragung des Infizierten und der Information seiner engen Kontaktpersonen-wenn sie überhaupt Bescheid bekommen. Tage, in denen sich das Virus längst weiter ausbreiten konnte.

Als ein zentraler Regierungsberater drängt Foitik seit Sommer-bisher vergeblich-auf eine Digitalisierung des Contact Tracing. "Es ist anachronistisch, dass ich übers Telefon Kontaktdaten anderer Personen bekannt gebe. "Nach seinem Modell würden Verdachtsfälle über www.1450.at einen Test bestellen und umgehend ihre engen Kontakte der vergangenen 72 Stunden eintippen können. Diese Personen bekämen eine Nachricht per Mail oder SMS mit der Bitte, vorsichtig zu sein, und hätten die Gelegenheit, den Kontakt zu bestätigen. Sollte der Test bei der Ursprungsperson positiv sein, hätten die engen Kontaktpersonen wenige Minuten später ihren elektronischen Absonderungsbescheid im elektronischen Posteingang. "Bis zu diesem Zeitpunkt wäre noch kein einziger Mitarbeiter beschäftigt", sagt Foitik. Das bestehende Personal könnte lenkend eingreifen und stichprobenartig kontrollieren", sagt der Rot-Kreuz-Mann. "Wenn jemand signifikant weniger Kontaktpersonen angibt als der Durchschnitt, kann das ein Anlass sein, nachzutelefonieren", bringt er ein Beispiel.

Warum stoßen seine Vorschläge seit Sommer auf taube Ohren? "Wer so schwer beschäftigt ist mit dem Corona-Management, startet nicht noch etwas Neues", erklärt er sich die Zurückhaltung der Politik. Für Foitik bleibt die Digitalisierung der Kontaktnachverfolgung "im 21. Jahrhundert" dennoch das Gebot der Stunde. "Server-und Leitungskapazitäten sind leicht skalierbar, die Personaldecke in den Bezirksbehörden nicht."

Am liebsten wäre es ihm, wenn alle Menschen in Österreich als Contact-Tracer arbeiten-indem sie die Stopp-Corona-App benutzen. Das Rote Kreuz hat sie mitentwickelt und bewirbt sie. Bisher noch nicht mit durchschlagendem Erfolg. Aktueller Stand der Downloads: 1,2 Millionen.

Wien setzt weiterhin auf Mensch statt Maschine und hat sein Team von 160 auf 460 Contact-Tracer aufgestockt. Je mehr Menschen, desto mehr Kontakte untereinander. Das birgt eine neue Herausforderung: Die Kontakt-Detektive müssen räumlich so aufgeteilt werden, dass sie bei einem positiven Corona-Fall im Team nicht selbst in Quarantäne landen. Wie in der Stadt Salzburg passiert.

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