100 Jahre Erster Weltkrieg: April! April!

100 Jahre Erster Weltkrieg: April! April!

Österreich vor genau 100 Jahren: Bis zum Jahrestag des Kriegsausbruchs am 28. Juli stellt profil in der Serie „Der Countdown zum Krieg“ anhand von Zeitdokumenten dar, wie ahnungslos und unvorbereitet eine Gesellschaft in die Katastrophe schlitterte.

Vor einigen Wochen hat eine Kommission des Wiener Gemeinderats dem Kaiser Pläne für den Bau einer Untergrundbahn vorgelegt. Journalistischen Scherzbolden schwant sofort Übles: Als Aprilscherz lässt das Satireblatt „Muskete“ den Stephansdom einstürzen, weil unten die U-Bahn gebaut wird. 65 Jahre später wird bewiesen, dass es auch ohne Dom-Einsturz eine U-Bahn unter dem Stephansplatz geben kann.

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Die Welt ist ohne Radio, Fernsehen und Internet noch unermesslich groß und offenbar außerordentlich gefährlich. Aus fernen Ländern treffen immer wieder Meldungen ein, die sich zwar nicht überprüfen, das Publikum aber erschauern lassen, etwa in der letzten Märzwoche 1914: „Nach einer Kabelmeldung von den Neuen Hebriden haben Eingeborene im Norden der Insel Mallikolo sechs eingeborene Lehrer der australischen Missionsstation ermordet und verzehrt.“

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Fürstin Pauline Metternich (78) gibt einer Alt-Wiener Walzerjause in den Räumen der Gartenbau-Gesellschaft an der Wiener Ringstraße die Ehre ihres Erscheinens und kündigt an, sich künftig von allen gesellschaftlichen Veranstaltungen zurückziehen zu wollen. Sie ist eine Enkelin des despotischen Staatskanzlers Clemens Wenzel von Metternich. Berühmt wurde sie durch ihre Salons, zu denen sie freilich nur den hohen Adel lud. Es wurde in ihren Kreisen als Frevel angesehen, als sie sich herabließ, den Salon auch für Bankiers, wie etwa Mitglieder des Hauses Rothschild, zu öffnen. Bei Hof hatte die Erbin lange eine bedeutende Stellung, die sie dazu nutzte, gegen Kaiserin Elisabeth („Sisi“) zu intrigieren. Pauline Metternich starb 1921. In ihrem ehemaligen Palais am Wiener Rennweg ist heute die italienische Botschaft untergebracht.

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In Graz werden zwei Hebammen und fünf Frauen zu mehrmonatigen Haftstrafen verurteilt. Die Hebammen hatten an den Frauen Abtreibungen vorgenommen. Eine Frau konnte nicht mehr vor Gericht gestellt werden – sie war nach dem Eingriff gestorben. „Gegen das keimende Leben“ titelt die „Neue Freie Presse“ ihren empörten Prozessbericht. Fast auf den Tag genau 60 Jahre später sollte der Schwangerschaftsabbruch in den ersten drei Monaten vom Nationalrat straffrei gestellt werden.

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Kaiser Wilhelm II. ist nach seiner Europa-Tour wieder in Berlin und erweist sich als etwas unsicherer Kantonist. Eben hat er noch die katholischen Monarchen von Österreich-Ungarn und Italien besucht, und schon schreibt er der vom Protestantismus zum Katholizismus übergetretenen Landgräfin von Hessen einen saugroben Brief, den die Münchener „Allgemeine Landeszeitung“ enthüllt: „Du trittst also jenem Aberglauben bei, den auszurotten ich mir zur Lebensaufgabe gesetzt habe!“
In Wien laboriert der 83-jährige Kaiser Franz Josef inzwischen an einer schweren Erkältung, die er sich beim Empfang Kaiser Wilhelms am Bahnhof von Penzing zugezogen hat. Aber davon darf die Öffentlichkeit vorerst nichts wissen.

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In Österreich findet die Äußerung eines russischen Generals in einer Petersburger Zeitung, wonach ein Krieg unausweichlich sei, keine besondere Aufmerksamkeit. Auch ein beunruhigender Leitartikel in der russischen Armeezeitung („Die beiden germanischen Reiche sind zu zerschmettern“) wird in den Wiener Blättern nur in Einspaltern wiedergegeben. In Bessarabien finden nahe der österreichischen Grenze inzwischen große Manöver der russischen Truppen statt. Auch von ihnen erfährt die Öffentlichkeit nicht viel.

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Ausführlicher widmet man sich einem Ausflug des Thronfolgerpaares von Schloss Miramar bei Triest nach Grado. Das hohe Paar wird vom Bürgermeister empfangen und besichtigt „die schönen Bauten und Gartenanlagen. Unter den Ovationen der gesamten Bevölkerung verabschiedeten sich Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin und versprachen, während der Badesaison Grado wieder besuchen zu wollen.“
Dazu sollte es nicht mehr kommen.

Noch 17 Wochen bis zum Krieg.

Lesen Sie außerdem:

„Der letzte Frühling“: Der Countdown zum Krieg, Teil XII: 23. - 30. März 1914

„Tod in Venedig“: Der Countdown zum Krieg, Teil XI: 16. - 22. März 1914

„Über den Wolken“: Der Countdown zum Krieg, Teil X: 9. – 15. März 1914

„Der weiße Tod“: Der Countdown zum Krieg, Teil IX: 2. - 8. März

„Der Tanz auf dem Vulkan“: Der Countdown zum Krieg, Teil VIII: 23. Februar - 1. März

„Ein Ball bei Hofe”: Der Countdown zum Krieg, Teil VII: 16.-22. Februar 1914

„Über den Dächern von Wien”: Der Countdown zum Krieg, Teil VI: 9.-15. Februar 1914

„Wiener Bürger gegen den Tango”: Der Countdown zum Krieg, Teil V: 2.-8. Februar 1914

„Plötzlich verstorben”: Der Countdown zum Krieg, Teil IV: 1. Februar 1914

In Paris wird getafelt: Der Countdown zum Krieg, Teil III: 19. bis 25. Jänner 1914

Der Kaiser fährt aus: Der Countdown zum Krieg, Teil II: 12. bis 18. Jänner 1914

„1914 wird ein schönes Jahr sein”: Der Countdown zum Krieg, Teil I: 1. bis 12. Jänner 1914

Sarajevo revisited: 100 Jahre Erster Weltkrieg