Heinrich Schmidinger: „Ich bin von ÖVP und SPÖ enttäuscht“

Heinrich Schmidinger: „Ich bin von ÖVP und SPÖ enttäuscht“

Heinrich Schmidinger, Präsident der Universitätenkonferenz und Rektor der Universität Salzburg, über die Einsparung des Wissenschaftsministers und die Bedrohung der Geisteswissenschaften.

Von Otmar Lahodynsky

profil: Der Rektor der Wiener Medizin-Universität, Wolfgang Schütz, befürchtet, dass nach Abschaffung eines eigenen Wissenschaftsministers bald auch das Forschungsbudget gekürzt werden könnte.
Heinrich Schmidinger: Ich hoffe, dass sich der neue Wissenschafts- und Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner sehr anstrengen wird, dass diese Entwicklung nicht eintritt, weil sie auch für ihn mehr als paradox wäre. Aber natürlich ist sein Spielraum wegen der angespannten Budgetsituation eng.

profil: Gleichzeitig soll demnächst die Entscheidung für den Bau der Linzer medizinischen Universität fallen. Ex-Minister Karlheinz Töchterle hat den Beschluss mit einer Ausweitung der Budgetmittel für alle 21 bestehenden Unis verknüpft.
Schmidinger: Die Hochschulkonferenz hat dazu noch im Juli an die alte Bundesregierung eine Reihe von Forderungen gerichtet. Minister Mitterlehner muss jetzt Farbe bekennen, ob er sich an diese Vorgaben hält oder nicht.

profil: Es gibt Gerüchte, dass Minister Töchterle wegen seiner kritischen Haltung zur neuen Medizin-Uni in Linz bei Oberösterreichs Landeshauptmann Josef Pühringer angeeckt sei. Seine Ablehnung der Doktorratsstudien an der Donauuni in Krems hat wiederum Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll nicht goutiert. Beides könnte ihm den Ministerjob gekostet haben.
Schmidinger: Diese Gerüchte kenne ich auch. Ich kann dazu nichts sagen.

profil: In der Regierungserklärung ist das Ziel von zwei Prozent vom BIP für Wissenschaft und Forschung wiederholt worden, aber wieder unverbindlich.
Schmidinger: Das passiert leider nicht zum ersten Mal. Wir Rektoren und Rektorinnen hätten uns eine höhere Verbindlichkeit bei der Erreichung dieses Zieles gewünscht.

profil: Schmidinger: Ich bin von ÖVP und SPÖ enttäuscht. Die ÖVP hat den völlig unverständlichen Beschluss, das Wissenschaftsministerium dem Wirtschaftsministerium anzugliedern, durchgezogen. Empört bin ich auch über die passive Haltung der SPÖ, die sich sonst bei hochschulpolitischen Themen überdeutlich zu Wort meldet, aber hier bei einer essenziellen Frage Stillschweigen bewahrt. Schließlich hatten die Landeshauptleute der ÖVP vorher klar für ein eigenes Wissenschaftsministerium Stellung bezogen. Nach vollbrachter Tat reden sie von einer Fehlentscheidung – was soll das?

profil: Warum liegen die heimischen Universitäten im internationalen Vergleich so schlecht?
Schmidinger: Gerade unter Minister Töchterle hat sich doch einiges zum Besseren bewegt. So liegt Österreich bei den zusätzlichen Mitteln für Forschung und Entwicklung weit vorne. Auch die Uni-Milliarde war elementar. Es wird eine große Herausforderung für Mitterlehner werden, dass er auch für 2016 bis 2018 diese Mittel aufbringen wird können.

profil: Sie sehen die Zukunft der Geisteswissenschaften durch die Orientierung auf angewandte Forschung bedroht?
Schmidinger: Diese Gefahr ist wirklich sehr groß. Da kommt es sehr auf die Sensibilität des neuen Ministers an. Gerade in Ländern, wo es das Junktim zwischen Wirtschaft und Wissenschaft schon gibt, wurden die Geisteswissenschaften ausgehungert. Im Regierungsprogramm heißt es, dass man für die Geisteswissenschaften zusätzliche Stellen und Mittel zur Verfügung stellen wolle. Es wird entscheidend sein, was mit dieser Absichtserklärung konkret passiert.

Foto: Michael Rausch-Schott